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BLOG ZUM MAGAZIN FÜRS GUTE LEBEN

April 2017
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Michael Fielsch, geboren 1965 in Ost-Berlin, verfügt über Ausbildungen zum Fernanmeldeanlagenelektroniker, für den Güterfernverkehr und zum Schienenfahrzeugschlosser. Dazu kommen weitreichende IT-Kenntnisse, die er in zahlreichen Zertifikaten nachweisen kann. Dennoch ist er bereits seit über 10 Jahren ohne Erwerbsarbeit. Er ist sehr zufrieden mit diesem Zustand und verbringt seine Zeit damit, sich für eine Gesellschaft ohne Arbeitszwang einzusetzen.


Du bist freiwillig arbeitslos, obwohl Du mehrere Ausbildungen hast und sicher etwas finden könntest, oder nicht? Du lehnst aber die Erwerbsarbeit aus Prinzip ab. Warum das?

Ich bin bereits seit gut 10 Jahren erwerbslos und das aus Überzeugung. Zuvor habe ich unter anderem als Kraftfahrer und Fuhrunternehmer gearbeitet. Später habe ich mit Online Werbung selbstständig gemacht. Aber wer profitierte davon? Meiner Meinung nach sind die meisten Jobs nicht sinnstiftend und machen die Leute an der Spitze reich, während viele Beschäftigte nicht genug zum Leben haben.

 

Das heißt, Du lebst von Hartz IV. Das sind aktuell gerade einmal 391 € unter der Voraussetzung, Jobangebote anzunehmen. Kannst Du davon leben?

Ja, das geht – aber mit Einschränkungen. Mir ist vor allem wichtig, dass ich viel Zeit habe für die Dinge, die mir etwas bedeuten. Der Verzicht spielt dabei aber eine große Rolle und das betrifft vor allem gesellschaftliche Teilhabe wie Kino, kulturelle Unternehmungen, Reisen und dergleichen. So etwas ist kaum drin. Ich fühle mich durch Hartz-IV finanziell eingemauert.

 

Wie gehst Du mit den Angeboten vom Jobcenter um?

Ich habe das große Glück, dass ich seit über 10 Jahren kein einziges Angebot bekommen habe! Vor einer Weile habe ich im Fernsehen bei Sandra Maischberger mitdiskutiert und das Jobcenter bekam von meinen Ansichten Wind – da haben die natürlich gleich mit Sanktionen gedroht und wollten Termine mit mir machen, die ich nicht einhalten konnte. Es war ja nicht so, als hätte ich nichts Besseres zu tun gehabt. Für die ist das aber natürlich nicht akzeptabel, wenn sie nicht ganz oben auf deiner Prioritätenliste stehen.

 

Du setzt Dich für das bedingungslose Grundeinkommen ein. Glaubst Du, dass wir das noch erleben dürfen?

Ja das glaube ich. Vor einer Weile dachte ich noch, dass sich das BGE durchsetzen muss – und zwar spätestens bis zu meinem Renteneinstieg. Meine Rentenanwartschaft liegt gerade mal bei rund 120 € im Monat. Ich konnte allerdings erwirken, in Frührente zu gehen, da man mir ein Gutachten ausstellte, dass ich nicht geeignet bin in Hierarchien oder mehr als 3 Stunden pro Tag zu arbeiten. Auch für das Jobcenter ein Glücksfall: sie sind mich endlich los und offiziell gibt es einen „Arbeitslosen“ weniger. Für das Grundeinkommen setze ich mich natürlich noch mit meiner ganzen Kraft ein.

 

Wie gestaltest Du neben Deinem politischen Engagement Deine Zeit? Bleibst Du auch mal im Bett liegen und lässt fünfe gerade sein?

Das ist das Schöne an Hartz IV: man kann aufstehen, wann man will, und ein Nickerchen zwischendurch ist auch immer drin. Nur in der Muße liegt doch die Kraft, die wir brauchen, um kreativ sein zu können. Ich kann mir meine Verpflichtungen selbst aussuchen und mich mit den Dingen beschäftigen, die ich selbst für sinnvoll erachte. In meinem Fall das bedingungslose Grundeinkommen. Das hat mir meine Wertigkeit zurückgegeben. Ich empfinde das als zutiefst sinnstiftend, wenn ich dafür Aufklärungsarbeit betreibe und etwas Großes voranbringe.

 

Manche Leute würden sagen, dass Du es der Gesellschaft schuldig bist, etwas zur Wirtschaft beizutragen. Was sagst Du denen?

