Luxus und Glitter; Anja Barteld für transform
Luxus und Glitter; Anja Barteld für transform

Luxus ist so verschieden und ähnlich wie wir alle

Wir haben sieben Menschen gefragt, was Luxus für sie bedeutet. Konsum, Zeit oder Exzess? Das Ergebnis: Genau das und doch was ganz anderes.

Luis Pinto für transform

Merle Grimme, 29, Filmemacherin

Luxus gibt es meiner Meinung nach nicht. Es ist vielmehr ein Wort ohne Inhalt. Wenn Luxus mit »verschwenderisch«, »nicht notwendig« oder »kostspielig« definiert wird, dann wird es eigentlich noch komplizierter: Jede Person scheint mir eine andere Definition davon zu haben, was notwendig und was nicht notwendig für unser Leben ist. Das menschliche Leben an sich ist vielleicht ein Luxus, den sich der Planet Erde gegönnt hat. Mal ganz provokant gesagt: Der Planet, auf dem wir leben, könnte auch gut ohne uns sein. Heißt: Der Mensch ist nicht wirklich notwendig.

In einigen Teilen der Welt könnte man dem Menschen auch zuschreiben, dass er durch seinen Energiebedarf verschwenderisch ist und dies auf Kosten von Anderen auslebt, also kostspielig ist. »Mein Körper ist ein Luxusgut« bekommt damit plötzlich einen ganz anderen Sinn. Wäre doch ein ganz interessanter Gedanke. Wie würden wir uns wohl auf der Erde bewegen und verhalten, wenn uns jeden Tag bewusst wäre, dass wir das Luxusgut der Erde seien. Vielleicht würden wir uns dann täglich bemühen, unserer Existenz eine weitere Daseinsberechtigung zu geben.

Luis Pinto für transform

Bijan Kaffenberger, 28, Politiker

Luxus ist ein wenig wie Erotik. Wenn Erotik das ist, was man nicht sieht, dann ist Luxus das, was man nicht hat. Egal ob materiell oder immateriell, Luxus stellt für viele substanzielle Begierde da. Und wie Erotik kann Luxus auch anmachen. Zumindest die meisten Menschen, die nicht asexuell oder aluxuriös sind. Luxus ist immer etwas, was du dir selbst gönnst, und in unserer Gesellschaft steht Gönnung zurzeit hoch im Kurs. Besonders bei jungen Menschen.

Luxus ist immer etwas, was du dir selbst gönnst.

Alle gönnen sich! Luxus ist relativ. Jeder gönnt sich anders. Also gönn dir auch! Im Gegensatz zu materiellen Werten ist die Summe an Erfahrungen, die man auf der Welt machen kann, unendlich. Für mich ist daher zum Beispiel Reisen Luxus. Früher hatte ich kaum Geld für weite und lange Reisen und heute leider kaum mehr Zeit dafür. Zwei Mal im Jahr drei Wochen verreisen. Das wäre Luxus.

Und weil ich keine Zeit habe, wird die Luxus-Liste an Orten, an die ich noch reisen möchte, immer länger: Kamtschatka, Azoren, Japan, La Réunion. Die anderen gönnen sich, reisen, essen, faulenzen und ich sitze zu Hause und schreibe E-Mails, Texte oder Reden. In den Schreibpausen like ich auf Facebook und Instagram Fotos davon, wie sich andere Luxus gönnen. Man muss auch gönnen können.

Luis Pinto für transform

Christine Ebner, 58, Kräuterpädagogin und Erzieherin

Luxus ist für mich, wenn ich trotz vieler Arbeit und vieler Ereignisse um mich herum Zeit finde, um zu genießen, zu entspannen, zuzuhören oder angehört zu werden. Luxus heißt für mich, dass ich meine Familie, Kinder und Enkelkinder in unmittelbarer Nähe um mich habe. Und auch wenn die Zeit manchmal knapp ist, gönne ich mir gern den Luxus, frische und gesunde Lebensmittel zuzubereiten und in Ruhe an einem schön gedeckten Tisch gemeinsam zu essen. Ich sehe es als Luxus an, überhaupt Essen zu haben.

Auch empfinde ich es als Luxus, dass ich nur ein paar Schritte gehen muss, um mich entweder im Wald, am Bach oder auf einer schönen Wiese zu befinden. Ich genieße die Natur um mich und kann mich so innerhalb kürzester Zeit entspannen. Luxus ist für mich auch, in einem eigenen Haus oder Hof zu leben und eigenen Grund und Boden zu haben, den man bewirtschaften und pflegen darf und der uns ernährt. Von Zeit zu Zeit gönne ich mir den Luxus eines Konzerts, einer Autorenlesung oder einer Ausstellung. Und zum Schluss ist es auch Luxus für mich, mir die Zeit nehmen zu können, um anderen zuzuhören und ihnen dadurch helfen zu können, aber auch jemanden zu haben, der mir zuhört.

Luis Pinto für transform

Lucia Schlesinger, 24, Lebenskünstlerin mit vier Nebenjobs

Die Körperlotion wunderbar duftend nach Moor-Lavendel, auf die frisch geduschte Haut aufgetragen, samtig weich und wohltuend — dies ist einer meiner Lieblingsmomente und für mich Luxus. Genauso wie ich bei meiner Nahrung trotz niedrigen Einkommen nur ökologisches, wenn möglich Demeter-zertifiziertes Essen zu mir nehme, verwende ich ausschließlich Bio-Produkte für meinen Körper. Im Vergleich zu konventionellen sind sie zwar sehr teuer, aber mein Körper ist mein Zuhause und ich möchte gut mit mir selbst umgehen. Für mich können sinnliche Dinge ein großer Luxus sein.

