Gott in Berlin, Newton in Brüssel

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Die Grenzen unserer Sprache sind die Grenzen unserer Welt, so lautet das berühmte Diktum des Philosophen Ludwig Wittgenstein. Für ihn stehen Wort und Welt in einem Abbildverhältnis: Das Wort ist lediglich das Bild einer Tatsache, wir aber können nur dieses Bild denken, nicht die Tatsache dahinter. Die klassische Quelle scheiternder Kommunikation.

In Zeiten der hektischen Auseinandersetzungen mit Griechenland weiß bald niemand mehr, wer wann was vorgeschlagen und abgelehnt hat oder wer schuld ist, wie Michael Thumann in der Zeit geschrieben hat. Die gegenwärtige Krise stellt das europäische Motto „In Vielfalt geeint“ in vielfältiger Hinsicht in Frage. Auch auf sprachlicher Ebene, denn Sprache ist zweifelsohne eine Quelle von Vielfalt, damit aber auch von Missverständnissen.

Deshalb lohnt es sich, einmal innezuhalten und sich vor Augen zu führen, welche Sprachbilder wir in der deutschen Sprache benutzen und wie wir damit die bisweilen recht konfusen ökonomischen Tatsachen für uns herunterbrechen, wie wir sie also „denkbar“ machen.

Schuld und Schuldner, Gläubige und Gläubiger

So ist es bemerkenswert, dass es in den meisten europäischen Sprachen zweierlei „Schuld“ gibt: Die moralische Schuld nennt man im Englischen etwa guilt oder fault, die ökonomische nennt man dort debt. Im Deutschen aber gibt es nur eine Schuld. Es wird lediglich die moralische Schuld in den Plural konjugiert und schon haben wir ökonomische Schulden. Herr, vergib uns unsere Schulden, dachte ich daher als Kind beim Vaterunser.

Die Ähnlichkeit dieser Bilder ist nicht nur verblüffend, es ist auch bemerkenswert, dass die ökonomische Schuld sogar als die Mehrzahl der moralischen verstanden werden könnte. Die ökonomische Schuld eine Steigerung der moralischen? Dies ist eine Eigenheit der deutschen Sprache. Ein Brite „sieht“ diese Bilder nicht, wenn er von demselben spricht.

Da diese Bilder gemäß Wittgenstein aber das einzige sind, was wir haben, wenn wir von Tatsachen sprechen, ist ihr Einfluss auf unser Weltverständnis signifikant. Wir müssen sie mit äußerster Vorsicht verwenden, ja am besten sollen wir schweigen, wovon wir nicht klar sprechen können, so der österreichische Philosoph in seinem „Tractatus logico-philosophicus“.

Denn diese Bilder können ein Eigenleben entwickeln und dem Sprecher aus der Hand gleiten: Man nehme nur den Vorsatz des Bundesfinanzministers einen Bundeshaushalt „ohne neue Schulden“ aufzustellen. Die Opposition wirft ihm Verbissenheit vor, und dass dies nur auf Kosten der Sozialkassen möglich sei. Rührt diese Verbissenheit etwa von der metaphysischen Schwere des Bildpaares Schuld/Schulden? Wer möchte nicht ohne Schuld sein? But debt would be okay, wouldn’t it?

Neben dieser theologischen Komponente suggeriert das Schulden-Bild auch, dass, wer Schulden hat, Schuld trägt. Das Wort Schulden verschleiert ein wenig, dass eine Schulden-Krise zwei „Dumme“ hat: einen, der die Zahlungen bekommt, aber auch einen, der bereit war, sie zu zahlen.

So sprechen wir im Deutschen mit theologischer Schwere nicht nur von dem, der Schulden hat: Auch der, der das Schuldverhältnis ermöglicht und in England creditor heißt, ist bei uns ein Gläubiger. Nun heißt credere zwar auch glauben aber wie bei Schuld unterscheiden wir im Englischen zwischen dem religiösen Gläubiger, dem believer, und einen ökonomischen, dem creditor. Das deutsche Bild des Gläubigers macht diesen Unterschied nicht. Es deutet an, dass es einen Abfall vom Glauben bedeuten würde, wenn die Schulden nicht bezahlt werden können. Apostasie, Schuld, Vergebung. Es brauen sich apokalyptische Bilder in der deutschen Sprache zusammen. Man möge einmal einem Briten den Satz „The Believers should forgive guilt“ entgegenbringen, er würde nervös lächeln, als stünden bei ihm die Zeugen Jehovas vor der Türe. „Creditors should write off debts“ klingt da schon ganz anders.

