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BLOG ZUM MAGAZIN FÜRS GUTE LEBEN

März 2017
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Ich bin ein absoluter Heimscheißer. Schon als Kind immer etwas im Hintergrund und nur im engsten, vertrautesten Kreis aufgedreht. Spicken in der Schule ging gar nicht. Und noch heute habe ich mega Schiss beim Schwarzfahren. Dann wirst du 20 Jahre alt. Du denkst die Pubertät ist abgeschlossen und du hast schon alles ausprobiert. Falsch gedacht!

Die letzten 24 Stunden verbrachte ich auf einer WG-Party bei einem Kumpel im Norden Deutschlands. Die Wilde 30. Die Wilde 30 hat mich echt fertig gemacht. Auf einmal soll ich wild sein. Den ganzen Tag bin ich immer voll durch organisiert, nur am Planen und Produzieren. Sich nebenbei mit anderen vergleichen und immer der Beste und Schnellste sein wollen. Funktionieren in den immer gleichen Gedankenmustern.

Die Menschen in dieser WG studieren zu 90% Umweltwissenschaften und Hauptaufgabe besteht darin, sich gegenseitig zu befummeln und Liebe zu verbreiten. Scheiße, so viele liebe Menschen auf einmal habe ich echt lange nicht mehr erlebt. Die ganze Situation macht mich schon fast wieder wütend. Die Augen der Menschen leuchten und jeder umarmt jeden ganz sanft. Mir wird ganz übel und schwindlig. Ich habe am Tag nicht viel gegessen und kam direkt von der Arbeit aus Berlin angereist. Mein Freund blüht auf und beginnt zu Tanzen und zu Lachen.

Ich komm nicht hinterher. Diese Erwartung, sich gehen zu lassen. Kann ich das? Will ich das?

Jetzt spüre ich, wie sich Wind in meiner inneren Wildnis breit macht. Mir wird richtig schlecht, übel und kalt. Mein ganzer Körper fängt an zu zittern. Die Leute möchten sich mit mir unterhalten, sie möchten mich kennen lernen und mit mir tanzen.

Am liebsten würde ich einmal komplett auf die Tanzfläche kotzen. So wild bin ich nun. Gut, dass ich das nicht gemacht habe. Stattdessen habe ich mich ins Bett gelegt.

Was heißt es wild zu sein? Bedeutet wild sein für mich, jeden umarmen, laut lachen und wild tanzen? Oder geht es vielmehr darum, einfach mal alles liegen zu lassen und sich ohne Nachdenken treiben zu lassen? Fühlt sich so Freiheit an?

Haben Wildnis und Freiheit Platz in meinem Alltag?

Mein Alltag und auch die Gesellschaft verlangt es mir ab, zu funktionieren und sehr strukturiert zu sein. Es bleibt kaum Raum für Spontanität und Abenteuer. In der Zukunft werde ich mindestens eine 40-Stunden-Woche haben, in der alle Zeiten vorbestimmt sind.

Oder sind meine Zweifel und mein Zaudern einfach eine faule Ausrede, um sich vor etwas Aufregendem zu drücken? Etwas, das mehr Mut und Entscheidung in Anspruch nehmen würde? Kleine mutige Abenteuer im Alltag? Zum Beispiel dem Nachbarn in der U-Bahn einen schönen Tag zu wünschen. Eigentlich etwas vollkommen Banales. Doch in meinen Augen vielleicht unnormal, weil es so leider unüblich ist. Manchen Menschen ginge es selbst beim Begrüßen so, dass sie überrascht seien, da sonst niemand grüße.

Mit fremden Menschen meine Liebe und mein Glück zu teilen, fällt mir manchmal schwer. Das fiel mir besonders auf dieser Party auf. Wo doch alle sich so herzten und scherzten. Manchmal ist der Kontrast zwischen Arbeitsalltag und Feierabend einfach zu stark. Darf ich nur die Sau rauslassen, wenn ich Feiern gehe? Warum kann ich nicht einfach mal auf dem Weg zur Arbeit tanzen und laut lachen?

Wichtig ist es, im Kopf einen Platz für die Wildnis zu behalten. Die innere Wildnis, wo Gedanken, Ansichten, Gefühle sich verändern können.

Plötzlich entspannen sich meine Schultern und mein Herz schlägt in einem normalen Tempo. Es beginnt meine Zeit. Es wird Zeit wild zu sein. Innere Wildnis, ich komme. Fettes Danke, an die Fucking Wilde 30!

 

m-toll2

Marylou ist 21, wohnt in Berlin, interessiert sich für das gute Leben,
macht eine Ausbildung zu Gesundheits- und Krankenpflegerin und schreibt nebenbei für die transform. Außerdem geht sie gerne auf Konzerte und ins Theater.

 

 

 

 

 

Beitragsbild: Wikimedia, Creative Commons


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