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Michael Fielsch, geboren 1965 in Ost-Berlin, verfügt über Ausbildungen zum Fernanmeldeanlagenelektroniker, für den Güterfernverkehr und zum Schienenfahrzeugschlosser. Dazu kommen weitreichende IT-Kenntnisse, die er in zahlreichen Zertifikaten nachweisen kann. Dennoch ist er bereits seit über 10 Jahren ohne Erwerbsarbeit. Er ist sehr zufrieden mit diesem Zustand und verbringt seine Zeit damit, sich für eine Gesellschaft ohne Arbeitszwang einzusetzen.


Du bist freiwillig arbeitslos, obwohl Du mehrere Ausbildungen hast und sicher etwas finden könntest, oder nicht? Du lehnst aber die Erwerbsarbeit aus Prinzip ab. Warum das?

Ich bin bereits seit gut 10 Jahren erwerbslos und das aus Überzeugung. Zuvor habe ich unter anderem als Kraftfahrer und Fuhrunternehmer gearbeitet. Später habe ich mit Online Werbung selbstständig gemacht. Aber wer profitierte davon? Meiner Meinung nach sind die meisten Jobs nicht sinnstiftend und machen die Leute an der Spitze reich, während viele Beschäftigte nicht genug zum Leben haben.

 

Das heißt, Du lebst von Hartz IV. Das sind aktuell gerade einmal 391 € unter der Voraussetzung, Jobangebote anzunehmen. Kannst Du davon leben?

Ja, das geht – aber mit Einschränkungen. Mir ist vor allem wichtig, dass ich viel Zeit habe für die Dinge, die mir etwas bedeuten. Der Verzicht spielt dabei aber eine große Rolle und das betrifft vor allem gesellschaftliche Teilhabe wie Kino, kulturelle Unternehmungen, Reisen und dergleichen. So etwas ist kaum drin. Ich fühle mich durch Hartz-IV finanziell eingemauert.

 

Wie gehst Du mit den Angeboten vom Jobcenter um?

Ich habe das große Glück, dass ich seit über 10 Jahren kein einziges Angebot bekommen habe! Vor einer Weile habe ich im Fernsehen bei Sandra Maischberger mitdiskutiert und das Jobcenter bekam von meinen Ansichten Wind – da haben die natürlich gleich mit Sanktionen gedroht und wollten Termine mit mir machen, die ich nicht einhalten konnte. Es war ja nicht so, als hätte ich nichts Besseres zu tun gehabt. Für die ist das aber natürlich nicht akzeptabel, wenn sie nicht ganz oben auf deiner Prioritätenliste stehen.

 

Du setzt Dich für das bedingungslose Grundeinkommen ein. Glaubst Du, dass wir das noch erleben dürfen?

Ja das glaube ich. Vor einer Weile dachte ich noch, dass sich das BGE durchsetzen muss – und zwar spätestens bis zu meinem Renteneinstieg. Meine Rentenanwartschaft liegt gerade mal bei rund 120 € im Monat. Ich konnte allerdings erwirken, in Frührente zu gehen, da man mir ein Gutachten ausstellte, dass ich nicht geeignet bin in Hierarchien oder mehr als 3 Stunden pro Tag zu arbeiten. Auch für das Jobcenter ein Glücksfall: sie sind mich endlich los und offiziell gibt es einen „Arbeitslosen“ weniger. Für das Grundeinkommen setze ich mich natürlich noch mit meiner ganzen Kraft ein.

 

Wie gestaltest Du neben Deinem politischen Engagement Deine Zeit? Bleibst Du auch mal im Bett liegen und lässt fünfe gerade sein?

Das ist das Schöne an Hartz IV: man kann aufstehen, wann man will, und ein Nickerchen zwischendurch ist auch immer drin. Nur in der Muße liegt doch die Kraft, die wir brauchen, um kreativ sein zu können. Ich kann mir meine Verpflichtungen selbst aussuchen und mich mit den Dingen beschäftigen, die ich selbst für sinnvoll erachte. In meinem Fall das bedingungslose Grundeinkommen. Das hat mir meine Wertigkeit zurückgegeben. Ich empfinde das als zutiefst sinnstiftend, wenn ich dafür Aufklärungsarbeit betreibe und etwas Großes voranbringe.

 

Manche Leute würden sagen, dass Du es der Gesellschaft schuldig bist, etwas zur Wirtschaft beizutragen. Was sagst Du denen?

