Die Organisation „Jugend rettet“ hat es sich zur Aufgabe gemacht, mit ihrem Schiff Iuventa Menschen vor dem Ertrinken im Mittelmeer zu retten. Ein italienischer Staatsanwalt wirft der Organisation nun vor, mit Schleppern zusammenzuarbeiten. Eine genauere Darstellung der Vorwürfe sowie der Widerspruch durch die Organisation findet sich in der Zeit 33/17. transform-Redakteur Hans hat mit Titus von „Jugend rettet“ gesprochen, bevor die Vorwürfe bekannt wurden.

tf: Was machst du gerade?

Titus Molkenbur

Titus: Ich bin verantwortlich für die Koordination der Rettungsmission im Mittelmeer von „Jugend rettet“ und bin gerade von einer Mission vor der Küste Libyens zurückgekommen, das heißt war gerade zwei Wochen im Schiff auf hoher See. Normalerweise kümmere ich mich von Land aus um die Koordination der Rettungsmissionen, behalte den Überblick über den aktuellen Stand der Dinge und schaue, dass alles glatt läuft. Wir arbeiten alle ehrenamtlich auf dem Schiff, es gibt also keine Chefs oder Hierarchien – ich bin Vermittler innerhalb der Organisation. Ich versuche durch Kommunikation und Mediation, die Wogen zu glätten. Alle sind mit Leidenschaft dabei, für alle ist das eine sehr große Aufgabe. Das heißt für mich: Ich muss die anderen z.B. oft bremsen, damit sie sich nicht zu sehr verausgaben. Auch Kränkungen, die in der hektischen Arbeit oft entstehen, sind hier existentiell, weil hier ja jeder mit Haut und Haaren dabei ist. Für keinen ist das einfach nur ein Job und in dem Umfeld Kritik zu üben ist sehr schwierig. Da gibt es sehr viel zu lernen für mich.

Was bedeutet für dich das „Gute Leben“?

Ich habe mir im Studium der Philosophie und VWL sehr viel Gedanken über den Sinn des Lebens gemacht aber ich bin nie zu dem einen „Aha-Punkt“ gekommen. Ich hatte nie diesen Hebel, vor mir an dem ich merkte „Das ist es!“. Jetzt in der Arbeit bei „Jugend rettet“ merke ich zumindest, dass mir das Engagement für diese Organisation sehr viel Sinn geben. Ich bin froh, dass wenn ich von der Welt gehe, sagen kann: „Auf unserem Schiff ging es den Menschen gut, hier haben sie etwas Hoffnung geschöpft, weil sie zum ersten Mal seit sehr langer Zeit menschlich behandelt wurden.“ Und viele, die sonst gestorben wären haben auch durch unser Engagement überlebt. Das ist für mich das gute Leben: Zu wissen, dass ich die Welt damit ein Stückchen besser gemacht habe.

Was ist zur Zeit das Wichtigste in deinem Leben?

Viel Schlafen – ich merke einfach sehr stark wie viel Schlaf ich hier am Land nachholen muss. In der Mission sind wir oft sechzig Stunden wach und können dann fünf Stunden schlafen. Das ist gruselig: Du verlierst deine Verankerung in der Realität. Wirst wie eine Maschine. Jetzt habe ich gerade erst mal fünf Tage Wellness im Harz gemacht. Kein Ort ist soweit entfernt von der Mission. Ich war mit meiner Schwester wandern und schwimmen und essen. Wenn ich nicht geschlafen habe, habe ich mit ihr über die Wochen auf See gesprochen und versucht es zu „verarbeiten“. Das ist auch für uns auf dem Boot ein großes Thema. Vor jeder Mission haben wir psychologisches Briefing und nach jeder Mission ein De-briefing. Wir haben Angst vor der „U-Bahn-Fahrer-Problematik“ – U-Bahn-Fahrer verkraften es oft einen Selbstmord zu erleben, aber bei dem dritten oder vierten, oder später legt sich irgendwann ein Schalter um, und dann ist es schon zu spät.

Was möchtest du an deinem Leben ändern?

Ich merke, dass ich weniger Zeit habe für die banalen Dinge im Leben habe und ich habe gelernt, dass diese Dinge eigentlich ganz und gar nicht banal sind. Ich möchte mehr abschalten. In der Organisation bin ich an vielen wichtigen Entscheidungen beteiligt und muss sie bis zum Ende mittragen. Soviel Verantwortung reibt auf, da ist kein Platz für Zeitvertreib. Wir haben letztens einen gerettet und er sagte: „Ich war tot und ihr habt mich gerettet!“ – Das war so überwältigend wie unangenehm. Es ist schwer damit umzugehen und dieses Gefühl schüttelt man auch nicht so einfach ab, wenn man an Land ist. Und es ist wichtig und schön auch einfach mal eine Runde Fußball zu spielen.

