Wenn Mieten steigen und Wohnen zum Luxus wird, sind neue Wege gefragt. Wie man als Kollektiv im stürmischen Meer des Immobilienmarktes überleben kann.

Du lebst in Berlin und du möchtest gern bleiben. Aber ewig in der WG leben, wo der Mitbewohner nach der Ketamin-Nacht schlafend im Senf auf dem Küchentisch liegt, das Würstchen noch in der Hand? Ein harmonisches Einfamilienhaus in Brandenburg kommt auch nicht in Frage. Schon den S-Bahn-Ring zu verlassen, bedeutet Zivilisationsabbau unerträglicher Natur. Du hast ein ernstes Problem.

Auch in den großen Städten wollen alle sicher und langfristig wohnen können.

Denn der Immobilienmarkt ist ein riesiges Meer, voller Haie, Schleppnetze und Plastikmüll. Und du bist Swimmy, der kleine schwarze Fisch aus dem Kinderbuch von Leo Lionni. Der durfte sich auch nicht ganz allein ins große Meer hinaus trauen. Dabei möchten auch in den großen Städten alle normal oder weniger verdienenden Menschen gerne sicher und langfristig wohnen können. Ohne Mieterhöhungen. Ohne Schulden fürs Eigenheim. Und ohne den Verzicht auf alles, was urbane Kultur ausmacht.

Auf das Netzwerk kommt es an

Klingt unmöglich. Aber es geht! Die Lösung: Vernetzung. Allerdings nicht irgendeine. Auch als Kollektiv kann noch viel schiefgehen, wie bei dem genossenschaftlichen Berliner Bauprojekt „Möckernkiez“. 2009 gegründet, wollten die GesellschafterInnen eigentlich als Gegenmodell zum typisch marktkonformen Wohnen antreten und „selbstverwaltet, sozial und ökologisch wohnen“.

Infobox: Mietermarkt 'Überfischt und voller Haie'
„Der Immobilienmarkt läuft heiß“, titelt das „Handelsblatt“. Anfang 2016 veröffentlichte die Commerzbank eine Studie, nach der die Immobilienpreise in den fünf größten Städten Deutschlands (Berlin, Hamburg, München, Köln und Frankfurt a.M.) um ein Drittel schneller gestiegen sind als die Einkommen der EinwohnerInnen. Mitte 2016 habe „die Immobilienblase Deutschland erfasst“, konstatiert die Bank für Internationalen Zahlungsausgleich. Die Menge an Geld, die InvestorInnen in Wohnungen in Deutschland pumpen, sei seit 2010 um 673 % gestiegen, berichtet die „Welt“. Für MieterInnen heißt das: 30 bis 50 % Preissteigerung in fünf Jahren

2014 mussten sie zeitweise stoppen, weil sie ihre Finanzierung nicht bekamen. Die Baukosten wurden immer höher. Inzwischen liegen die Mietpreise bei stolzen 11 Euro pro Quadratmeter, was sogar die „ortsübliche Vergleichsmiete“ für einen Neu- bau in der Gegend noch leicht übertrifft. Dazu Genossenschaftsanteile, für die man sich anderswo eine Wohnung kaufen kann, wenn auch nicht in Berlin. Zudem mussten die Möckernkiez-GenossInnen sich zwischenzeitlich, als es aussah, als könnten sie gar nicht mehr fertig bauen, einiges an Häme gefallen lassen. Weil sie es wagten, eine Vorstellung vom guten Zusammenleben zu vertreten.

Der „Traum“ von „Gemeinschaftsgefühl statt Profit“ drohe „unter Marktbedingungen zu zerplatzen“, schrieb Benjamin von Brackel für ein Berliner Stadtmagazin. Und meinte, das sollten vielleicht doch lieber Profis machen und nicht „ein Rentner, eine Politologin und eine Restauratorin“, die sich „übernehmen“.

Das ist natürlich besonders fies, weil die nämlich sehr wohl Profis beauftragt haben“, meint dazu Suse aus der „WiLMa“, einem Hausprojekt in Berlin-Lichtenberg. „In Wirklichkeit waren das Sachen, die einfach jedem passieren können.“ Was halt kleinen Fischen im großen Meer so passiert. Den Leuten von der WiLMa sind diese Sachen hingegen nicht passiert. Das Projekt hat sich mit Hilfe des Mietshäusersyndikats realisiert. Innerhalb weniger Jahre und für alle bezahlbar. In einer ehemaligen Stasi-Platte in Lichtenberg, mit Garten, Spielplatz und viel gemeinsamer, aber freiwilliger Kulturarbeit.

