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März 2017
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Ob nun Karneval der Kulturen in Berlin oder Pfingstbesuche bei der Familie, viele erleben gerade ein schönes, verlängertes Wochenende. Nur in der Lausitz gibt es eine eher aufgeladene Stimmung – dort wird gerade das Kohlekraftwerk „Schwarze Pumpe“ von tausenden DemonstrantInnen im Rahmen von „Ende-Gelände“ blockiert.

Es wurden keine Fragebögen verteilt, bevor das Blut spritzte.

Viele der AnwohnerInnen sind darüber nicht gerade begeistert. Viel mehr noch als den abstrakten Klimawandel, fürchten sie den Verlust ihrer Arbeit. Schlimm genug, dass Vattenfall das Werk an „die Tschechen“ verkauft, so meinen viele AnwohnerInnen. Jetzt braucht es nicht auch noch privilegierte StudentInnen die mal eben vorbei kommen, blockieren und dann wieder in ihre gemütlichen WGs zurückkehren. Viele der Lausitzer wollen die DemonstrantInnen nicht in ihrer Nähe wissen, manche von ihnen griffen die AktivistInnen sogar an. Letztere fürchteten daher die Lausitzer fast schon mehr als die Polizei. Es wurde explizit davor gewarnt, das Klimacamp in kleinen Gruppen zu verlassen. Zu viele Demonstrierende wurden bereits in Campnähe angegriffen. Ob die Angriffe nun von Nazis, gelangweilter Dorfjugend oder sonst wem ausgingen, lässt sich natürlich nur schwer sagen – es wurden keine Fragebögen verteilt, bevor das Blut spritzte.

Fest steht, dass eine Mahnwache angegriffen wurde, so wie auch mehrere DemonstrantInnen auf dem Heimweg – etwa am Bahnhof Spremberg. Die AngreiferInnen in Spremberg waren zudem maskiert und wirkten vorbereitet. Der „Widerstand“ der AnwohnerInnen sollte also keinesfalls verharmlost werden.

Zu denken, dass alle AnwohnerInnen gegen den Kohlestopp sind und nicht einbezogen wurden, wäre jedoch falsch. Zum einen zieren gelbe Kreuze unzählige Vorgärten in der Region. Die sind inzwischen kein Symbol mehr gegen Atomenergie, sondern gegen Kohleabbau. Zum anderen gibt es auch mehrere lokale Initiativen gegen den Tagebau mit denen das Bündnis Ende-Gelände zusammen arbeitet. Die Initiative „Strukturwandel im Jetzt – kein Nochten II“ und verschiedene örtliche Kleingruppen beispielsweise unterstützten das Klimacamp. Wer durch die Dörfer fährt sieht nicht nur Bergbaudenkmäler, sondern auch Transparente die aufrufen das Dorf zu verteidigen und sich nicht abkaufen zu lassen. Es gibt auch viele EinwohnerInnen die es durchaus stört, dass das Grundwasser durch den Kohleabbau mit Schwermetallen und Sulfat belastet wird.

Es scheint ein Graben durch die Bevölkerung zu gehen.

Für oder gegen die Kohle – es gibt keine Neutralität. Doch es gibt auch Versuche diesen Graben zu überwinden – dafür gab es im Vorfeld und während der Blockaden Mahnwachen von den KlimaaktivistInnen, wo heftig diskutiert wurde.

Bei den Gesprächen brauchte es „Empathie wo es weh tut“ – was in der neuen transform-Ausgabe zum Schwerpunktthema gemacht wurde. Doch bei solchen Dialogprozessen und runden Tischen darf es auch nicht immer bleiben – vor allem wenn die Gefahr von Arbeitsplätzen als alleinges Gegenargument angeführt wird. Es muss Raum für Protest geben. Wenn Arbeitsplätze das Maß aller Dinge wären:

Sollte man aufgrund der mit der Atomkraft zusammenhängenden Arbeitsplätze den Atomausstieg wieder absagen? Ist die Waffenindustrie dann nicht auch schützenswert? Würden wir in solch einer Welt nicht noch mit Faustkeilen arbeiten, weil die Metallwerkzeuge die Arbeitsplätze mit den Steinen gefährden?

Natürlich ist klar, dass solche Sprüche aus privilegierter Position leicht zu bringen sind. Doch die privaten Sorgen von Kohlekraftwerksmitarbeitern, so verständlich sie auch sein mögen, sollten auch nicht zum großen Politikum aufgespielt werden. Keine Frage: Der Kohleausstieg braucht eine soziale Lösung, Übergangsphasen und neue Jobs – oder was auch immer für ein Gutes Lebens nötig ist (Grundeinkommen?). Aber eine (noch) fehlende soziale Lösung darf auch kein gültiges Argument gegen den Kohleausstieg sein.

Ökologie und Soziales müssen zusammen gedacht werden – die meisten DemonstrantInnen versuchen genau das.

 

 

 

Der Autor war als Pressevertreter an Ort und Stelle der Proteste. Da niemand überall sein kann, ist jedoch auch bei persönlicher Anwesenheit, ein absolut vollständiges Bild unmöglich.


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