Was sind die größten Probleme und wie gehst du damit um?

Das schwierigste ist, sich selbst abzugrenzen, um nicht das ganze Leid der Welt aufzunehmen. Im NGO-Bereich drehen viele Menschen ab, die sich plötzlich aufreiben, weil sie sich für alles verantwortlich fühlen.

Ich sage mir, dass ich bestimmte Unmenschlichkeiten ausgleichen möchte, die es nicht hätte geben dürfen. Unsere Gesellschaft wird herzlos, auf einmal ist es legitim Menschen sterben zu lassen. Als Deutscher muss ich Lehren aus der Geschichte ziehen, aber in der Verantwortung etwas dagegen zu tun, fühle ich mich als Europäer. Und dabei auch wieder Limits für sich selbst setzen zu können, ist die Herausforderung. Mir helfen menschliche Beziehungen und Freundschaften – einfach Menschen, denen ich sagen kann wie es mir geht. Solange ich das kann, kriege ich das in den Griff.

Was hast du dir als letztes gekauft?

Ich habe mir eine Stirnlampe mit rotem Licht gekauft. Das ist sehr praktisch, damit du die andere nicht blendest, wenn wir nachts auf dem Schnellboot unterwegs sind. Mit dem weißen Licht sieht man irgendwann nur noch Sterne.

Was tust du wenn du dir etwas Besonderes gönnen möchtest?

Wir haben den Seafarer Sunday – an jedem Sonntag auf See wird Eiscreme gegessen. Und manchmal brauchen wir dafür auch nicht mal einen Sonntag. Dann sitzen wir da wie eine große Familie, die aufeinander aufpasst und keinen Platz für Eitelkeiten hat.

Und auch in der Organisation versuchen wir achtsam miteinander umzugehen. Jeder weiß, dass es immer in Ordnung ist, sich eine Pause zu nehmen, da gibt es keine Vorwürfe.

Fällt dir ein Moment oder eine Begegnung ein, die für dich das „gute Leben“ fühlbar gemacht hat?

Eines Nachts hatten wir eine Gruppe Bangladeshis an Bord, es werden etwa 25 gewesen sein. Normalerweise patrouillieren wir in internationalen Gewässern nahe der libyschen Küste. Die Geretteten geben wir dann an größere Schiffe ab, die sie, wie es das Seerecht vorsieht, sicher in den nächsten sicheren Hafen, Italien, bringen können. Diesmal mussten wir auf Anweisung der Seenotleitstelle in Rom (MRCC) einen Teil der Gruppe aber bis nach Lampedusa fahren.

Für uns war das unerklärlich weil die Wettervorhersage recht gut war und die Boote mit den Menschen nur bei flachem Wellengang vom Strand ablegen können. Im Nachhinein hat sich unsere Sorge bestätigt, während wir das Einsatzgebiet verließen, waren die verbliebenen Einsatzkräfte vor Ort von der Anzahl der Schiffe überfordert. Für uns war das auch eine klare politische Entscheidung, die Behörden wollen suggerieren, dass sie alles unter Kontrolle haben, das Wohl der Menschen kommt in ihren Entscheidungen nicht wirklich vor. Von den Bangladeshis im Boot waren die meisten unter 18 und viele von wurden bis zu 3 Jahren in libyschen Arbeitslagern zu sklavenhafter Arbeit gezwungen, um sich die Überfahrt leisten zu können.

Unser Maschinist Elias war wahnsinnig wütend und wir alle fühlten uns sehr hilflos. Elias hat sich in die Küche gestellt und hat Eier, Milch, Zimt und Zucker ausgepackt und die besten Pfannkuchen gemacht, die wir dann gemeinsam mit den Geretteten gegessen haben. Für mich war das eine schöne Metapher für das gute Leben – du kommst an Punkte wo du nichts mehr machen kannst. Aber in den meisten Fällen kannst du immer noch Pfannkuchen backen!

Mach ein Foto mit etwas was für dich irgendwie mit dem guten Leben zusammenhängt.

Mein Vater hat mir diese Uhr geschenkt, er hat ein Faible für antike Uhren. Das hat für mich mit dem guten Leben auf zwei Arten zu tun: Einmal etwas zu tragen, was mich an meine Familie erinnert, gibt mir Halt, wenn ich mal wieder den ganzen Tag arbeite und mich mit der furchtbaren Situation im Mittelmeer auseinandersetzen muss. Dann ist die Uhr aber auch wie ein Schalter für mich: Ich habe mir angewöhnt, wenn ich Abend spazieren gehe oder Sport mache, das Handy auszumachen und die Uhr wegzulegen.

 

 

Mehr von transform

Dranbleiben!

Wir sagen bescheid, wenn das neue Heft kommt.

Garantiert keine nervigen Mails oder Datenweitergabe.