Kreide, Knete, trotzdem Fete

Leben mit Kindern, ja — aber das alte Leben gefällt dir eigentlich auch ganz gut? Was nötig wäre, um beides zu vereinen, und woran es oft scheitert.

Das Angebot zur Kinderbetreuung ist angeblich flächendeckend. Das Jugendamt Berlin-Kreuzberg versichert, es werde alle „Möglichkeiten ausschöpfen, um perspektivisch ein auskömmliches Angebot geeigneter Kitaplätze für alle Familien des Bezirkes vorhalten zu können.“ So bleibt die Vereinbarkeit von Kinderbetreuung mit Brotjob und anderen Formen der Partizipation an der Gesellschaft für viele weiterhin Utopie. Das gilt aber nicht nur für die Politik. Es geht auch darum, ob Kinder in unserer Gesellschaft dazugehören: nicht nur per Gesetz, sondern auch in den Köpfen.

Mit meinem Baby fühle ich mich an manchen Orten nicht mehr wohl. Als ich einer Freundin davon erzähle, kommentiert sie: „Für viele Queers bedeutet Familie Zwang und Selbstverleugnung. Deshalb sind kinderfreie Räume wichtig.“ Kinder in der eigenen Hood zu sehen, bedeute für sie, immer wieder mit dem Kleinfamilienmodell konfrontiert zu werden, und das rufe jedes Mal negative Erinnerungen wach. Das queere Café, das alle willkommen heißt, an dem mich aber schiefe Blicke treffen, weil ich ein Baby dabeihabe?

»queer« — Unter diesem Begriff versammeln sich Personen, die unabhängig von ihrer eigenen sexuellen Orientierung eine Festlegung auf eins der zwei Geschlechter ablehnen. Sie hinterfragen gesellschaftliche Normen, die an diese Festlegung gebunden sind.

Einerseits verstehe ich meine Freundin. Aber was ist mit Queers, die Kinder haben? Die positive Erinnerungen an ihre Herkunftsfamilie haben? Und was soll aus den Kindern werden, die an solchen Orten nicht willkommen sind und ihren Kakao in Prinzessin- Lillifee-lastigen Kindercafés schlürfen müssen? Ähnliches habe ich in meinen Wohngemeinschaften erlebt. Menschen lehnen die romantische Zweierbeziehung ab, wehren sich gegen die Vorstellung, in der Kleinfamilie zu enden wie ihre eigenen Eltern. Dann aber entscheidet sich eine Mitbewohnerin dafür, ein Kind zu bekommen. Und die WG fliegt auseinander. Leben mit Kindern: ja – aber nur, wenn sie weder Platz brauchen noch Geräusche machen? Das ist deprimierend. Die selbstgewählte Blase sollte doch einen Schutzraum bieten, in dem Solidarität mehr ist als die verkitschte Aufschrift auf dem Kaffee aus der Kooperative

Es gibt Orte, an denen sich an einem solchen Raum der gelebten Solidarität versucht wird, etwa das queerfeministische Sommercamp „Wer lebt mit wem?“ Ich habe mit einigen Teilnehmerinnen gesprochen. Melanie etwa meint: „Das Camp ist ein entspannter Familienurlaub, bei dem in Rock Fußball spielende Männer und Kinder mit drei Müttern keine Exoten sind.“ Dort hat auch Tanja mit ihrer Tochter teilgenommen. Sie vertritt das antisexistische Kollektiv „Ask Gerd_a“, das Menschen unterstützt, die sexualisierte Gewalt, Sexismus oder Gewaltdynamiken in Beziehungen erlebt haben. Im Sommercamp lernt Tanja neue Leute kennen, schreibt Rap-Texte und tauscht sich über Themen wie Trans* und (Anti-)Sexismus aus.

Tanja und ihre Tochter haben bereits lange Zeit in einem Hausprojekt gelebt. Die Vorteile sieht sie heute noch: ein Auto teilen, eine gemeinsame Kasse führen. Doch das Potenzial des solidarischen Lebens liegt eigentlich, meint sie, auch darin, die Verantwortung für die Kinder gemeinsam zu übernehmen. Das wird selten wirklich ausgereizt. „Klar wurde von allen mal auf die Kinder aufgepasst. Ins Bett gebracht habe ich sie aber immer selber.“

Trotzdem: Es waren in erster Linie selbstorganisierte Strukturen, die ihr ein selbstbestimmtes Leben ermöglicht haben. „Ask Gerd_a haben wir gegründet, weil wir genau so etwas selbst gebraucht hätten.“ Eine vernünftige Familienpolitik würde Menschen finanziell und strukturell bei der Selbstorganisation unterstützen. So wäre es möglich, für Kinder zu sorgen, ohne zur Kleinfamilie einzuschrumpfen, und weiterhin Politik, Prokrastination und Party zu leben.


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Text: Claire Horst; sie kümmert sich um Bildungsarbeit, schreibt und lektoriert. Seit Kurzem hat sie ein Kind und sucht nach guten Antworten auf: „Und wo ist dein Kind jetzt?“ (in der Kneipe) oder „Ist das ein Junge oder ein Mädchen?“ (überall)

Illustration: Eva Plaputter, die Illustratorin lebt in Essen, schneidet gerne Papier und hat ein Kinderbuch über Plastikmüll im Meer geschrieben. Sie illustrierte diesen Artikel.

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Dieser Artikel stammt aus der vierten transform Ausgabe zum Thema „Kinder“. Wir haben uns in dieser Ausgabe gefragt, ob wir wirklich Kinder brauchen, um glücklich sein zu können und was an dieser Idee vielleicht sogar schon falsch sein könnte. Hier kannst du sie bestellen.

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