Verdrängen wir die Folgen unseres Konsums? Bild: Fabian Gampp für transform
Verdrängen wir die Folgen unseres Konsums? Bild: Fabian Gampp für transform

Meister der Verdrängung

Unser luxuriöser Lebensstil ist nur möglich, weil wir verdrängen, welche Konsequenzen er hat. Wir gönnen uns den Luxus der Unwissenheit. Kann das gutgehen?

Dezember 2016, ein Weihnachtsmarkt in Köln. Zwischen Christbaumkugeln und Lebkuchen presst eine junge Frau die Hände vor den Mund und schüttelt immer wieder den Kopf. Um den Marktstand vor ihr hat sich eine Menschentraube gebildet. Ein Landwirt aus Essen bietet hier etwas ganz Besonderes an: Die frischeste Weihnachtsgans Deutschlands. So frisch, dass der Landwirt sie live und vor Ort schlachtet. Wer eine Gans kaufen möchte, muss mit ansehen, wie das Tier in eine Maschine eingespannt und sein Hals durchtrennt wird. Nicht nur der jungen Frau ist das zu viel.

Das Sozialexperiment der WDR-Wissenschaftsredaktion auf dem Kölner Weihnachtsmarkt dokumentiert ein Dilemma: Ein Großteil der Menschen will noch immer Fleisch essen ­— knapp fünf Millionen Tonnen gehen jedes Jahr über Deutschlands Ladentheken. Aber sie wollen nicht wissen, wie das Tier vom Lebewesen zum Lebensmittel auf ihrem Teller wird. „Wir haben das Töten hinter die Kulissen verlegt“, sagt Ernährungspsychologe Prof. Dr. Christoph Klotter. Das hat Konsequenzen für die Fleischproduktion und -vermarktung. „Das Fleisch wird dem Konsumenten so präsentiert, dass möglichst wenig an seine Herkunft erinnert“, so Klotter. Am beliebtesten ist daher die Hühnerbrust, weniger der Hühnerschenkel. Füße oder Innereien kommen den meisten nicht auf den Tisch.

„Ignorance is bliss“, sagt ein englisches Sprichwort — Unwissenheit ist ein Segen. Eigentlich sollte jedem klar sein, dass die eingeschweißte Hühnerbrust im Kühlregal erst durch den Akt der Tötung zum Stück Fleisch wird. Hunderte Male sind die Aufnahmen mittlerweile über unsere Bildschirme geflimmert: Männliche Küken, die lebendig geschreddert werden. Schweine in Käfigen so eng, dass sie sich nicht hinlegen können. Gänse, denen für die perfekte Stopfleber Trichter in den Hals gestopft werden. Und Hühner, die nicht mehr aufrecht stehen können, weil das Gewicht ihrer überzüchteten Brust sie zu Boden zieht.

„Wir wollen uns beim Essen nicht mehr schuldig fühlen“

Wir wissen, welchen Preis Tiere zahlen, um zum Konsumgut zu werden. Aber wir entscheiden uns ganz bewusst, dieses Wissen zu verdrängen. Nur so können wir den Luxus genießen, ein Stück Fleisch zu essen. „Wir wollen uns beim Essen nicht mehr schuldig fühlen“, sagt Klotter. Unwissenheit ist kein Segen — sie ist → ein Luxus, den wir uns gönnen. Und das gilt nicht nur für unseren Fleischkonsum. Im Jahr 2013 wurde Bangladesch zum Symbol für schlechte Arbeitsbedingungen, als die Textilfabrik Rana Plaza einstürzte. 1127 Menschen starben in den Trümmern, mehr als 2000 wurden teilweise schwer verletzt. Der Einsturz des Gebäudes ist das bisher größte Unglück in der Bekleidungsindustrie weltweit. Aber er ist nur ein Vorfall von vielen.

Ob große Ketten oder exklusive Luxusmarken ­— fast alle Modefirmen lassen ihre Kleidung unter widrigen Arbeitsbedingungen in Bangladesch und anderen Niedriglohnländern produzieren. Schlechte Bezahlung, niedrige Sicherheitsstandards und Überstunden bis zur völligen Erschöpfung gehören hier zum Alltag. Der Aufschrei nach Rana Plaza war riesig. Doch unser Konsumverhalten hat sich nicht verändert: Viele Modekonzerne machen weiter Rekordumsätze. Ebenso kann die Pelzindustrie auf ihre Kund*innen zählen. Für einige Zeit schien Pelz komplett aus der Modewelt verschwunden zu sein. Die abschreckenden Bilder sind auch hier bekannt: Endlose Käfigreihen voller Nerze, Füchse, Kaninchen oder Marderhunde, eingepfercht auf engstem Raum, dann erschlagen, mit Elektroschocks getötet, teils bei lebendigem Leib gehäutet. Ein Grund, auf Pelz zu verzichten?

Während der klassische Pelzmantel zur Seltenheit geworden ist, tauchen seit einigen Jahren plötzlich wieder Pelzbesätze an Kapuzen oder Mützen auf — und zwar nicht in luxuriösen Fachgeschäften, sondern in Massenproduktion für fast alle großen Ketten. Die Bommeln und Kragen kommen unscheinbar daher. Manche Kund*innen gehen einfach davon aus, dass es sich um Kunstfell handelt. Ein Blick aufs Etikett würde schnell bestätigen: Alles echt. Aber wer will das wissen? Die Einnahmen der Branche haben sich laut dem Deutschen Pelzinstitut seit den 1990er-Jahren kaum verändert: Sie liegen jährlich bei rund einer Milliarde Euro.