Auch abseits der Schuldenkrise fühlen wir uns in ein theologisches Seminar versetzt, schon Marx erkannte die „theologischen Mucken der Ware“.

So sprechen wir vom Rat der Wirtschaftsweisen. Ein dunkler, übersinnlicher Mythos scheint diesen Kreis der Fünf zu umwabern. Doch aus welchen Omen deutet dieser Rat den Gotteswillen? Ist es den Auguren gleich der Flug und das Geschrei der Vögel? Nicht-Eingeweihte sollen natürlich nicht die Prophezeiungen hinterfragen, sondern den Weisen Glauben schenken. „Philosophie“ heißt „Liebe zur Weisheit“. Weisheit scheint den Ökonomen überlassen.

„Die Börsen reagieren nervös“. Wer hat ihn nicht schon einmal gelesen, diesen Satz aus dem Wirtschaftsteil? Ein häufiger Ratschlag ist es dann, die Märkte zu beruhigen. Wieder ein religiöses Element. Man kann sich beinahe vorstellen, wie die Fünf Weisen vom Berg des Orakels herabsteigen und konsterniert feststellen: „Die Götter sind unruhig, man bringe ihnen Opfer!“ Dass die Auszubildenden oder die Alleinerziehenden unruhig sind und einer Opfergabe bedürfen, das ist kein stimmiges Bild und deswegen hören wir es nie.

Bilder haben Macht und prägen unseren „deutschen“ Umgang mit Schulden. Oma sagte immer: „Nur keine Schulden machen! Borgen bringt Sorgen.“ Und so werden in Deutschland nur 18 % aller Transaktionen mit Kreditkarte bezahlt, in den USA sind es 54 %. Das moralindurchsäuerte Bild von Schulden mag auch einer der Gründe dafür sein, warum 85 % der Deutschen weitere Zugeständnisse an Griechenland ablehnen und davon 68 % der Wähler der Linken, einer Partei die eigentlich mit Syriza verbrüdert ist.

Der liebe Gott und das liebe Geld.

Bei der Suche nach der Herkunft dieser dunklen religiösen Bilder treffen wir auf mancherlei historische Episoden: Eine bringt uns in das thüringische Weimar der 20er Jahre zu jenem finanziellen Trauma, welches dem Dritten Reich voranging.

Der theologische Rahmen führt ein zweites Mal nach Thüringen: zu dem Erfurter Soziologen Max Weber und seinen Studien über den Zusammenhang zwischen protestantischer Ethik und dem Geist des Kapitalismus. Der Philosoph Georg Simmel, allerdings ein Berliner, beschreibt, wie Geld psychologisch die traditionelle Rolle Gottes eingenommen hat.

Der Ökonom Tomas Sedlacek zeigt, dass die theologischen Wurzeln der Ökonomik noch viel tiefer liegen: Sie ist nicht alleine eine Wissenschaft in der Tradition der Aufklärung, sondern wurzelt in der Religion. Das älteste literarische Werk überhaupt, das Epos von Gilgamesh, behandelt den Abbau von Ressourcen, den Nutzen einer soliden Infrastruktur und das Erschließen neuer Handelsrouten. Nicht zu vergessen ist auch die erste makroökonomische Prognose, die der biblische Joseph dem Pharao gibt:

„Nehme den Fünften in Ägyptenland in den sieben reichen Jahren und lasse sie sammeln den ganzen Ertrag der guten Jahre (…) und es verwahren (…) für das Land in den sieben Jahren des Hungers“

Hier erkennen wir die erste Auseinandersetzung mit antizyklischer Fiskalpolitik im Sinne Keynes und den Vorschlag einer fiskalischen Stabilisierung durch eine Steuer in Höhe von 20 % (Sedlacek, 64). Gerade in der deutschen Sprache sind diese theologischen Wurzeln noch sehr präsent.

Gott in Berlin, Newton in Brüssel – oder: Ein Bild ist ein Bild ist ein Bild.

Die Finanzkrise der Weimarer Republik, protestantische Ethik, alttestamentliche Prophezeiung. All diese Bilder wirken in uns, wenn auch nicht allen bewusst, wenn wir über Griechenland sprechen. Einige Bilder sind europäisches Gemeingut, andere aber sind deutsch.