Einige der BewohnerInnen der WiLMa sind nicht nur nicht reich, sondern leben de facto unter der Armutsgrenze. Ende der 80er wurden in Freiburg sämtliche besetzten Häuser geräumt. 1993 gründeten die ProtagonistInnen der Szene die „Mietshäuser Syndikat Verein & GmbH“ (MhS) – mit der „Unternehmensstruktur von Immobilienkapitalisten“, wie Karl-Heinz Schubert betont. Der Redakteur der ersten linken Online-Zeitung „Trend“, ebenfalls seit den 90ern am Start, sieht das Syndikat kritisch.

„Die GmbH ist der Prototyp der Kapitalgesellschaft.“

Er meint, die AkteurInnen täten zwar links und antikapitalistisch. Doch käme das Mietshäusersyndikat, schon durch seine Struktur, wie auch in der Umsetzung, als kapitalistischer Akteur daher. Gesellschaften mit beschränkter Haftung (also GmbHs) sind die klassischen Großakteure am Markt; der Prototyp der Kapitalgesellschaft.

Wie das Mietshäusersyndikat funktioniert

Wie genau funktioniert das Mietshäusersyndikat? Es ist GmbH und Verein zugleich. Mittlerweile hat der Verein bundesweit über hundert erfolgreiche Projekte als Mitglieder. Diese Mitglieder sind selbst Vereine, die sich Satzungen zur Selbstverwaltung geben. Das MhS hilft und berät mit seiner Schwarmexpertise, macht aber keine Vorgaben. „Projekte werden erstmal begleitet“, sagt Suse, „eine Mischung aus Hilfe und Prüfung.“ Erst wenn die Projekte vom MhS als realisierbar akzeptiert wurden, wird eine Empfehlung zur Aufnahme ausgesprochen.

Diesen Aspekt hält Suse sogar für den wichtigsten am Syndikat: die Beratung zu Buchführung, Steuer, Baurechtsversicherung. All das, so meint sie, würde man als Nicht-Profi gar nicht erst anfangen, wenn man vorher wüsste, was da auf einen zukommen kann – „ein bisschen wie Kinderkriegen.“ Die WiLMa etwa liegt in einem Sanierungsgebiet. Das größte Problem für sie dort waren die Auflagen und Pläne des Bezirks. „Das hätte uns in den Ruin treiben können. Von der Expertise der anderen Projekte haben wir am meisten profitiert.“

Die Vereinsmitglieder des Syndikats sind also selbst Vereine und damit juristische Personen. Als solche können sie in der GmbH GesellschafterInnen sein. Zugleich sind die Projekte selbst ebenfalls GmbHs, an denen das Syndikat als gleichberechtigter Gesellschafter 50 % der Anteile hat. Da das Syndikat die Hälfte der 25.000 Euro stellt, die eine GmbH als Einlage zu ihrer Gründung braucht, hat es ein Mitbestimmungsrecht.

Selbstverwaltung im Syndikat ist etwas für IndividualistInnen.

Dieses beschränkt sich aber auf die Forderung, dass die Häuser nicht mehr weiterverkauft werden dürfen: sie sollen dem Markt „entzogen“ werden. „Das ist die heilige Kuh, sozusagen“, erklärt Suse. „Dass der Weiterverkauf erlaubt wird, das hat’s noch nie gegeben und wird’s auch nie geben.“ Umgekehrt zahlen die Projekte einen Solidarbeitrag an das Syndikat, halten es so am Laufen und bringen sich ein in die Frage, welche neuen Projekte realisiert werden sollen. „Ein Großteil der Leute hier würde so viel Geld niemals kriegen“, sagt Suse. „Also wenn ich mir mein Berufsleben der letzten 20 Jahre so anschaue – es kann immer irgendwas sein. Das ist jetzt kein Problem mehr.“

Infobox: Das Mietshäusersyndikat (MhS)
Ist eine Struktur, die deutschlandweit Projekte berät und ihnen finanziell ermöglicht, Immobilien zu kaufen. „Syndikat“ bedeutet ursprünglich nur „Verwaltung“, das kann auch ein Unternehmenskartell sein oder eine mafiöse Struktur. Doch die Gewerkschaftsbewegung hat zu Beginn des 20. Jahrhunderts den Begriff des Syndikalismus für sich neu geprägt. Hier geht es um einen dezentralen Zusammenschluss von ArbeiterInnen in verschiedenen Unternehmen. Verwaltung soll zu Selbstverwaltung werden. Syndikalismus ist für linke und anarchistische Arbeitskämpfe eine wichtige Strukturform möglicher Herrschaftsfreiheit. Mit kommunistischen Ideen lässt er sich allerdings nicht vereinen.