„Jeden Monat ein neues Buch!“

Seit Anfang des Jahres gönne ich mir jeden Monat ein neues Buch — eine luxuriöse Belohnung und gleichzeitig auch Investition in mich. Eine weitere Sache, die für mich Luxus bedeutet sind Flohmarkt- und Trödelgänge, auf denen ich mir Einrichtungsgegenstände kaufe, die schon viele Jahre hinter sich haben und somit eine Geschichte mit sich bringen. Dafür gebe ich gern Geld aus, da sie mein Zuhause verschönern.

Der vielleicht größte Luxus, den ich mir gegönnt habe, sind zwei Yoga-Ausbildungen in Bali. Kurse, Workshops und ähnliches, mit denen man sich weiterbildet und neue Fähigkeiten erwirbt empfinde ich als den schönsten Luxus.

Luis Pinto für transform

Thomas Manegold, 49, Autor und Mediengestalter

Von außen betrachtet ist bereits das Leben, was ich führe, reiner Luxus: In einen 4K-Monitor starren, eine eigene Waschmaschine, Licht im Kühlschrank, der Hang zum Übergewicht, fließend Warmwasser, Heizung und bei Rewe einkaufen. Hinzu kommt, dass ich mir den Luxus leiste, das zu arbeiten, was mir Spaß macht.

Ich leiste mir den Luxus zu arbeiten, was mir Spaß macht.

Per Definition ist Luxus aber genau das bisschen Dekadenz, was man nicht hat, was man sehr gern hätte und was eben für einen selbst noch nicht eklig ist. In meinem Fall wäre es, Geld zu haben, um die Hardware und die Peripherie von vier vernetzten Arbeitsplätzen gleichzeitig zu erneuern, einen schicken, nach meinen Vorstellungen ausgebauten Gastronomiebetrieb, mit Studio, mit Bühne, Licht und Tonanlage, Büros, Werkstatt, mit schnellem WLAN und mit S-Bahn-Anschluss, ohne böse Nachbarn und ohne Kredit abzahlen zu müssen.

Aber auch meinem Sohn eine ordentliche Bildung zu gewährleisten, ihm jedwede Indoktrination ersparen zu können, ist totaler Luxus. Dass mein Kind nicht Geld zahlen muss, damit ich totgepflegt werde. Dass ich mir meine Dritten und mein Hörgerät leisten kann, von dem, was ich ehrlich und aufrichtig erarbeitet habe. Und den finalen Trip in die Schweiz, wenn es endlich soweit ist.

Luis Pinto für transform

Jonas Drechsel, 29, Zukunftforscher

Zufriedenheit ist Luxus. Somit ist Luxus nur erreichbar, indem ich meinen Alltag gerne lebe. Ein Alltag, der mich zum Strahlen bringt. Luxus kann nicht als Abgrenzung zum Alltag verstanden werden, der alltägliche Unzufriedenheit zu kompensieren gedenkt. Mein Luxus des Alltags besteht aus einem bunten Mix von Sinn, Spaß, Spiel, Sozialem, Körperlichem und Liebe. Luxus kommt aus mir selbst.

Es gilt, den Mix auf das sich stetig wandelnde Selbst und die permanente Veränderung meiner Umwelt anzupassen. Luxus verlangt nach Fokus auf Wesentliches. Ich eroberte mir mit einem Süßigkeiten-Minimalismus die Geschmacksexplosion zurück. Nach drei Monaten ohne Schokolade punktualisiere ich diese Genussmomente ganz bewusst — statt nebenbei zu konsumieren. Denn der Genuss lebt von der Besonderheit. Und was ist Luxus ohne Genuss wert?

„Ein Stück Freiheit zurückerobern!“

Unsere Umwelt konstruiert ständig, welchem Pfad wir im Alltag folgen sollen. Es gilt, sich ein Stück Freiheit zurückzuerobern! Den Alltag hinsichtlich Zufriedenheit immer wieder in Frage stellen. Basis können fünf Säulen sein: Familie, Job, Beziehung, soziales Umfeld und Gesundheit. Die Auseinandersetzung mit diesen Themen liefert die Zutaten für deinen individuellen Luxus-Cocktail — just mix it!

Luis Pinto für transform

Martin Hagemeyer, 39, Autor

Mehr. Drüber. Das pusht mein Luxusgefühl, und zwar in jeder Dimension. Einmal staunte ich, weil jemand am Nebentisch nicht entweder Espresso oder Eis bestellte, sondern beides. Ich wusste nicht, dass das geht. Dann versuchte ich es selbst. Und es war Luxus.

Die perverse kleine Gönnung: Ich habe wohl Glück, dass das bei mir auch im Mikro-Format funktioniert. Im Sultan-Imbiss beweise ich beim Bezahlen den Kenner und Genießer mit einem lässigen: „Ach, zwei Stück Baklava nehme ich noch mit“, als hätte ich gerade noch zwei Kamele bestellt, bepackt mit Geschmeide. Und in der Altstadt eine Pommes „mit Sauce Andalouse“ und, nach einer Pause, die das Extra nur verzögert und dramaturgisch zuspitzt: „ …und noch ’ne Portion Jalapeños obendrauf.“

So ungefähr. Weil ich es kann. Bei anderen klappt das wahrscheinlich erst bei Sitzheizung und Lenkrad mit Krokoleder. Das Privileg des Mannes von Welt. Und neulich stand ich bei Woolworth und war versucht, statt normalem Rätselheft für einen Euro eines auf Englisch, ebenfalls einen Euro, zu nehmen, weil sinnvoll, weil selten etc. Was kost‘ die Welt, sagen da wir — knallhart beides genommen.


Text: Redaktion
Illustrationen im Text: Luis Pinto für transform
Illustration im Titel: Anja Barteld für transform

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