Ergiebiger Treibstoff – Energiequellen & Lust auf Kollaps

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Nach dem Ölfördermaximum, dem Peak Oil, wird die Ölausbeute zurückgehen. Dann ist das schwarze Gold weg. Es gibt dann weder Billigflugreisen, noch Plastikprodukte, Autoflotten und billige Energieversorgung mehr. Das bestehende, ölabhängige Wirtschaftssystem wird kollabieren und wir werden uns neu erfinden müssen, anders wirtschaften und leben. So die Geschichte.

Nur zeichnet sich der Kollaps nicht ab. Im Gegenteil: Der Ölpreis schien einmal auf einen Preis von 100 US-Dollar pro Barrel zu steigen – in diesem Jahr wurde dagegen das Barrel Öl teilweise für die Hälfte gehandelt. Ein massiver Preisverfall. Dumm nur, dass viele Umweltgruppen – ob radikal oder gemäßigt – auf das Narrativ der ausgehenden, fossilen Rohstoffe und der anschließend beginnenden postfossilen Epoche setzten. Ihnen zufolge war die Crux, den Übergang zwischen der anachronistisch gezeichneten alten Fossilwirtschaft zur sauberen Zukunft fließend zu gestalten. Die Losung hieß „Change by design, not by disaster“. Mit ‚Desaster‘ wurde dabei ganz klar die Motivation für einen Wandel vorgelegt: Setzen wir nicht auf regenerative Energien und Energieeffizienz, droht der Kollaps. Der Wandel selbst wird auf unterschiedliche Art und Weise skizziert: Manche denken an große Solarparks in der Wüste, andere an Urban Gardening und Lastenräder im Stadtviertel.

Dass Desaster drohen, ist keineswegs falsch: Wurden 1958 noch 315 Teile CO2 pro Million Teile Luft (parts per million, ppm) gemessen, waren es in diesem Jahr Werte über 400 ppm. Bei einer CO2-Konzentration von 450 ppm wird mit einem Anstieg der Oberflächentemperatur um 2 Grad gerechnet. Dies setzte sich die Staatengemeinschaft 2010 als obersten Grenzwert. Hält sie diesen nicht ein, wird mit Kippeffekten, also massiven Dominoeffekten im klimatischen Gefüge, gerechnet. Sehr wahrscheinlich und teilweise bereits beobachtet ist das Schmelzen von Eis am Nordpol oder das Auftauen von Permafrostböden, was ebenfalls Treibhausgase freisetzen würde. Da die anvisierte Eingrenzung der Klimaerwärmung um 2 Grad ein politisches Ziel ist, bedeutet das natürlich nicht, dass es nicht bereits zuvor große Auswirkungen des Klimawandels geben wird. Bereits die jetzigen CO2-Konzentrationen sind alarmierend – vor allem wenn man bedenkt, dass in den 650.000 Jahren vor der industriellen Revolution 300 ppm nie überschritten wurden.

Es gibt zweifellos Auswirkungen unseres Konsums von fossilen Energieträgern, die man ‚Kollaps‘ oder ‚Desaster‘ nennen könnte. Was das ausgehende Öl und Gas angeht, zeichnet sich allerdings ab, dass uns der Planet schon zuvor ausgeht!

In der Erdkruste sind noch etwa 12.000 Gigatonnen fossiler Kohlenstoff vorhanden. Private und öffentliche Energieunternehmen besitzen laut der Nichtregierungsorganisation Carbon Tracker etwa 3.000 Gigatonnen. Wenn wir das 2-Grad-Ziel ernst nehmen, dürfen wir jedoch zwischen den Jahren 2000 und 2050 „nur“ 900 weitere Gigatonnen verpulvern. Bis 2011 wurde von diesem ‚Kontingent‘ jedoch schon ein Drittel aufgebraucht. Beim Abbau der verbleibenden Vorkommen bewiesen die entsprechenden Konzerne ebenso viel Kreativität wie sie Langatmigkeit in ihrer Lobbyarbeit zeigten. Allein im kanadischen Bundesstaat Alberta werden täglich etwa 1,3 Millionen Barrel Öl aus Teersanden auf extrem umweltschädliche Art und Weise abgebaut. Die USA exportiert nun, dem Fracking sei Dank, Gas und Öl, statt es einzukaufen. Zusätzlich werden zynischerweise Vorkommen von fossilen Rohstoffen in der zunehmend schmelzenden Arktis immer leichter erreichbar und abbaubar.

