Heute Morgen habe ich auf dem Weg zur Arbeit geweint. Schon im Zug hat es angefangen – erst habe ich versucht, die Tränen zu unterdrücken, aber schnell haben sie sich verstohlen ihren Weg gebahnt. Ich habe still geweint und nur ganz kurz, und zwischendurch habe ich mich zum Fenster gedreht und mir die Spuren aus dem Gesicht gewischt. Schließlich wollte ich keinen der allmorgendlichen Pendlerzombies durch meinen Anblick aus dem inneren Gleichgewicht reißen.

Wieso ich geweint habe? Naja, ich bin ein Mensch, mein Leben ist nicht perfekt. Da kommt Traurigkeit schon einmal vor. Und eine Zugfahrt bei gerade nah am Wasser gebauter Grundverfassung tränenfrei zu überstehen fand ich schon immer schwierig. Schließlich ist man seinen Gedanken selten so ausgeliefert, wie bei schlechter Internetverbindung in der S-Bahn. An und für sich finde ich das super: Zugfahren kann den Kopf aufräumen helfen. Eigentlich also eine gute Sache. Wenn da nicht dieses Schamgefühl wäre. Wer schon einmal im Zug geweint hat, weiß, wovon ich rede: So viele Menschen, zum Greifen nah – und doch so viel Einsamkeit, das kann einen schon umhauen. Und wer die Contenance verliert, der fühlt sich ausgeliefert: Den überforderten Blicken der Zugfahrer, oder, vielleicht noch schlimmer: Den nicht vorhandenen Reaktionen der Menschen um einen herum.

Die meisten wissen einfach nicht, wie sie reagieren sollen

Zum Guten Leben gehört nicht nur Friede, Freude, Eierkuchen, sondern auch Mut zu jeder Emotion.

Zurück zu meinen Tränen. Ich kann sie also nicht zurückhalten, aber ich versuche, sie zu verstecken. Es ist nicht das erste Mal, dass ich im Zug weine, ich kenne mich schon damit aus. Einmal war es sogar richtig ungehemmt: Es war der Tag nach einer Trennung. Ich habe die komplette Fahrt durchgeheult, im vollbesetzten Zug. Schamgefühl und andere Menschen waren mir in dem Moment egal. Es hat mir niemand auch nur ein Taschentuch angeboten. Das verwundert eigentlich nicht: Es wird so wenig in der Öffentlichkeit geweint, dass die meisten einfach nicht wissen, wie sie darauf reagieren sollen.

Das ändert nichts daran, dass ich meine Tränen auch heute, fast zehn Jahre später, immer noch nicht unterdrücken kann. Nicht im Zug, auch nicht sonstwo in der Öffentlichkeit. Wenn es mir richtig dreckig geht, dann heule ich. Natürlich versuche ich, wenn meine Fassung mich in der Öffentlichkeit verlässt, mich abseits zu stellen, hinter eine Mauer oder ein parkendes Auto, ab vom Strom der Menschen, möglichst unsichtbar.

Natürlich?

Zu weinen ist natürlich. Sich zu verstecken, weil man gerade nicht funktioniert, ist es nicht. Es ist ein antrainiertes, gelerntes Verhalten –  wer nicht funktioniert, wird versteckt oder versteckt sich von selbst– wir kennen das aus anderen Bereichen des kapitalistisch geprägten Lebens nur zu gut. Ich finde das – gelinde gesagt – zum Heulen.  Schon wieder. Ich würde sogar sagen, ich hätte auf dem Weg zur Arbeit gar nicht geweint, wenn ich das Gefühl gehabt hätte, dass es ok ist, in der Öffentlichkeit solche Emotionen zu zeigen, in der Öffentlichkeit mal nicht zu funktionieren. Warum? Weil ich mich dann nicht ganz so alleine gefühlt hätte. Weil mir in diesem Moment vielleicht bewusst gewesen wäre, dass es auch anderen Menschen so geht. Dass die Zugzombies um mich herum gar keine Zombies sind, sondern Menschen, die, genau wie ich, ab und an die innere Kontrolle über ihr Leben verlieren. Und das auch auf dem Weg zur Arbeit.

Weinen ist menschlich

Nachdem ich aus dem Zug ausgestiegen war, konnte ich mich nicht mehr zusammenreißen. Hinter einer Mauer (!) habe ich losgeheult. Ohne Taschentuch, lauthals. Nicht lange. Dann bin ich arbeiten gegangen. Der Arbeitstag wurde so gut, wie lange nicht mehr.

Machen wir Tränen wieder gesellschaftsfähig!

Denn Weinen ist menschlich. Weinen ist eine wichtige körperliche und hormonelle Funktion und kann dazu beitragen, unser inneres Gleichgewicht wieder herzustellen. Ich plädiere klar für mehr echte Tränen. Und generell für mehr Emotion: ortsungebunden und authentisch. Für mein eigenes Seelenheil – und für das der Gesellschaft.
Ihr seid traurig? Dann tut mir, euch, der Welt und dem Guten Leben bitte in Zukunft einen Gefallen: Weint. Und zwar einfach dort, wo euch danach ist. Vielleicht gewöhnen wir uns dann wieder an reale menschliche Emotionen im Alltag.

 

 

Pia macht Öffentlichkeitsarbeit für den Schutz von Natur, Tieren und Menschen.

In ihrer Freizeit schreibt sie hin und wieder über Themen, die ihr sonst noch auf der Seele brennen.

 

Beitragsbild: Illustration von Anna Rigamonti. Anna arbeitet als Informations-, Grafikdesignerin und Illustratorin in Berlin. Vor kurzem hat sie – zusammen mit Veruschka Götz – ihr erstes Buch zum Thema Informationsdesign veröffentlicht:
„1+1≠2. Informationsvisualisierung. Missbrauch und Möglichkeit – Die Grundlagen des Informationsdesigns

 

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