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März 2017
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Vermutlich würden die Wenigsten von sich behaupten, Lärm sonderlich zu mögen. Dennoch leben die meisten von uns in Städten, deren Lärmpegel vor 200 Jahren noch unvorstellbar gewesen wäre. Dabei geht es weder um Extremsituationen wie einer Clubnacht oder Geräuschen in Fabriken (die es natürlich seit der industriellen Revolution gibt). Es geht um den Geräuschpegel im Hintergrund, der allgegenwärtig ist.

An diesen alltäglichen Geräuschpegel gewöhnen wir uns meist – doch das heißt nicht, dass dieser keine Auswirkungen auf uns hat. Dafür gibt es Studien, wie die des Stockholmer Karolinska Institutes, die etwa besagen, dass Menschen mit Wohnsitz in Flughafennähe mit hoher Wahrscheinlichkeit fettleibig werden.

Die Wissenschaftler untersuchten Anwohner von Flughäfen über 8 bis 10 Jahre und stellte fest, dass der Taillenumfang im Durchschnitt um 1,5 Zentimeter größer ist als bei Vergleichsgruppen. Sie erklären das mit einer lärmbedingt verstärkten Cortisolausschüttung. Das Stresshormon bewirkt unter anderem eine schnellere Zunahme von Körpergewicht. Dauerhaft steigt durch Lärm auch das Herzinfarktrisiko.

Allerdings ist diese Kausalkette leicht angreifbar. Schließlich sinkt mit zunehmender Lärmbelästigung meist auch der Mietspiegel. Unwahrscheinlich, dass die sogenannte ‚Ober- oder Mittelschicht‘ mit ihrer durchschnittlich gesünderen Ernährung und Geld für Sportstudios rings um einen Flughafen siedeln.

Aber es gibt nicht nur Studien mit kleinen Untersuchungsgruppen. Die EEA (European Environment Agency) spricht in ihrem letzten Report von immerhin 125 Millionen Menschen, die in Europa in einer Geräuschkulisse von 55 Dezibel leben. Das ist entspricht zwar nur der Lautstärke eines etwas lauteren Gespräches, aber das ist dennoch recht viel als Durchschnittswert. Tag und Nacht.

Betroffen ist davon jeder dritte Mensch in Europa. Laut der Studie werden 900.000 Fälle von Bluthochdruck durch die allgegenwärtige Geräuschkulisse verursacht. 43.000 Menschen müssen aufgrund ihrer lärmverursachten Beschwerden ins Krankenhaus eingeliefert werden. 10.000 Menschen sterben aufgrund ihrer Beschwerden verfrüht.

Wir merken ziemlich deutlich, welchem Geräuschpegel wir täglich ausgesetzt sind, wenn es mal ganz ruhig ist. Im Wald, einer leeren Fabrik oder überall, wenn wir Ohrenstöpsel nutzen. Und der Drang nach Ruhe scheint groß zu sein. Vor einigen Jahren wurde das erste „Schweigerestaurant“ in New York eröffnet – klar, wo sonst. „Am Tisch redet man nicht“ spiegelt dort nicht eine konservative Ehrerbietung des Essens wieder, sondern die Erlösung von nervigen Klingeltönen, Verkehrsrauschen und Smalltalk. Nun gibt es dieses Konzept auch in Berlin – für 36 Euro pro Person.

Im alltäglichen Bild gibt es jedoch etwas, das viel häufiger auftritt als Schweigerestaurants, hässliche Lärmschutzwände, Schweigeseminare oder Flüsterasphalt: Kopfhörer. Wie viele andere tauche ich manchmal gern in die Welt von Lärm ein, um den Lärm der Umgebung auszuschalten – lieber guter Musik lauschen, als einem anfahrenden Bus. Allein 2013 wurden etwa zwölf Millionen Geräte für 350 Millionen Euro verkauft. Isolieren wir uns dadurch sozial? Ich denke eher weniger. Auch ohne Kopfhörer würde ich selten mit einer großen Anteil von fremden Menschen auf dem Weg durch die Stadt ein Pläuschchen halten. Und stimmt es, dass Leute, die gern auf dem Weg zur Arbeit Musik hören, im Straßenverkehr stark gefährdet sind? Zwar gibt es ein paar dünne Studien, aber im großen und ganzen sind ständige Blicke aufs Smartphone sicher wesentlich „gefährlicher“.

In jedem Falle sind nicht alle Geräusche nach ihrem bloßen Dezibelwert einschätzbar. Es kann uns also durchaus trösten, dass man sehr wohl „Feuer mit Feuer“, also Lärm mit Lärm bekämpfen kann. Gleichzeitig wäre es für den Stadtbewohner sicherlich ein Segen, mehr E-Motoren auf den Straßen zu sehen.

Und wenn alle Stricke reißen, wenn die Nachbarn und die Stadt mal wieder zu laut sind, dann braucht es nicht gleich ein esoterisches Schweigeseminar oder das teure Schweigerestaurant. Ein Spaziergang im Wald oder Park reicht sicher erst einmal aus.

 

Titelfoto: ‚Biker‘ via photopin, CC


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