Es braucht mehr „Hurrah“ im Aktivismus!

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[BUTT x BETTER 2014 – Demo Parade gegen Fashion Terror]

Was des Einen „Leistung muss sich wieder lohnen“ ist, ist des Anderen „Aktivismus muss wieder Spaß machen“. Ob mit 60 in der Gewerkschaft, in einer NGO, bei einer Bürgerinitiative gegen oder für eine Autobahn, bei Redaktionssitzungen einer Magazingründung oder in der lokalen Feuerwehr: Es braucht viele Faktoren, um die Leute bei der Stange zu halten. Spaß ist wohl ein wichtiger davon. Ob nun bierselige Umtrünke nach einer Vereinssitzung, Topf-sucht-Deckel-Spielchen nach dem Arbeitskreistreffen oder kollektive Abschüsse nach oder bei partypolitischen Umzügen –  privater Spaß ist der Kitt und Leim einer jeden Gruppe.

Angefeindet wird man da natürlich schnell. Am ehesten von dogmatischen, diskutierfreudigen Akademikerlinken oder auch von puritanischen Konservativen – besonders häufig jedoch von Leuten, die nie auf die Idee kommen würden, ohne finanzielle Gegenleistung zu arbeiten. Doch politischer Aktivismus vermengte sich wohl schon zu jeder Zeit mit Spaß, Freude und Ästhetik. Im alten Rom wurden politische Diskussionsrunden von Festbanketten abgelöst – keine ordentliche Revolution ohne anschließende Party (bietet sich nach Plünderungen und Enteignungen auch an).

Auch wurden in schwierigen Zeiten, wie zum Beispiel im 19. Jahrhundert in der Pfalz, gerne subversiv-politische Treffen als privates Fest getarnt. Dort wurde dann gut aufgetafelt, getrunken und heiß ‚dischputiert’ – Revolutionsvorbereitungen vor, während und nach den Gelagen.

Heute gibt es kaum mehr große Bankette, jedoch kleine Aktivistenauszeiten jeglicher Art. Warum auch nicht? Das ist wohl nötig, um durch den jahrelangen Kampf gegen Windmühlen (sei es nun für oder gegen eine Autobahn, Energiewende, Brände im Dorf oder fehlende Kitaplätze) nicht zynisch, verbittert oder gar misanthropisch zu werden. Und so gibt es sie zu Heerscharen: die bierseligen Vereinsmeier, zwischen Siebdruck und Farbeiern Action suchende Anarchisten, Hoffest-Hippies, und Paraden-Hedonisten. Letztere werden gern als urbane Akademikerkinder bezeichnet, die ihre politischen Ansprüche in homöopathischen Dosen umsetzen – gern zwischen Partys, Praktikum und Studium. Ja, aber ist das schlecht? Wie oft bleibst du denn noch bei Ständen unter Sonnenschirmen stehen, unter denen irgendwelche Initiativen Unterschriften sammeln? „Danke für Ihr Interesse, Sie dürfen sich noch ein Bonbon mitnehmen.“ Wie oft gehst Du zu stundenlangen, basisdemokratischen Sitzungen und Plena. Hast Du Dich schon mal irgendwo angekettet? Zu Ende gedacht was NSA & Co. für dein privates Leben bedeuten?

Ja? Nein? Ein wenig?
Ist es OK, den Alltag und den Spaß mit ernsten Themen und Aktivismus zu kombinieren? Ist es OK, dabei vielleicht nicht immer 100%ig konsequent zu sein, wenn man sich dessen bewusst ist?

Oder gibt es kein richtiges Leben im Falschen? Die Parole mag alt sein, ist aber wohl doch nicht ganz veraltet.  Die großen Fragen werden durch kleine, spaßige Aktionen nicht unbedingt immer kleiner.

Doch Spaßaktivisten nutzen Spaß nicht nur als Mittel zum Zweck, um Leute zu motivieren sich zu engagieren, sondern sehen Spaß auch selber als politisch an. Anstatt 8 Stunden eine Arbeit zu verrichten und dann in der abgepackten Freizeit einem teuren Hobby nachzugehen um Spaß zu haben, nehmen sie die Abkürzung. Sie haben einfach Spaß, mit Freizeitaktivitäten ohne dahinter stehende Hobbyindustrie. Sie bauen Boote, organisieren Paraden und organisieren Festivals. Sie gründen alternativ organisierte Bars, Clubs und Cafés, sie gärtnern, schweißen und gründen Filmprojekte. Sie legen einfach los. Und das eher mit Spaß als mit massig Diskussionsrunden.