Peak Oil, Peak Gas, Peak everything als drohende, zeitnahe Szenarien verlieren also ihren Schrecken. Zusätzlich merken manche Kritiker an, dass aufgrund von Spekulationen Peaks schwer zu erkennen sind. Besonders bei hoch spekulativen Rohstoffen, dessen Preise stark von der sogenannten Stimmung der Weltwirtschaft abhängig sind, könnern Fördermaxima teilweise nur schlecht erkannt werden. Gold hat beispielsweise das seinige bereits überschritten – weitgehend unbemerkt.

Auf einen Wandel in unserer Lebensweise zu drängen und leere Tankstellen, Tanker und eine kalte Heizung anzukündigen, kann im schlechtesten Fall Vertrauen verspielen. Doch das Gedankenspiel mit dem Kollaps ist keine „Erfindung“ von Umweltgruppen – es muss andere Gründe geben, warum sich die Geschichte des Desasters wacker hält. Ist es vielleicht der Wunsch nach einem grundlegend anderen System? Einem System, welches von vielen der neuen Kollapsfans paradiesisch gezeichnet wird: Sonnengebräunt ernten wir unser selbst angebautes Gemüse, die Solardusche ermöglicht der Jüngsten eine warme Dusche, während Freunde, die sich über die Organisation eines Bürgerwindparks kennenlernten, über besonders ertragreiche Paprikasorten streiten. Von Entbehrungen, Anstrengungen keine Spur.

Die Bilder der Transition-Town-Gemeinden, Postwachstumsfans, Träumenden und Gestaltenden sind durchweg positiv und wirken teilweise gar wohltemperiert anarchistisch. Daran ist nichts auszusetzen. Problematisch ist nur, wenn in der Darstellung vor dieser Zukunft Peak Oil als Bedingung vorkommt. Wir können ja auch einfach jetzt mit dieser Zukunft anfangen – und viele machen das schon.

Die Lust auf Neuanfänge und die Romantisierung von Kollaps und Zusammenbrüchen sind mit den Bildern einer guten Zukunft, eines guten Lebens nicht erklärt – diese Lust ist in vielen Kulturkreisen tief verwurzelt. Gott setzt, der Bibel nach, die Welt unter Wasser, um einen Neubeginn umzusetzen. Der hinduistische Shiva verkörpert selbst die Zerstörung und gleichzeitig den Neubeginn. Gerade die Beobachtungen der Jahreszeiten oder von Überschwemmungen, die fruchtbare Erde bringen, gaben den Stoff, aus dem diese Weltbilder von Zerstörung und Neubeginn gewebt sind. In der neueren Geschichte gibt es Beispiele wie den späteren Pazifisten Hermann Hesse, der zunächst den ersten Weltkrieg als „reinigend“ beschrieb und seine Hoffnungen in seinem Buch „Demian“ ausführte. Und wer kennt heute nicht die Schlussszene von „Fight Club“, in der bei mitreißender Musik die menschenleeren Finanzgebäude einstürzen und dem Film zufolge eine bessere Zukunft möglich zu sein scheint?

Kollaps, Katastrophe und Desaster sind kulturhistorisch tief in uns verankert – sie spiegeln den Wunsch und nach einer drastischen Änderung und einer besseren Zukunft wider. Das Warten auf eine solche ökologische Apokalypse sollte uns aber weder in Angststarre, noch in Wartehaltung versetzen. Wir können schließlich auch ganz ohne Kollaps mit der besseren Zukunft beginnen. Heute, in den jetzigen Strukturen, mit Menschen, die uns wichtig sind. Wir brauchen keinen Scheitelpunkt, keinen Peak, sondern einfach einen Punkt – einen Startpunkt.

 

Bild: CC flickr/punchup Minneapolis, 2007

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