Meine vor einigen Jahren verstorbene Mutter fragte mich einmal „Michael, was hast Du morgen Vormittag vor?“ – „Einen Vortrag für eine Konferenz vorbereiten“ antwortete ich ihr, worauf sie entgegnete: „Prima, dann kannst du ja helfen, ein paar Sachen auf den Dachboden zu tragen.“

Ich bringe mich in die Gesellschaft ein. Aber gerade in unserer deutschen Gesellschaft ist es ein no-go, wenn der Mensch tut, was er will. Denkende Menschen haben hier keinen hohen Stellenwert, wie etwa in Tibet. Hier in Deutschland hat derjenige Ansehen, der viel Geld einsammelt, der sich den Buckel krumm macht – und das, völlig egal, wie sinnlos seine Beschäftigung ist.

Ich glaube, in Wirklichkeit arbeiten wir alle doch nur effektiv, damit wir einmal weniger arbeiten müssen. Allerdings fürchte ich, dass eine solche Ehrlichkeit in der Gesellschaft nicht anerkannt wird.

 

Glaubst Du, dass viele Jobs da draußen gar nicht sinnvoll sind?

Ich glaube, wir arbeiten nicht nur für den Sinn, sondern vor allem auch für die Selbstbestätigung. Bei meiner Tätigkeit als LKW Fahrer haben wir z.B. oft den Auftrag bekommen, Ware von A nach B zu fahren und sie dort abzuladen, dann wieder gleiche Ware aufzuladen und nochmal woanders hinzubringen. Absolut sinnlos. Der einzige Grund dafür: die Unternehmer wollten Subventionen abgreifen. Mit der Ware wird spekuliert. Ich schätze, dass ein gewaltiger Anteil des LKW-Verkehrs auf unseren Straßen sich mit diesem Unsinn beschäftigt.

 

Tatsächlich aber bewirbst Du Dich ja dann doch aktiv: und zwar initiativ u.a. beim Jobcenter, der Deutschen Bank, Google oder im Büro von Ströbele. Dein Profil: „Der Wendeberater“ – Du möchtest denen dabei helfen, sich auf die Gesellschaft ohne Arbeitszwang vorzubereiten.

Wie reagieren sie auf Deine Bewerbungen?

Gar nicht. Das wird als Witz empfunden, was es irgendwie ja auch ist. Aber es soll zum Nachdenken anregen, deswegen veröffentliche ich das Ganze auch auf meiner Webseite.

Ich würde mich nie wieder in Abhängigkeit begeben – nie wieder will ich im Sinne eines anderen handeln müssen. Wenn jemand will, dass ich fremdbestimmt für ihn arbeite, muss er sich mich auch leisten können. Meine Lebenszeit ist sehr wertvoll. Und genau das sehe ich momentan nicht. Das Einzige, was ich mir vorstellen kann, ist die Unterstützung in einer Funktion des Beraters für einen anderen Umgang mit der Arbeit. Dafür scheint bei vielen meiner Bewerbungsempfänger jedoch die Zeit noch nicht gekommen.

 

Hast Du schon mal versucht, Dich bei Initiativen, wie denen für das bedingungslose Grundeinkommen, zu bewerben und so von Deiner Wunschtätigkeit leben zu können?

Nicht wirklich, weil ja viele von denen selber kein Geld haben. Und bezahlt werde ich ja bereits von der Gesellschaft in Form von Hartz-IV. Dies ist für mich eine Vorstufe auf dem Weg zum bedingungslosen Grundeinkommen.

 

Viele Leute sagen, das Grundeinkommen ist pure Utopie. Wenn alle Menschen von einem Grundeinkommen leben würden, wer erarbeitet dann die Leistungen, die wir konsumieren können?

Stell dir vor, du wärst ganz alleine auf diesem Planeten. Du würdest ganz einfach an die Quelle gehen und trinken, dir dein Essen selbst besorgen. Die Ressourcen stehen uns allen doch zu, weil wir Teil dieses wundervollen Planeten sind!

Nun käme aber jemand anderes dazu, der plötzlich sagt „Hey was machst du da mit meinem Wasser? Die Quelle liegt auf meinem Land!“. Und dann würde er dir vorschlagen, du könntest ja für ihn arbeiten, so dass Du ihm das Wasser abkaufen kannst. Das System, in dem wir leben, ist nicht natürlich, nicht naturgegeben.

 

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Dieser Beitrag ist Teil der ersten Ausgabe von transform – dem neuen Magazin fürs Gute Leben. Das Heft kannst Du Dir am Bahnhofskiosk kaufen oder direkt bei uns online bestellen!

