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März 2017
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Da es unmöglich ist, jeden Menschen eines Landes nach der persönlichen Meinung zu fragen, gibt es etwas was wir „politische Stimmung“ nennen. Zwar besteht eine Bevölkerung nie aus einem monolithischem Block, aber es gibt Dynamiken die vermeintliche Mehrheiten eindrucksvoll zeigen können. Momentan haben die meisten Menschen in Deutschland eine Meinung zur „Flüchtlingsfrage“ – fast hat man das Gefühl plötzlich unter lauter Integrationsspezialisten und Demographen zu leben.

Die „politische Stimmung“, die vermeintliche Mehrheit dieser unzähligen Meinungen, schwankt. Wie schwer sie schwankt und wie schnell sie umschlagen kann, wurde dieses Jahr besonders deutlich. Wurde der Anfang des Jahres noch von Pegida-Aufmärschen, brennenden Unterkünften und „Es-können-ja-nicht-alle-kommen“-Nachrichten dominiert, waren es im Spät-Sommer Bilder von jubelnden Helfern in München oder Solidaritätsbekundungen in jeder nennenswerten Stadt. Hilfsprojekte schossen aus dem Boden, es wurden Schuhe gespendet und auch im Rest Europas und im außereuropäischen Ausland, staunten Viele über „die hilfsbereiten Deutschen“. Selbst die BILD-Zeitung stellte fest, dass emotionale Beiträge à la „So helfen sie den Flüchtlingen“ genauso „ziehen“ wie Leitartikel, die mit der diffusen Angst vor Überfremdung spielen.

Jedoch scheint die „politische Stimmung“ inzwischen medial schon wieder umzuschlagen. Es gibt immer mehr Kolumnen und Artikel, die sich kritisch mit der Solidaritätswelle auseinandersetzen. Vielen Engagierten ist immer deutlicher geworden, dass mit Lebensmittelspenden allein nicht viel gewonnen ist, und sie sind enttäuscht, dass die Gesetzgebung der Regierung mit dem Mitgefühl seitens Bevölkerung längst nicht mithalten kann. Zudem klangen manche Ideen zunächst wunderbar, stießen aber auf einen engen, gesetzlichen Rahmen. Wie im Fall einer Jobplattform für Geflüchtete – welche ebenfalls die strengen Regularien des „Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge“ zum Zugang von Geflüchteten zum Arbeitsmarkt nicht einfach umgehen kann.

Es gibt konservative Kommentatoren, die in der Solidarität ein „unvernünftiges Strohfeuer“ oder einen „imperialistischen Alleingang Deutschlands in Europa“ sehen. Gleichzeitig werden Stimmen im linken Spektrum laut, die spontanen Helfern vorwerfen sich „an der eigenen Güte, gar der eigenen Aufopferung zu berauschen [um] den moralischen Distinktionsgewinn als Identitätsbaustein auszubeuten“ – Selbstgefälligkeit und Überlegenheitsgefühl, statt ein Fokus auf die „wahren Wurzeln des Problems“ (struktureller Rassismus, Globalisierung und deutscher Waffenhandel). Zudem merken nicht wenige an, dass es etwas zynisch ist, dass Deutschland nun durch eine demographische Verjüngungskur und neue Arbeitskräfte indirekt von Kriegen profitiert.

Diese Meinungen beeinflussen die „politischen Stimmung“ – die nicht nur wechselhaft, sondern ebenso trügerisch in Erscheinung treten kann.

In den Zeiten der sich verbreitenden solidarischen Jubelbilder gab es nach Recherchen des NDR, WDR und der Süddeutschen Zeitung in diesem Jahr 61 Brandstiftungen mit vermutetem fremdenfeindlichen Hintergrund – 37 seit Mitte Juli. Auch überdeckt die inszenierte Gastfreundlichkeit Deutschlands einen Gesetzentwurf, der das Asylrecht dramatisch verschärft. In diesem geht es um die „Stabilisierung“ des Dublin-II-Abkommens, nachdem stets der europäische Staat für das Asylverfahren eines Geflüchteten zuständig ist, dessen Boden zuerst betreten wurde.

Gleichzeitig ist es relativ leicht für Politik und Medien die „politische Stimmung“ in bestimmten Kipppunkten zu befeuern und zu dämpfen. Das liegt an unserer Profilierungssucht und unserem Willen zur Abgrenzung. Eine der Mehrheit widersprechende Meinung wirkt auf angenehme Art und Weise „überlegt und widerspenstig“ – und lässt sich in Zeiten des Teilens, Postens und Likens gut verbreiten. Nicht zuletzt deshalb ist es für Journalisten immer attraktiv, entsprechende Meinungsartikel zu verfassen. Für einen Journalisten ist die Fähigkeit, den verfassten Gegenpol möglichst nah am Zenit einer politischen Stimmungswelle veröffentlichen zu können, essentiell. Die Aufmerksamkeit ist sicher, wenn entgegen aller Jubelartikel ein Artikel erscheint, der hinter der Solidarität eine „Doppelmoral“ (links-alternative Kritik) oder gar ein „falsches Zeichen“ (konservative Kritik) sieht.

