Finanzwende: Geldflüsse umsteuern

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Geld regiert die Welt und das Finanzsystem hat einen essentiellen Einfluss darauf, ob sich unser Leben zukünftig nachhaltig gestalten kann.

Zu dieser nachhaltigen Entwicklung, wie sie in aller Munde ist, gehören (mindestens!) drei Säulen: Soziale, ökologische und ökonomische Aspekte müssen gleichermaßen mitgedacht werden, um unsere Welt dahingehend zu entwickeln, dass wir nicht nur heute ein besseres Leben für alle ermöglichen können, sondern auch die nachfolgenden Generationen nicht ihrer Chancen auf ein gutes Leben berauben. Die Finanzbranche beeinflusst dabei nicht nur die ökonomische, sondern alle drei dieser Säulen – denn was die Banken mit unserem Geld machen, prägt unsere Gesellschaft immens.

Ethik- und Umweltbanken –Veränderung aus der Nische?

„Im besten Fall wird der Finanzsektor zum aktiven Unterstützer der sozialen & ökologischen Transformation“, so Gerhard Schick, Mitbegründer und Vorstand der „Bürgerbewegung Finanzwende“, die sich für eine Finanzwirtschaft einsetzt, die dem Menschen dient. Der Volkswirt und hat 2018 seine politische Laufbahn bei den Grünen beendet, um sich voll und ganz der Bürgerbewegung zuwenden zu können. „Wenn sich die Finanzbranche nicht verändert, müssen wir dagegen mit dem Worst-Case Szenario rechnen: Wir können unsere Klimaziele nicht erreichen. So, wie man nicht Fahrradfahren kann ohne Straße, kann die Wirtschaft in der Regel nicht investieren ohne entsprechende Unterstützung aus der Finanzbranche. Finanzsektor und Klimastrategie sind untrennbar.“

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Was tun? Zunächst einmal gibt es heute bereits Banken, die sich primär der Nachhaltigkeit verpflichtet sehen und ihre Wirtschaftsweise ethisch ausrichten: Triodos, Umweltbank, Ethikbank, GLS – das sind Beispiele für einige, die´s besser machen. Hier wird die Energiewende nicht gebremst, sondern finanziert, mit Nahrungsmitteln spekulieren diese Banken nicht, Menschenrechtsverletzungen werden vermieden Allerdings: „Das, was der oder die Einzelne auf dem Sparbuch hat, ist häufig wenig relevant. Natürlich ist es gut, die nachhaltigen Banken zu unterstützen. Aber eine Vergrößerung der Nische kann nicht schnell genug zum Erfolg führen. Wer eine Volkswirtschaft wie die deutsche verändern will, redet von vielen Milliarden Euro. Es führt daher kein Weg daran vorbei, auch die konventionellen Banken umzusteuern.“, so Gerhard Schick.

Hierfür muss die Politik in die Verantwortung gezogen werden – es gilt, Druck aufzubauen. Das betont auch Markus Duscha. Er hat das Fair Finance Institute in Heidelberg gegründet und berät politische Entscheidungsträger, Behörden und NGOs zur Finanzwende. „Es ist sehr wichtig, das Signal an die Politik zu senden: Wir möchten eine Veränderung im Finanzsektor! Es ist natürlich gut, die Banken zu unterstützen, die bereits ethisch agieren. Aber wenn wir wirklich etwas bewegen wollen, müssen wir die großen Banken mitnehmen.“ Präsenz zeigen, das ist schon im kleinen Stil möglich und kann wirksam sein: Wer Vereinen und Bewegungen beitritt, die sich für Veränderungen einsetzen, oder alleine schon deren Newsletter abonniert, kann Initiativen helfen, sichtbarer zu werden.

