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BLOG ZUM MAGAZIN FÜRS GUTE LEBEN

März 2017
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Eine Windböe wirbelt die bunten Blätter vom Boden auf und ich ziehe leicht fröstelnd meine Jacke über. Noch hat sich der Winter nicht angekündigt und Sonnenstrahlen erwärmen meine Nase während ich auf der Terrasse meiner Eltern sitze. Ich bin entspannt. Doch ich darf mich der spätsommerlichen Idylle des Dorfes nicht hingeben. Ich muss Arbeit finden.

Vor einem Jahr habe ich mit einem Master of Science mein Studium abgeschlossen. Ich studierte in Schweden die Mensch-Umwelt-Beziehungen, lernte Zusammenhänge zu erkennen und bestehende Dogmen zu hinterfragen. Ich engagierte mich bei Studentenzeitungen und politischen Assoziationen, sammelte Arbeitserfahrung in einem Entwicklungsland und beherrsche nun drei Sprachen fließend.

„Wir freuen uns Ihnen mitteilen zu können, dass wir Sie gerne in unserem Team willkommen heißen. Leider können wir das Praktikum von sechs Monaten nicht vergüten.“

Ich erhielt die E-Mail eine Stunde nachdem ich meine Masterthesis eingereicht hatte. Ich war überglücklich. Zwar hatte ich schon etliche Praktika während meiner Studienzeit absolviert, jedoch würde ich das erste Mal bei einer renommierten internationalen Organisation meinem eigenen Projekt nachgehen. Außerdem sah ich die Stelle als erste Sprosse auf meiner Karriereleiter. Es konnte losgehen.

Zwei Monate später war ich umgezogen, hatte eine nette Wohngemeinschaft gefunden und schloss neue Freundschaften. Täglich arbeitete ich 8 Stunden in einem grauen Bürogebäude. Die meiste Zeit davon starrte ich auf einen Computerbildschirm. Ich recherchierte und verfasste Texte. Doch obwohl ich vollkommen von dem Sinn meiner Projekte überzeugt war, verspürte ich jeden Tag größere Frustration aufkommen. Es war immer mehr absehbar, dass aus diesen sechs Monaten kein weiteres Jobverhältnis zustande kommen würde. Außerdem erkannte ich die Eintönigkeit meines gewählten Berufsfeldes, nachdem die ersten Herausforderungen gemeistert waren.

Generell bin ich kein Freund von Routine. Mein Immunsystem scheint Antikörper gegen sie gebildet zu haben. Aber den Alltag in meinem letzten Semester an der Universität würde ich als perfekt beschreiben. Ich arbeitete halbtags auf einem schwedischen Hof und verbrachte die restliche Zeit an meiner Masterarbeit.

Durch meine Reisen habe ich das Wwoofen zu schätzen gelernt. Als „willing worker on organic farms“ half ich auf verschiedenen Bauernhöfen aus und bekam dafür Unterkunft und Verpflegung gestellt. Ich genoss es mit meinen Händen die Erde zu bearbeiten und Nahrungsmittel selbst anzubauen. Es ist wunderbar an der frischen Luft zu sein und das Resultat seiner Bemühung direkt sehen zu können. Doch mich vollkommen der Landwirtschaft zu widmen, konnte ich mir auch nicht vorstellen. Es war einfach der gelungene Ausgleich zu der Arbeit am Computer.

Auf der Terrasse meiner Eltern sitzend träume ich von einer Gesellschaft, in der alle nur Halbzeit beschäftigt sind und ihre restliche Zeit damit verbringen Arbeit für die Gemeinschaft zu verrichten. Haushalte könnten sich zusammenschließen, um auf einem freien Gelände der Nachbarschaft einen Garten anzulegen, nachhaltige Strategien in der Energiegewinnung und Müllverwertung zu entwickeln und soziale Projekte durchzuführen. Unsere Welt würde so viel schöner aussehen. Doch eine weitere kühle Brise weckt mich aus meinem Traum. Ich seufze leise, betrete das Haus und setzte mich vor die Stellenanzeigen.

 


 

 

„Gedanken einer Arbeitssuchenden“ ist ein Text von Cornelia Helmcke, die transform als freie Mitarbeiterin unterstützt.


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