Manche Kritik mag nicht von der Hand zu weisen sein – kann doch aber fatale Auswirkungen haben.

Zum einen lautet die Frage: Henne oder Ei?. Viele Menschen werden sich wohl eher nach (!) ihrem ersten Engagement für Geflüchtete mit strukturellen Problemen beschäftigen. Ja, viele werden erst dann erfahren, wie es in dem Papierdschungel der Ämter und Behörden zugeht, was die Auswirkungen posttraumatischer Störungen sind und was Postkolonialismus bedeutet. Sie zu verschrecken, kann nicht das Ziel sein.

Auch wenn die „deutsche Solidaritätswelle“, die manche gar bewundernd oder spottend ein „Spätsommermärchen“ nannten, nun von der Realität geküsst wird: abebben darf sie nicht! Wir könnten die jetzige Phase „Reifeprüfung“ nennen und versuchen unabhängig jeglicher „politischer Stimmung“ zu handeln – einfach von Mensch zu Mensch.

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Wer sich engagieren möchte, findet hier nun ein paar Ideen:

Austausch und gleicher Ebene
Der Schlüssel in einer guten Kommunikation liegt in einem Austausch auf Augenhöhe. Das ist leichter gesagt beziehungsweise geschrieben als gemacht, schließlich ist das Abhängigkeitsverhältnis zwischen den Helfenden oder Einheimischen und den Geflüchteten nicht nur stark verinnerlicht, sondern auch nicht ganz von der Hand zu weisen. Wer gerade mit einer Handvoll Hab und Gut und ohne Deutschkenntnisse in Deutschland angekommen ist, kann ein paar Tipps gut gebrauchen, und ein Abhängigkeitsverhältnis mag schnell entstehen. Dennoch dürfen Geflüchtete nicht „infantilisiert“ werden. Ein gutes Gegenbeispiel zu Patenschaftsinitiativen, die auf reine Hilfestellung fokussiert sind, ist die Initiative „Start with a friend“. Auch über Pro Asyl lassen sich Treffpunkte mit Geflüchteten schaffen. Und Willkommenpartys können auch eine gute Gelegenheit sein, jemanden auf etwas natürlichere Art und Weise kennenzulernen.

Zusammen wohnen
Die Initiative “Flüchtlinge Willkommen“ vermittelt WG-Zimmer an Flüchtlinge und wird immer wieder in den Medien zitiert, auch im Ausland – dort befremdlicherweise als „Airbnb for refugees“. Beeindruckend ist auch das Projekt Sharehouse Refugio in Berlin, in dem Geflüchtete und Nicht-Geflüchtete unter einem Dach in fünf Stockwerken leben. Projekte dieser Art gibt es immer mehr – viele unterscheiden dabei ganz bewusst nicht zwischen „Geflüchteten“ und „Nicht-Geflüchteten“.

Hilfe mit der Bürokratie
Wer mag schon Behördengänge. Schlimmer werden Amtsbesuche, wenn man keine Deutschkenntnisse hat, die Sachbearbeitenden kein Englisch reden wollen oder kein Dolmetscher da ist. Das kann kafkaeske Züge annehmen. Ein syrischer Freund berichtete, dass er – als er einen Deutschkurs beantragte – hörte, er solle gefälligst nicht englisch reden, sondern deutsch – „schließlich beziehe er deutsche Leistungen“. Da beißt sich die Katze in den Schwanz. Zur Sprachbarriere kommt hinzu, dass viele Geflüchtete aufgrund von Diskriminierungserfahrungen Angst vor Behördengängen haben. Bei manchen Kommunen oder Vereinen, wie dem Berliner KUB (Kontakt- und Beratungsstelle für Flüchtlinge und MigrantInnen) kann man sich inzwischen als „Begleitperson“ melden und bei Amts- oder Arztgängen helfen.

Es gibt unzählige Möglichkeiten sich zu engagieren – sei es in den Unterkünften, durch juristische Hilfestellung, mit Deutsch- oder Computerkursen. Weitere Informationen lassen sich unter ProAsyl und wie-kann-ich-helfen.info finden.

 

 

 

PS: Es gab Menschen in Berlin, die für Geflüchtete Fahrräder zusammen gebaut haben. Sie wurden von einer Critical-Whiteness-Gruppe blockiert. Das Projekt hat sich aufgelöst.

Bild: flickr, CC


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