Anlegen ohne zu zerstören

Für diejenigen die es haben: Geld nachhaltig anzulegen, klingt erstmal einfacher, als es in der Realität ist. „Anlageberatung wird häufig von denjenigen zur Verfügung gestellt, die ihre Produkte gleichzeitig auch verkaufen wollen. So eine Art der Beratung orientiert sich nicht vorrangig an den Kundeninteressen, sondern an den Interessen der Produktanbieter – über 90 Prozent der sogenannten Beratungsgespräche sind eigentlich Verkaufsgespräche“, erklärt Schick. „Wer wirklich nachhaltig investieren möchte, sollte daher unbedingt darauf achten, dass der Berater nicht von den Produktanbietern selbst finanziert wird und somit ein echtes Interesse daran hat, den an Nachhaltigkeit orientierten Kunden wirklich nachhaltige Produkte zu empfehlen.“

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Doch: Was genau ist eigentlich ein „nachhaltiges Produkt“? Durch das steigende öffentliche Bewusstsein in Zeiten des Klimawandels wächst der Druck auf Unternehmen – wer sich keinen neuen Anstrich in den „Farben der Nachhaltigkeit“ verpasst, läuft Gefahr, Reputationsverluste zu erleiden. Somit haben auch die großen Banken längst erkannt, dass sie reagieren müssen. Aber hier fehlt zu oft die Transparenz: Denn „Nachhaltigkeit“ ist ein dehnbarer Begriff, und er ist en vogue. „Wenn plötzlich alles als nachhaltig gelabelt werden kann, dann ist de facto gar nichts mehr nachhaltig“, so Markus Duscha.

Gerhard Schick ergänzt: „Nachhaltigkeitsberichte klingen oft schön, drehen sich aber selten um das Kerngeschäft. Wenn etwa die Sparkassenfiliale eine Solaranlage auf dem Dach hat, ist das natürlich toll – aber das sagt noch nichts darüber aus, wohin das Geld eigentlich fließt.“ Beide raten, immer wieder kritisch nachzufragen: Was macht die Bank mit meinem Geld? Steter Tropfen höhlt den Stein – wenn die großen Banken merken, dass die Nachfrage von Seiten der Kunden wächst, ist das ein guter Grund, die eigene Transparenz zu erhöhen.

Die Unwissenheit der Banken

„Viele Banken haben hier selbst noch ein Know-how-Problem“, so Schick. „Man hat zu lange mit dem Schaffen neuer Produkte gewartet und jetzt, wo der öffentliche Druck steigt und alles schnell gehen muss, fehlt häufig das Wissen. Es braucht mehr vergleichbare, standardisierte Informationen, damit auch Banken selbst Produkte und Unternehmen besser bewerten können, um gute Entscheidungen für ihre Investitionen zu treffen.“ Eine gute Investitionsentscheidung – das bedeutet in der Welt des Geldes vor allem, hohe Renditen zu erzielen und wenige Risiken einzugehen.

Dass gerade der Wunsch nach Risikominimierung der Nachhaltigkeit auf lange Sicht in die Hände spielen kann, ist vielen noch zu wenig bewusst: Der Klimawandel wird auch vor Geld nicht haltmachen. Nur, wer kurzfristig denkt, kann noch guten Gewissens dauerhaft auf Produkte setzen, die dem Klima, der Ökologie und den Menschen schaden. Auf lange Sicht werden Investitionen, die den Schutz von Klima, Biodiversität und Menschenrechten im Fokus haben, die wesentlich risikoärmeren sein. „Nachhaltige Produkte tragen mittel- und langfristig zur Risikominimierung bei. Aber: Es gibt auch sehr viele Vorurteile, die sich halten: Noch ist die Auswahl bei nachhaltigen Produkten geringer, als bei Standardprodukten. Das schürt das Gefühl, man hätte höhere Risiken, da man seine Investitionen weniger breit streuen kann. Damit einher geht die Angst vor verringerter Rendite – und das ist langfristig gesehen ein Trugschluss. Banken und Unternehmen müssen lernen, Werte nicht mehr nur in kurzfristiger monetärer Rendite zu messen, wenn sie sich auf Dauer nicht selbst schaden wollen“, so Markus Duscha.