Meine vor einigen Jahren verstorbene Mutter fragte mich einmal „Michael, was hast Du morgen Vormittag vor?“ – „Einen Vortrag für eine Konferenz vorbereiten“ antwortete ich ihr, worauf sie entgegnete: „Prima, dann kannst du ja helfen, ein paar Sachen auf den Dachboden zu tragen.“

Ich bringe mich in die Gesellschaft ein. Aber gerade in unserer deutschen Gesellschaft ist es ein no-go, wenn der Mensch tut, was er will. Denkende Menschen haben hier keinen hohen Stellenwert, wie etwa in Tibet. Hier in Deutschland hat derjenige Ansehen, der viel Geld einsammelt, der sich den Buckel krumm macht – und das, völlig egal, wie sinnlos seine Beschäftigung ist.

Ich glaube, in Wirklichkeit arbeiten wir alle doch nur effektiv, damit wir einmal weniger arbeiten müssen. Allerdings fürchte ich, dass eine solche Ehrlichkeit in der Gesellschaft nicht anerkannt wird.

 

Glaubst Du, dass viele Jobs da draußen gar nicht sinnvoll sind?

Ich glaube, wir arbeiten nicht nur für den Sinn, sondern vor allem auch für die Selbstbestätigung. Bei meiner Tätigkeit als LKW Fahrer haben wir z.B. oft den Auftrag bekommen, Ware von A nach B zu fahren und sie dort abzuladen, dann wieder gleiche Ware aufzuladen und nochmal woanders hinzubringen. Absolut sinnlos. Der einzige Grund dafür: die Unternehmer wollten Subventionen abgreifen. Mit der Ware wird spekuliert. Ich schätze, dass ein gewaltiger Anteil des LKW-Verkehrs auf unseren Straßen sich mit diesem Unsinn beschäftigt.

 

Tatsächlich aber bewirbst Du Dich ja dann doch aktiv: und zwar initiativ u.a. beim Jobcenter, der Deutschen Bank, Google oder im Büro von Ströbele. Dein Profil: „Der Wendeberater“ – Du möchtest denen dabei helfen, sich auf die Gesellschaft ohne Arbeitszwang vorzubereiten.

Wie reagieren sie auf Deine Bewerbungen?

Gar nicht. Das wird als Witz empfunden, was es irgendwie ja auch ist. Aber es soll zum Nachdenken anregen, deswegen veröffentliche ich das Ganze auch auf meiner Webseite.

Ich würde mich nie wieder in Abhängigkeit begeben – nie wieder will ich im Sinne eines anderen handeln müssen. Wenn jemand will, dass ich fremdbestimmt für ihn arbeite, muss er sich mich auch leisten können. Meine Lebenszeit ist sehr wertvoll. Und genau das sehe ich momentan nicht. Das Einzige, was ich mir vorstellen kann, ist die Unterstützung in einer Funktion des Beraters für einen anderen Umgang mit der Arbeit. Dafür scheint bei vielen meiner Bewerbungsempfänger jedoch die Zeit noch nicht gekommen.

 

Hast Du schon mal versucht, Dich bei Initiativen, wie denen für das bedingungslose Grundeinkommen, zu bewerben und so von Deiner Wunschtätigkeit leben zu können?

Nicht wirklich, weil ja viele von denen selber kein Geld haben. Und bezahlt werde ich ja bereits von der Gesellschaft in Form von Hartz-IV. Dies ist für mich eine Vorstufe auf dem Weg zum bedingungslosen Grundeinkommen.

 

Viele Leute sagen, das Grundeinkommen ist pure Utopie. Wenn alle Menschen von einem Grundeinkommen leben würden, wer erarbeitet dann die Leistungen, die wir konsumieren können?

Stell dir vor, du wärst ganz alleine auf diesem Planeten. Du würdest ganz einfach an die Quelle gehen und trinken, dir dein Essen selbst besorgen. Die Ressourcen stehen uns allen doch zu, weil wir Teil dieses wundervollen Planeten sind!

Nun käme aber jemand anderes dazu, der plötzlich sagt „Hey was machst du da mit meinem Wasser? Die Quelle liegt auf meinem Land!“. Und dann würde er dir vorschlagen, du könntest ja für ihn arbeiten, so dass Du ihm das Wasser abkaufen kannst. Das System, in dem wir leben, ist nicht natürlich, nicht naturgegeben.

 

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Dieser Beitrag ist Teil der ersten Ausgabe von transform – dem neuen Magazin fürs Gute Leben. Das Heft kannst Du Dir am Bahnhofskiosk kaufen oder direkt bei uns online bestellen!

 

Bild: (c) Andi Weiland für transform

 

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