Hier nun ein paar Aktionen und Ideen von Leuten die verschiedenste Anliegen und Inhalte mit Hedonismus, neuen Aktionsformen und vor allem mit ‚Hurrah‘ verbinden:

1. Die hedonistische Internationale

Dieses (eher linke) Netzwerk gibt es erst seit 2006, ist aber schon auf 30 Sektionen in Deutschland, Österreich, Russland, Italien, USA und der Schweiz angewachsen. Sie verstehen sich ihrem Minifest (welches schon in 21 Sprachen übersetzt wurde) zufolge als Dachverband für Aktionen von dezentralen und unabhängigen Gruppen – ja: zentralistische Organisationsstrukturen und jegliche Bürokratie liegen denen nicht so. Hedonismus wird dabei nicht mal ansatzweise als etwas Negatives verstanden, sondern ist eher Synonym für ein „fröhliches Miteinander, Anarchie, die Ideen Epikurs, bunte Freude, Sinnlichkeit, Ausschweifung, Freundschaft, Gerechtigkeit, Toleranz, Freiheit, sexuelle Freizügigkeit, Nachhaltigkeit, Friede, freien Zugang zu Information, Kunst, kosmopolitisches Dasein, eine Welt ohne Grenzen und Diskriminierung“. Sie veranstalten ironische Pro-Gutenberg-Veranstaltungen, besetzten das Verteidigungsministerium von „Seeseite“ aus, schlichen sich bei der Eröffnung der O2-Halle in Berlin ein und konnten der Sendung Polylux des RBB einen Beitrag unterschmuggeln.
In einem neuen Coup Anfang dieses Jahres stellten sie sich als „Die Fleischliste“ bei den Studierendenparlament in Hamburg auf und zeigten mit welchen einfachen Mitteln sich populistische Debatten anstoßen lassen. Sie kritisierten so Sarrazin und Matussek und bekamen tatsächlich mehrere Hundert Stimmen.

2. Butt x Better

Aus einer ausschweifenden Findus -WG-Party mit Nutzung eines leerstehenden Supermarkts, entstand ein regelmäßiger Umzug gegen die Modewelt und die Produktionsbedingungen der Kleidungsindustrie. Mit Bass, Nebel, guter Musik und upgecycelten Kostümen, Second-Hand-Klamotten oder Fairtradekleidung ging es im Juli vom Brandenburger Tor zum Flughafen Tempelhof – direkt in das Herz der Berlin fashion week Bread and Butter. Die Thematik ist nach wie vor aktuell, auch wenn der Einsturz der Textilfabriken und Fund eines eingenähten Hilferufes einer Näherin in einem Primarkkleid  gefühlt bereits wieder eine Ewigkeit her ist. Vom Bass vereint werden NGOs wie zum Beispiel Clean Clothes Campaign, die über die Produktionsbedingungen in Bangladesh und Co. aufklären, Leute die keine Lust auf ‚Konsumterror und Modediktat‘ haben, DJs (letztes Jahr u.a. Eulenhaupt und Niemand+Keiner), feinste Leute vom Sisiphos, Tanz+Klangkombinat, Räuber und massig aktivistisches Feiervolk.

3. Transition erleben

Dieses Seminar hat theoretische Inhalte zu Postwachstum, ökonomischer Wachstumskritik mit der Praxis verbunden. Es gab also neben Vorträgen und Diskussionsrunden auch ein Filmprojekt, ein Theaterseminar, ein Tanzseminar, ein Streetartprojekt und ein Seminar zu interaktiver Bildungsarbeit. Auf die Gefahr hin, dass das jetzt etwas esoterisch klingen mag: der Kopf ist halt nur eine Ebene um etwas zu erfahren, und so wurden mehrere Ebenen angesprochen und es ging über das „Oh-Gott-die-Fakten,-alles-geht-den-Bach-runter“-Ding hinaus.

4. Bootschaft e.V.

Dieser Verein organisiert nicht nur Lesungen, Konzerte, (umwelt-) politische Veranstaltungen, Workshops Varietévorführungen, Kunst und Kultur – sondern tut dies auch noch zum Teil auf einem selbst gebauten Floß!
Wer gerne mit Freunden ebenfalls ein Floß (umweltfreundlich aus weggeworfenen Materialien) bauen wollte, konnte das zur Schrottregatta beim Funkhaus Grünau tun und mit anderen um die Wette fahren. Eine neue Idee der Gruppe ist eine einen Solargenerator zu bauen. Ausklappbare Solarmodule und Fahrradgeneratoren werden einen Akku aufladen, mit dem dann irgendwelche Aktionen (wie z.B. der Beamer des Floßkinos) mit Strom versorgt werden. Herrlich.

[Dokumentation kleider:strom von Bootschaft e.V.]

Klar, es gibt massig andere Gruppen, die ihre Aktionen unter dem Sonnenschirm eines Standes oder Diskussionsraum hervorholten und mit Lust und Laune ihre Aktionsformen mit Kreativität angehen. Und um nicht allzu selektiv zu sein: praktisch jeder Angelverband verbindet Grillen mit Flussreinigungen, fast jeder Kulturverein lässt Vernissagen und Finissagen mit Weinabenden enden und so geht das teilweise in der Lokalpolitik, bei den Feuerwehren und so weiter weiter.

In Deutschland gibt es eine halbe Million Vereine, im Durchschnitt gibt es pro Kopf eine Vereinsmitgliedschaft. Arbeitsgruppen und kleine, nicht eingetragene Initiativen sind da gar nicht mitgezählt. Neben dem Bedürfnis etwas ‚Sinniges‘ zu tun, geht es um das Soziale, Spaßige und ein gute Portion ‚Hurrah‘! Für mehr ‚Hurrah‘, neben der sanftmütigen Dissidenz im Alltag!

 

Der Artikel erschien zunächst auf doktorpeng.de. Danke, Peter Gericke für die Illustration.

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