Da stehen wir plötzlich, umgeben von einer Horde Polizisten, Regierungsbeamten und Übersetzern. Mitten in Vietnam, einem der beliebtesten Länder Südostasiens, das jährlich von knapp acht Millionen Touristen besucht wird. Nein, damit haben wir wirklich nicht gerechnet. Sollte es in Vietnam tatsächlich noch Dörfer geben, die noch nie zuvor ein Westler zu Gesicht bekommen hat? Wir können es kaum glauben bis wir selbst dort sind, mitten im Yen Minh Distrikt, in den Bergdörfern der ethnischen Minderheit der Hmong. Aber wir kommen nicht mit leeren Händen: Im Gepäck haben wir Durchhaltevermögen an seinen Grenzen, ein Herz kurz vor dem Stillstand, Adrenalin im ganzen Körper und rund 100 Kilogramm Solaranlagen.

Handeln, denn reden reicht nicht

Wir legen einen längeren Zwischenstopp in der Hauptstadt Hanoi ein, um die Projekte zu planen und alle Details zu klären. Unser Ziel ist es, sechs abgelegene Dorfschulen mit Licht und Strom auszustatten. Nach über acht Monaten auf Weltreise und dem Ziel, währenddessen 100 Solaranlagen in Entwicklungsländern zu installieren, ist es nach Kambodscha unser zweites Projektland. Einen regionalen Lieferanten finden, Kontakt zur lokalen Regierung aufnehmen und ortskundige Vietnamesen inklusive Übersetzer anheuern… Eigentlich Routine – dachten wir.

Ein Kind in Kambodscha, der vorherigen Station.

Genau einen Tag vor geplantem Projektbeginn meldet sich ein lokaler Kontakt bei uns: „Sorry Leute, aus den Projekten wird nichts“. Wie bitte? Das Problem: „Yen Minh liegt an der Grenze zu China“. Ja klar, das wissen wir natürlich. Und weiter? „Das ist die politisch heikelste Region des Landes. Da wo ihr hinwollt, war noch nie eine ausländische NGO aktiv. Ihr könnt nur mit einer offiziellen Sondergenehmigung da hin! Das kann aber dauern. Wahrscheinlich wird es überhaupt nicht funktionieren.“ Schockstarre. Hier sitzen wir, 20 Kartons Solarsysteme vor uns, zwei Übersetzer, einen Fahrer und die Erwartung der Dorfbewohner – deren Hoffnung wir offenbar bitter enttäuschen müssen.

Was nun?

Verhandeln! Wir sind in Vietnam und wer hier nicht feilscht, der kommt nicht weit. Stundenlang hängen wir mit unseren Übersetzern am Hörer und diskutieren mit der lokalen Regierung, Polizeibeamten, Bürokraten. Unser Vorhaben involviert letzten Endes sogar das Innenministerium von Hanoi. Mit Erfolg: Nach tagelangen, zähen Verhandlungen erhalten wir die Einreiseerlaubnis – jedoch nur unter einigen Bedingungen.

Wir müssen die Solaranlagen offiziell an eine vietnamesische Hilfsorganisation verschenken und selbst lediglich als Berater mitreisen. Außerdem wird uns eine Polizeieskorte begleiten, die uns rund um die Uhr überwacht. Übernachtet wird übrigens in der Polizeikaserne! Soweit, so gut. Aber da gibt es noch eine Bedingung: Wir bekommen für die Installation der 20 Solaranlagen genau zwei Tage Zeit… Realisierungspotential – Eigentlich unmöglich. Alternativen – Keine.

Eine der 20 Solaranlagen für die Bergschulen.

Also fahren wir direkt am frühen Morgen los. Acht Stunden im Bus, drei Stunden im Minivan, zwei weitere im Auto und dann noch zwei heftige Stunden auf Motorrädern, die uns und unsere 100 Kilogramm Solaranlagen über lebensgefährliche, kaum sichtbare Pfade durch die steilen Berghänge Nordvietnams fahren.