Selbstverwaltung im Syndikat ist etwas für IndividualistInnen. Nach den 60er Jahren gab es neue Kinderbücher, die auch neue Ideen brachten. Du bist wichtig, egal wie du bist, sagten sie. Die Welt muss nicht bleiben, wie sie ist, sagten sie. Diese Bücher haben Leute geprägt, die heute Vorstellungen davon haben, wie das gute Leben in einer offenen Gemeinschaft aussehen kann.

Zum Beispiel Leo Lionni. Der erfand Swimmy, den kleinen Fisch. Swimmy hat „die Gabe erhalten, zu sehen“ (Lionni), nämlich zu sehen, wie eine Gemeinschaft in einer feindlichen Umgebung überleben kann. Er hat eine Vision vom Schwarm kleiner Fische, der so tut, als wäre er ein großer Fisch, mit dem kleinen schwarzen Swimmy selbst als Auge zwischen all den roten Fischen. Und so können sie sich mutig in das große Meer hinaus wagen. Die Kinder, die mit diesen Büchern aufgewachsen sind, haben mit linker Gesellschaftskritik nicht unbedingt etwas am Hut.

Aber sie haben liberale und emanzipatorische Ideen, sind idealistisch und pragmatisch zugleich. Genau wie Swimmy, der einerseits „sieht“ und sich andererseits clever tarnt. Kritiker Schubert beruft sich auf Adorno: Es kann kein richtiges Leben im Falschen geben. Und dieses Falsche wird nicht analysiert oder verstanden, wenn man es als ein großes Meer betrachtet: als naturgegeben. Das leuchtet ein. Das MhS ist in diesem Sinne tatsächlich nicht kapitalismuskritisch. Doch leider ist das praktische Ergebnis von Adornos Kritik allzu ähnlich der neoliberalen Häme des Herrn von Brackel – siehe oben: dass nämlich ein „Gemeinschaftsgefühl“ unter „Marktbedingungen“ nicht möglich sei.

Echt nicht? Vielleicht gibt es doch etwas dazwischen: die Möglichkeit, dem Individuum auf pragmatische Weise ein wenig Raum zum Atmen zu verschaffen, damit es den Forderungen des Marktes nicht völlig schutzlos ausgesetzt ist. Das MhS hat ein einziges, klares Ziel: die Verwaltung der Häuser dem Markt zu „entziehen“ und sie in die Hände privater, aber doch kollektiver Strukturen zu geben, die „selbstorganisiert wohnen“ und „solidarisch wirtschaften“. Idealistisch also und pragmatisch zugleich. Die kleinen Fische agieren erfolgreich, indem sie sich nach außen hin die Form der großen Haie gegeben haben: die der GmbH.

Was die gelebten Inhalte angeht, greift die andere Seite der Struktur: Zwar GmbH, aber eben auch Verein. In diesem Verein sind alle Projekte Mitglieder und haben damit ein Stimmrecht. Stellt sich ein Projekt vor, das jemand problematisch findet, können die Vereinsmitglieder die Empfehlung zur Aufnahme blockieren. Dazu brauchen sie keine Regeln. „Man muss hier nicht mal Feind des Kapitalismus sein“, sagt Suse dazu. „Es reicht schon, wenn man den Anspruch hat, sich unter den gegebenen Umständen ein Mindestmaß an Menschlichkeit und Solidarität zu bewahren. Das leben zu können, so wie die Dinge nun mal sind: darum geht es uns.“


Lesetipp
Silke Helfrich und Heinrich Böll Stiftung (Hg.): Commons. Für eine neue Politik jenseits von Markt und Staat, Band 1, transcript, Bielefeld 2012. Darin Stefan Rost: „Das Mietshäuser Syndikat

Beitragsbild
Fatima Spiecker für transform


Dieser Artikel ist in der dritten Ausgabe des transform Magazins erschienen, welche du hier bestellen kannst. Ausgabe 2 & 3 im Kombipaket sind jetzt 15% günstiger.

 

 

 

 

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