 

Bild: (c) Andi Weiland für transform

 


Kommentare

2
  • C. Jentsch

    C. Jentsch C. Jentsch

    Antworten Autor

    Ich habe bisher noch keinen erwachsenen Mann erlebt, der sich so strikt weigert, die Dinge zuende zu denken und diese Weigerung auch noch zelebriert. Es mag sein, dass wir Trinkwasserquellen als Allgemeingut ansehen sollten, aber die Frage lautete nicht „Wenn niemand mehr arbeitet, woher kommt dann unser Trinkwasser?“, sondern „Wer erwirtschaftet dann die Dinge, die wir konsumieren wollen?“ Und finden Sie mal einen deutschen Bürger, dem Wasser Konsum genug ist. Und selbst wenn es das wäre – wir sind mittlerweile einfach zu viele, als dass wir einfach zum Wasser gehen könnten, wenn wir durstig sind. Zu behaupten, dass das jetzt noch funktionieren würde, zeugt von einem höchst naiven Denken. Die Steinzeit war vielleicht schön (ich weiß es nicht, ich war nie in der Steinzeit), aber sie ist vorbei. Wenn Ihnen wiederum Wasser ausreicht, warum leben Sie dann nicht nackt in einer Höhle in der Eifel, anstatt sich Geld schenken zu lassen und sich dann noch öffentlich zu beklagen, auf wie viel Sie verzichten müssen?
    Mit Ihrer Einstellung, Herr Fielsch, können Sie vielleicht in Tibet gut leben (ich weiß es nicht, ich war nie in Tibet), aber hier sind Sie leider nichts weiter als ein Schmarotzer. Da hilft es auch nicht, dass Sie Vorträge halten und sich an Diskussionen beteiligen. Wir sind nun einmal mit unserer Gesellschaft so weit gekommen (ich schreibe absichtlich nicht „fortgeschritten“, denn das ist wiederum Auslegungssache), dass es notwendig ist, dass jeder etwas beiträgt, wenn wir im Allgemeinen unseren Lebensstandard halten wollen. Und das ist in vielen Fällen nun eben ein Job, den man nicht als sinnstiftend erleben kann, wenn man nicht weiter sieht als der eigene Löffel lang ist. Sie möchten ins Kino, ins Theater, Sie finden den Verzicht unangenehm? Dann sollten Sie jedem dankbar sein, der seinen nicht sinnstiftenden Job als Kartenknipser, Kinosaalreiniger, Lichttechniker oder Requisiteur macht.
    Das Arbeitslosengeld ist auch nicht, wie Sie sagen, eine Vorstufe zu etwas so albernem und halbgarem wie dem bedingungslosen Grundeinkommen. Es soll eine Übergangshilfe sein. Viele Menschen sind unverschuldet darauf angewiesen – Menschen, die nicht gut ausgebildet sind wie Sie. Und Sie spazieren herum, halten Vorträge und schreiben Scherzbewerbungen. Sie wollen eine sinnstiftende Arbeit? In der Betreuung und Pflege von Alten, von Kranken, von Kindern, von Behinderten tobt der Personalmangel, weil Leute wie Sie sich auf Kartenknipsern und Krankenschwestern ausruhen, anstatt Ihren Beitrag zu leisten.
    Wenn jemand will, dass Sie für ihn arbeiten, dann muss er Sie sich auch leisten können? Das ist es also? Sie haben für Ihren Geschmack nicht genug verdient und haben sich darum entschieden, einfach nicht mehr zu arbeiten? Das nennt sich Arroganz, vielleicht auch Trotz. Für beides sollten Sie zu alt und zu klug sein. Hätten Sie gesagt „Meine Lebenszeit kann man nicht kaufen“, hätte ich Ihnen zu Taizé oder zu einem Kloster geraten und das wäre das Ende der Geschichte. Aber Sie sind sich ganz offensichtlich einfach nur zu gut dafür, zu arbeiten wie ein Normalsterblicher und bezahlt zu werden wie ein Normalsterblicher – und als normalsterblicher Arbeitsloser behandelt zu werden wie ein normalsterblicher Arbeitsloser, nämlich so, als hätten Sie nichts Besseres zu tun als im Arbeitsamt aufzuschlagen. Denn, Überraschung, das Arbeitsamt bezahlt Sie. Im spanischen (und logischen) Sinne arbeiten Sie also für das Arbeitsamt. Und ich denke, wir alle haben manchmal das Gefühl, „etwas Besseres zu tun zu haben“, als für unser Geld zu arbeiten. Aber für die meisten von uns ist das ein unlogischer Gedanke, denn wenn man etwas will, muss man etwas dafür tun. Oder schmarotzen wie Sie.
    Und bevor irgendjemand versucht, zwischen den Zeilen Neid auf Herrn Fielschs ausgedehnte Freizeit zu erkennen: ja, natürlich hätte ich auch gerne ganz viel Freizeit. Und wenn mir alles und jeder andere außer mir selbst auch so schnurzpiepegal wäre, würde ich vielleicht sogar denselben Weg gehen.
    Herr Fielsch, Sie sind wie jemand, der nackt zum Silvesterdinner kommt und in den Fonduetopf uriniert. Kann ja sein, dass Sie das in Ordnung finden, kann sein, dass Sie sich damit wohlfühlen. Aber die meisten Menschen sind keine Nudisten und können öffentlichem Urinieren nichts abgewinnen. Und irgendwann haben wir uns nun einmal darauf geeinigt, eine Gesellschaft zu sein und als solche unsere Mitmenschen so zu respektieren, wie wir respektiert werden möchten. Und dazu gehört es, Kleidung zu tragen, Toiletten zu benutzen und im Rahmen der eigenen Möglichkeiten einer Arbeit nachzugehen.