Solaranlagen für die Bergdörfer Vietnams

Noch bevor die Sonne aufgeht, beginnt das einfache Dorfleben der Hmong. Die Tage in den Bergen sind kurz, die Arbeit hart. Die meisten Bewohner leben von der Subsistenzwirtschaft und verbringen ihren Alltag mit beschwerlicher Feldarbeit. Auch die Kinder sind fleißig, denn hier wird jede Hand gebraucht. Der Kampf gegen die raue Natur und der ständige Gedanke, dass die Ernte für die Familien nicht ausreichen könnte, sind allgegenwärtig. Kurz vor Sonnenuntergang, der hier schon gegen 18 Uhr ist, rennen die Kinder noch in die Schule. Wenigstens eine Stunde bevor es wieder stockdunkel wird…

Wir sind im ersten Dorf angekommen und beginnen direkt mit der Installation der Solaranlagen. Denn die Zeit drängt. Kleine Kinder schleichen sich verstohlen heran und rennen weg, sobald sich unsere Blicke kreuzen. Die Erwachsenen bleiben uns bis auf wenige Ausnahmen fern. Wir beobachten das Dorfleben aus der Ferne, sehen Menschen in traditioneller, selbstgenähter Kleidung, erkennen die große Armut. Gleichzeitig sind wir selbst unsicher, wie wir uns verhalten sollen. Wir stehen unter ständiger Beobachtung, sind angespannt und haben nur ein Ziel vor Augen: 20 Solaranlagen in zwei Tagen!

Kinder der ethnischen Minderheit der Hmong.

Die Nacht ist kurz, die Tage lang. Am zweiten Tag haben wir einen kühnen Gedanken: Wir werden unseren Aufpassern zeigen, wie die kleinen Solaranlagen zu installieren sind und sie um Hilfe bitten. Nur so können wir es zeitlich schaffen! Die anfängliche Skepsis verfliegt schon bald, denn nur herumstehen und uns bei der Arbeit zuschauen ist nach einigen Stunden auch nicht mehr das Wahre. Sie packen mit an, probieren, lachen. Und wir haben es geschafft.

20 Solaranlagen auf sechs Bergschulen in zwei Tagen – Licht für 162 Kinder!

Einige Zeit nach dem Projekt erreicht uns über Umwege ein Bild. Uns stehen Tränen in den Augen, wir bekommen Gänsehaut. Ein Lehrer der Dorfschulen fotografiert das Klassenzimmer, in dem er auch schläft und lebt. Es ist früh am Abend, die Sonne ist schon untergegangen. Eigentlich würde er jetzt im dunklen Zimmer sitzen und darauf warten, dass ein neuer Tag anbricht. Aber stattdessen ist er an seinem Schreibtisch und bereitet den Unterricht für die Kinder vor. Es ist das erste Mal in seinem Leben, dass er Licht hat. „Danke“, lässt er uns ausrichten.

Das Bild als Dankeschön aus Vietnam.

Licht verändert Leben, das wird uns in diesem Moment wieder bewusst. Wir haben für dieses Projekt gekämpft, aber es hat sich gelohnt. Auch bei 1,4 Milliarden Menschen ohne Strom ist jede kleine Solaranlage ein Schritt in die richtige Richtung.

Hintergrund

Noch heute ist ein Leben ohne Strom für 1,4 Milliarden Menschen Alltag. In den letzten 20 Jahren erhielten 1,7 Milliarden Menschen Zugang zu elektrischem Strom, aber die Weltbevölkerung ist im selben Zeitraum um 1,6 Milliarden Menschen gewachsen! Der prozentuale Anteil derer, die im Dunkeln sitzen bleiben, hat sich also kaum verändert. Betroffen sind die ärmsten Regionen der Welt: Der indische Subkontinent, Zentralafrika, Afghanistan, Kambodscha, Nepal, die Philippinen… und Vietnam.

Weitere Solarhilfsinitiativen

Back to Life e.V. ist vor allem in Nepal aktiv und hat dort unter anderem Solaranlagen und rauchfreie Öfen installiert.

Die erfolgreiche Solar-Lampe ‚Little Sun‘ des Künstlers Olaf Eliasson.

Ingenieure ohne Grenzen e.V. bauen Brunnen und Solaranlagen in Entwicklungsländern.

 


Anne und Sebastian sind Reiseblogger und Gründer des gemeinnützigen Vereins SunHelp International e.V. Sie freuen sich über Spenden und neue Mitglieder, um noch weitere nachhaltige Hilfsprojekte in Entwicklungsländern umsetzen zu können.

Dranbleiben!

Wir sagen bescheid, wenn das neue Heft kommt.

Garantiert keine nervigen Mails oder Datenweitergabe.