Wuchtige Bilder sind Zeichen für die Macht der Sprache im Diskurs der Wirtschaft. Sprache konstituiert Regeln. Schulden sind Sünde, Wirtschaftsweise haben Götterwissen, Märkte sind Götter. Bitte Sprachsensibilität nicht allein in Gender-Fragen, sondern etwa auch in der Eurozonen-Krise. Wenn wir Europa in seiner Vielfalt vereinen wollen, dann ist es wichtig, sich der Bilder bewusst zu werden, die wir nutzen. Einander widersprechende Bild prallen babylonisch aufeinander. Kommunikation droht zu scheitern, wenn wir diese Bilder nicht richtig benutzen.

Es ist also wichtig, Bilder als das zu nehmen, was sie sind: eben Bilder und nicht Tatsachen. Gestehen wir uns die Reibungsverluste zwischen Welt und Wort ein. Sprache und Tatsache sind nicht adäquat. Nehmen wir das Bildergestrüpp als Tatsachen, dann verheddern wir uns.

Wir sehen das in einer politischen Krisensituation, die scheinbar nicht politisch sein soll: Als Alexis Tsipras das Referendum ankündigte und die Angebote der Geldgeber zunächst ablehnte, bezeichnete Martin Schulz dies als „rational nicht mehr nachvollziehbar und höchstens erklärbar als blanke Ideologie“. EU-Kommissar Pierre Moscovici rief auf, „logisch, nicht ideologisch zu handeln“. Der Ideologie-Vorwurf gegen Tsipras unterstellt seine Unfähigkeit, Wahrheit zu erkennen, weil er allzu sehr dogmatischen Ideen folgt, wie Frederike Kaltheuner argumentiert. Moscovici und Schulz bringen das Bild der reinen logischen Naturwissenschaft in Stellung: Warum sollten wir über Naturgesetze debattieren?

Bilder für Wahrheit nehmen, depolitisiert die Debatte um die Schuldenkrise: Es wird suggeriert, dass nun objektive Schritte und keine Lehre der Ideen (i. e. Ideologie) an der Tagesordnung seien. Ähnlich wie in der theologischen Aufladung von Wirtschaftsweisen und Märkten, die wir beruhigen müssen, wird das politische Element entfernt. Es sind wahlweise Götter oder die formale Logik, die dafür zuständig sind – nicht Menschen und nicht Meinungen. In beiden Fällen wird Kommunikation blockiert. Eine sozusagen offene Diskussion ist sinnlos, wo Götterwille oder Naturwissenschaft gelten sollen. Beide sind unumstößlich. Wer Bilder benutzt, ohne sie als zumeist unzulängliche Verbildlichung zu erkennen, wird konfus. Am Ende denkt er tatsächlich, es gäbe eine logische Lösung für ein politisches Problem. Oder sollen Debatten abgewürgt werden?

Eine logische Sprache zu entwickeln, objektiv und unabhängig von irreführenden Bildern, hat den von Wittgenstein inspirierten Wiener Kreis vor etwa 90 Jahren beschäftigt. Eine Analyse der Sprache sollte sinnvolle (d. h. empirisch verifizierbare) von sinnlosen Sätzen unterscheiden, um Scheinbegriffe auszusortieren. Da es den so genannten logischen Empiristen aber selbst für die banalsten Beobachtungssätze nicht gelungen ist, ein klares Sinnkriterium zu finden, wird es auch für die Brüsseler Empiristen nicht möglich sein, eine logische Sprache für die Schuldenkrise zu entwickeln.

Also müssen wir uns mit Bildern begnügen und sie verantwortungsbewusst verwenden, ob im populistischen „ideologischen“ Athen, im naturwissenschaftlichen Brüssel oder im wirtschaftstheologischen Berlin. Vorsicht lassen wir vermissen, wenn wir die Diskussion weiter mit diesen Bildern aufladen, statt zu erkennen, was sie sind: Übertragungen. Fragen wir uns also, ob dieses oder jenes Bild wirklich adäquat ist, was es suggeriert und wo es Schaden anrichtet. Bilder sind Bilder. Ist uns dies klar, dann schaffen wir es vielleicht, zu gelingender Kommunikation zu gelangen und nach Wittgenstein „von einem nicht offenkundigen Unsinn zu einem offenkundigen überzugehen“.

Dienst an der Ökonomie darf nicht Bilderdienst sein – bildlich gesprochen.

Bilder: Hans Rusinek

Hans Rusinek

Hans Rusinek, 25, studiert an der London School of Economics und stößt dort oft auf kollidierende Sprachbilder. Die jüngste Entdeckung: Wo die europäischen Nachbarn von „Austerity“, „Austeritas“, „Austerite“ sprechen, was wie ein teutonischer Rachegott klingt, sagen wir im Deutschen ganz kuschelig „Sparpolitik“.

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