Überall lauert der nächste Fehltritt

Vom Fleischkonsum über den Billig-Discounter bis hin zur schwedischen Möbelkette — die Liste ließe sich endlos fortsetzen. Hier beginnt das eigentliche Dilemma. Wir machen uns nicht nur beim Fleischkonsum mitschuldig, sondern potenziell bei jedem Konsum. Wer nicht auf Unwissenheit setzt, sondern sich informiert, steht bald bei jeder Kaufentscheidung im Konflikt mit sich selbst: Ob Mikroplastik im Duschgel, Palmöl in der Schokocreme, Kaffee aus Kinderarbeit, seltene Erden im Smartphone oder Pestizide beim Baumwollanbau — überall lauert der nächste Fehltritt.

Doch auch der konsequenteste Vegetarier lässt sich vielleicht mal zum Kauf von ein paar Lederstiefeln hinreißen. Und selbst die leidenschaftlichste Klimaschützerin steigt für die Reise zur Klimakonferenz mal ins Flugzeug. Ist unser Lebensstil also überhaupt noch möglich, ohne zu verdrängen, auf welchen Rücken unser Luxus gebaut ist? Gibt es nur zwei Wege, mit diesem Dilemma umzugehen: Glückliche Ignoranz oder völlige Askese?

„Wir würden Fleisch ganz anders verzehren, wenn wir die Produktion und das Töten mit einbeziehen würden.“

Christoph Klotter

Ein anderer Weg könnte sein, die eigene Schuld anzuerkennen. „Nur wer seine Schuld anerkennt, ist dankbar“, sagt Klotter. Diese Dankbarkeit ist Voraussetzung dafür, dass wir Konsumgüter wertschätzen — ihnen einen Wert beimessen. Klotter ist sich sicher: „Wir würden Fleisch ganz anders verzehren, wenn wir die Produktion und das Töten mit einbeziehen würden.“ Die Anerkennung der eigenen Schuld würde einen maßvolleren Konsum ermöglichen — und dadurch auch eine neue Genussfähigkeit. Statt jeden Tag würden wir dann zum Beispiel nur noch ein Mal im Monat Fleisch essen, dafür aber jeden einzelnen Bissen wertschätzen.

Die Schuldfrage hat aber noch eine andere Seite. Mit unserem luxuriösen Lebenswandel machen wir uns schuldig gegenüber der Arbeiterin in Bangladesch, dem Schwein auf dem Fließband, dem Inselbewohner im Pazifik — man könnte auch sagen: Wir stehen in ihrer Schuld. Ist es möglich, diese Schuld zu begleichen?

Hier setzen sogenannte Kompensationsagenturen an. Wer das Klima schonen, aber trotzdem in den Flieger steigen möchte, kann bei Atmosfair, Myclimate und anderen Anbietern berechnen lassen, wie viel CO2-Ausstoß der Flug verursacht und wie viel Geld nötig ist, um die Menge auszugleichen. Eine Spende an die Agenturen unterstützt Klimaschutzprojekte, die an anderer Stelle CO2 einsparen.

Mit einem Klick zum guten Gewissen

Andere Firmen setzen auf einen verwandten Ansatz: Nach dem Prinzip „1 kaufen, 1 spenden“ werben sie für einen sozialen Konsum. So spendet etwa jeder gekaufte Nussriegel eine Portion Essen, jede Flasche Wasser einen Tag Trinkwasser. Die Botschaft: Wer dieses Produkt konsumiert, hilft gleichzeitig einem Menschen in Not.

Ein Risiko dieser Ansätze liegt darin, mit einem Klick und ein paar Euro das eigene Gewissen zu beruhigen­ — ein Ablasshandel, der den Weg zurück in die glückliche Ignoranz freimacht. Kompensation kann immer nur die zweitbeste Lösung sein. Denn das Tier, das wir essen, leidet trotzdem. Der klimaneutrale Flug, den manche Agenturen anpreisen, existiert in Wirklichkeit nicht.

Doch allein das Bewusstsein darüber, welchen Preis unser Luxus hat, kann eine enorme Mobilisierungswirkung haben. Viele politische und soziale Bewegungen sind aus diesem Bewusstsein entstanden: vom Klima- und Umweltschutz über Veganismus bis hin zur Anti-Atom-Bewegung. Nur wer anerkennt, dass das eigene Handeln Folgen hat, kann etwas verändern.

Es gibt also drei Möglichkeiten, sich der Wirklichkeit zu stellen: Wir können unser Konsumverhalten ändern und auf bestimmte Produkte und Dienstleistungen verzichten. Wo dieser Verzicht nicht möglich ist, können wir weniger und bewusster konsumieren und einen Ausgleich für unser Handeln finden. Und wir können politisch aktiv werden, um das System zu verändern — zum Beispiel mit einem Verbot von viel zu kleinen Käfigen für Hühner oder Schweine. Natürlich können wir auch einfach weiter den Luxus der Unwissenheit genießen. Den Preis dafür zahlen aber andere.


Text: Hannah König

Illustration: Fabian Gampp


transform Ausgabe 5

Dieser Beitrag stammt aus unserer neuesten Ausgabe zum Thema „Luxus“! Und die kannst du dir hier bestellen. Damit unterstützt du unsere Arbeit.

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