    geschrieben am

  • Dinkleberg

    Dinkleberg Dinkleberg

    Antworten Autor

    Nett gebrüllt, das große Problem ist nur das dass System ganz einfach zu alt ist. Die Lohnarbeiter werden total unter ihren Wert ausgezahl, wenn man mal bedenkt wie viel Geld viele Firmen durch die Arbeitskraft erwirtschaften und wie viel davon steuerlos in die eigenen Taschen landet. Ein Lohnarbeiter sollte da nicht unter 15 Euro die Stunde arbeiten.

    Dann kommt noch dazu das heutzutage extreme Massenproduktion herrscht wo auch viele Dienstleistungsfirmen mit daran beteiligt sind. Man sollte in vielen bereichen die Arbeitszeit um die Hälfte kürzen um den mal entgegenzuwirken. Zusätzlich kommt noch dazu das der Konsum in unserer Kultur gerade zu bizarre Formen angenommen hat und auch viel zu hoch ist gerade was elektronische Geräte und Nahrung angeht.

    Was das alles für die Umwelt direkt und indirekt bedeutet, darüber sollte man sich mal belesen, wie viel Lebensraum wegen unseren exklusiven Konsum zerstört wird, vieviel Leben tierisch und menschlich deswegen misshandelt und getötet wird.

    Bitte komme mir jetzt aber bitte nicht mit so ist nunmal unsere Wirtschaft die funktioniert nur so, denn damit denkt man vor allem jetzt nurnoch ein paar Jahrzehnte voraus, das System der Kapitalismus frisst sich immer mehr auf Kosten der Umwelt auf und muss zwangsläufig irgendwann ein Ende finden. Doch solange das viele die Menschen mitmachen, fein im Schnitt 8 Stunden lang am Tag arbeiten und in den dafür vorgesehenen Bereichen überproduzieren wird das immer schlimmer werden.

    Es hat sich längst gezeigt das Menschen die die Freiheit haben selbsbestimmt zu leben autark werden weil sie ganz einfach die Zeit dazu haben ihre eigenen Sachen herzustellen die sie zum überleben brauchen und um ein gewissen Lebensstandard zu erfüllen, es gibt dazu dutzende Projekte und Initiativen allein in Deutschland.

    Natürlich könnte man jetzt sagen Grosprojekte Wie ein Auto, Flugzeug, Staudämme Autobahn, Hochhaus, Brücken, große Kraftwerke, Grundlagenforschung wie Weltraumprojekte, Cern und Co. sind so nicht möglich,. Nun auch da wird, zu viel hergestellt was nicht nötig ist, zu viel gebaut was nur für ein paar Jahre ein nutzen hat bzw. vollkommen unnötig ist, siehe Hochhäuser und wo man für deren Umsetzung nicht auf die Folgen für die Umwelt eingeht. aber die durch das derzeitige System günstig realisierbar ist und ja notwendig ist damit der Kapitalismus weiterläuft.

    Das derzeitige Transportieren sowohl Güter als auch Menschen ist einfach nurnoch lächerlich geworden, was auch hier den enorm hohen Konsum und den bizarren Lebensstandard vieler Menschen zu Schulden kommt – zwecks Autobahn und Brücken, und so weiter es gibt für etliche Grosprojekte heutige Lösungen bloß die Funktionsweise des Kapitalismus steht dazu im Wiederspruch.

    Ja das zum Thema mal weiterdenken, ich könnte ewig so weitermachen aber was du da oben von dir gibst ist zutiefst egoistisch auf unsere westliche Kultur bezogen ohne mal ein wenig über den Tellerand zu schauen, aber klar wer über den Tellerand schaut sieht mehr von der schmutzigen Tischdecke und wer will dass schon?

    geschrieben am


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