Die Autorin Laura tauschte ihren sinnerfüllten Job gegen einige Monate Elternzeit mit ihrer neugeborenen Tochter. Und stellte fest: Die Filterblase, in der Weltverbesserung und Gemeinwohlorientierung im Mittelpunkt des Interesses stehen, platzt beim Babytreff schneller als gedacht. Das ließ sie grübeln – und ist ihr Anlass für ein Plädoyer.

Sale in der süßen Kids-Boutique

„Was braucht mein Kind? Was isst mein Kind? Welche Kurse fördern mein Kind?” Fragen über Fragen im Neueltern-Miteinander. Mini-Me ist da und schon dreht sich die Welt in immer kleineren Kreisen um sie oder ihn herum. Man kauft Bio-Baumwolle-Seide-Gemisch, weil es keine Ausschläge macht. Brei? Bio, Demeter, klar, man will ja Unverträglichkeiten vorbeugen. Spielzeug? Ja, aber nicht mit Weichmacher-Plastik, nein, nur Ho-Ho-Holz-Spielzeug (danke, Rainald Grebe, für diese wunderbare Liedzeile im Lied über den Berliner Stadtteil Prenzlauer Berg). Hand auf`s Herz: Tut man all das, weil man Gesellschaft und Wirtschaft nachhaltiger gestalten will? Und die Gespräche in den Mütter-(ja, leider viel zu selten Eltern-)Zirkeln, zu denen auch ich gehe: Habt ihr mitbekommen, dass die süße Kids-Boutique grad Sale hat und den neuesten Trick, um die Warteliste bei der musikalischen Früherziehung zu umgehen?

Liebe Neu-Eltern, so machen wir uns das zu leicht.

Meine Kleine ist nun fast ein Jahr alt, ein Bündel purer Lebensfreude. So kurz ihre Zeit auf der Welt auch ist, so viel ist passiert: Ihren halben Geburtstag musste sich Mini-Me mit der Amtseinführung von Donald Trump teilen. Teresa May konkretisiert ihre Pläne für den Brexit, in Syrien wird immer noch gekämpft, USA und Korea rüsten voreinander auf, akuter Hunger bedroht Millionen Menschen im Sudan und anderen afrikanischen Ländern, in Frankreich stand die Wahl zwischen einer Zukunft Europas und keiner. Und das ist nur ein Auszug. Damit wird klar: An jedem Tag ihres Lebens dreht sich die Welt weiter; verändert sich und wird verändert.

Die gute Nachricht ist: Wir können sie mitgestalten, jeden Tag, mit so vielen unserer Handlungen. Was für eine großartige Chance! Lasst uns unseren Kindern also mehr mitgeben als rosa und blaue Marken-Outfits! Unsere Kleinen sind der beste Grund, über den Status der Welt nicht nur nachzudenken, sondern auch aktiv zu werden. Weil es Sinn macht. Und weil ein Outfit aus Engagement, Offenheit, Neugier und Menschlichkeit das schönste ist, das wir als Eltern unseren Kindern mit auf den Weg geben können.

Always be brave enough to start a conversation that matters

Und ich gehe noch einen Schritt weiter: Dieses Gestalten ist nicht optional. Es ist nicht der neue Lifestyle, den man halt mitmachen kann oder nicht. Um nur eine eindringliche Kennzahl zu nennen: Der Earth Overshoot Day, also der Tag, ab dem wir Menschen mehr natürliche Ressourcen verbrauchen als die Erde regenerieren kann, war in 2017 bereits am 2. August (www.overshootday.org). Und ja, der Blick aufs große Ganze fordert, manchmal überfordert er auch. Doch das große Ganze ist die Summe vieler kleiner Teile, die wir alle mitbestimmen.

Natürlich werden wir beim Spieletreff weiterhin über Babyschuhe und Beikostfortschritte sprechen. Doch lasst uns nicht vergessen Gespräche zu führen über den Stand der Welt und unseren Einfluss in ihr. “Always be brave enough to start a conversation that matters.” las ich neulich einen Aufruf im sozialen Netz. Gut gesagt. Und dann aktiv werden, hier ein paar konkrete Vorschläge:

  • Tu die einfachen Dinge, die jeder tun kann, um nachhaltiger zu leben. Ökostrom beziehen z.B. und die Energiewende fördern (Greenpeace Energie, Lichtblick, EWE oder die Elektrizitätswerke Schönau bieten gute Dinge; der Wechsel ist leicht). Deinen  CO2-Fußabdruck insgesamt kennen und verbessern. Du kannst auch versuchen, Konsum hinterfragen, gebrauchte Dinge kaufen, Dinge leihen und verleihen. Plastik vermeiden. Bewusst mit Lebensmitteln umgehen.
  • Versuche, zu realisieren, wie privilegiert deine Kinder sind. Sei dankbar dafür und überlege, wie ihr die unterstützen könnt, die es nicht sind. Für mehr Gleichberechtigung, von Anfang an. Z.B. mit einer Patenschaft bei „Familien in Not“ von wellcome. Oder dadurch, dass du Kinder mit zwei Elternhäusern über die wunderbare Organisation “Flechtwerk” unterstützt – z.B. als Gastgeber für ihre Kinder besuchende Papas und Mamas. Gebt DEUTSCHLAND RUNDET AUF Eure Cents beim Einkauf und unterstützt damit wirksame Projekte gegen Kinderarmut. Werde Mentore, Vorlesepate, vielleicht sogar Stipendiengeber bei “MyStipendium”. Es gibt so viele Wege, anderen Türen zu öffnen.
  • Wie verbringst du deine Freizeit? Nur für dich, oder auch mal „für andere“? Ob in der Nachbarschaft (z.B. über www.nebenan.de) oder in der Hilfe für Geflüchtete (z.B. über www.start-with-a-friend.de), ob im Miteinander der Generationen (vielleicht kennst du ein Heim oder eine Kita, für die www.generationsbrücke.de spannend sein könnte?), im Umweltschutz (kennt ihr Green Parenting?) oder im politischen Betrieb (z.B. bei www.abgeordnetenwatch.de): Bring dich ein. Mach das Miteinander zur Selbstverständlichkeit.

Dies können erste Schritte sein, mit denen wir auch im elterlichen Miteinander aktiver werden: Eltern als Vorbilder für nachhaltiges Verhalten und für Attribute, die wichtiger sind als jeder Wollwalk oder Street-Style: Neugier, Offenheit, Menschlichkeit und Engagement füreinander.

 

Laura Haverkamp ist seit 2011 Teil des Teams von Ashoka Deutschland. Mitte 2016 tauschte sie viele Reisetage und Vorträge gegen Stillmahlzeiten und Windeln, Förderkonzepte für soziale Innovation und Werbung für Investments mit Sinn gegen Spielgruppen und Rückbildungskurs. Sie macht sich wie die meisten Eltern zu viele Gedanken, wenn ihre Tochter dies und jenes zu Zeitpunkt X (nicht) tut und genießt die Verlangsamung ihres Tempos in der Elternzeit. Was sie aber beibehalten hat, auch als neues Mitglied des Think Tank 30, des jungen Think Tank des Club of Rome, ist ihre Lust auf und die gespürte Verantwortung für die Gestaltung der, ihrer, unserer Welt – im Rahmen ihrer Karriere und darüber hinaus.

Der Artikel erschien erstmals auf tbd.community im Juli 2017.
Portrait Laura: Christian Klant
Artikelfoto: unsplash Ksenia Makagonova

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