Die Macht der Großanleger

Einen riesigen Einfluss haben Großanleger. Wer viel in ein Unternehmen investiert, kann dort auch viel Einfluss nehmen. Wenn Anleger merken, dass die Entwicklung trotzdem nicht in Richtung transparenter Nachhaltigkeit geht, steht ihnen das Instrument das Divestment zur Verfügung: Sie ziehen ihr Geld aus Unternehmen ab und schwächen dadurch den entsprechenden Markt.

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Sinnvoll ist das insbesondere dann, wenn sich abzeichnet, dass mittel- bis langfristig zu wenig Wille zur Veränderung da ist. Bis dahin können Großanleger ihre finanzielle Macht nutzen, um positive Veränderungen anzuregen. „Als aktiver Aktionär kann man viel bewegen. Wichtig ist dann aber auch, feste Ziele vorzuschlagen. Wenn diese nicht bis zu einem gewissen Zeitpunkt konsequent verfolgt werden, sollte man sich aus dem Unternehmen zurückziehen. Wer dann noch sagt, er wolle im Austausch bleiben und daher sein Geld im Unternehmen belassen, ist inkonsequent und betreibt Augenwischerei“, warnt Gerhard Schick.

Eine „gestufte Strategie“ für Großanleger empfiehlt auch Markus Duscha: „Wenn schon auf dem Papier die Richtung nicht stimmt und kein Veränderungswille inklusive konkreter Zielsetzungen vorhanden ist, sollte man direkt raus. Ansonsten kann man die Veränderung von innen heraus auf jeden Fall anstoßen – wenn dann aber keine sichtbare Veränderung stattfindet, heißt es dennoch, aussteigen.“

Mit Mut, Transparenz und Engagement hat die „echte“ Nachhaltigkeit eine Chance

Markus Duscha hat viel Erfahrung im Bereich der Energiewende gesammelt. Für ihn ist klar, dass auf politischer Ebene zunächst insbesondere regionale und dezentrale Ansätze wichtig sind, damit man später auf nationalem und internationalem Parkett vorankommt: „Themen müssen zunächst einmal bei den Politikern selbst ankommen. Sie müssen in ihrem eigenen Handeln vor Ort etwas erleben können, das funktioniert, um anschließend auch den Mut zu haben, es auf nationaler oder internationaler Ebene einzubringen.“

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Wenn es dann auf die Spielwiese der nationalen und internationalen Politik übergeht, gilt es, sich gegenüber starken Interessenverbänden zu behaupten, um glaubwürdig und zielgerichtet agieren zu können. Gerhard Schick plädiert für Lobbyregister: „Es wäre wichtig, Einflussnahme transparenter zu machen: Von wem kommen welche Gedanken? Parteispenden durch Unternehmen müssen zudem verboten und auch Spenden durch Privatpersonen zumindest gedeckelt werden.“

Politisch werden Möglichkeiten zur Finanzierung nachhaltigen Wachstums aktuell von der EU-Kommission diskutiert. „Der EU-Aktionsplan wird entscheidende Weichen stellen. Gerade deshalb ist es jetzt wichtig, so oft es geht konkrete Rückfragen an Politiker zu stellen, insbesondere an diejenigen, die auch auf EU-Ebene agieren. So kann man Bewusstsein schaffen und Veränderung aktiv mit anregen.“, so Markus Duscha.

Gerhard Schick stimmt zu: Was das beste Gegengewicht zur finanziellen Macht der Finanzbranche ist?

„Wenn sich möglichst viele politisch einmischen.“

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Autorin: Pia macht Öffentlichkeitsarbeit für den Schutz von Natur, Tieren und Menschen. In ihrer Freizeit schreibt sie hin und wieder über Themen, die ihr sonst noch auf der Seele brennen.

Beitragsbild: Jonathan Saavedra via Unsplash

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