„Berlin ist so dermaßen hasserfüllt, wie hältst du es hier nur aus?“ klagt mein Besuch. Sein Blick ist verstört und traurig. Zum wiederholten Male sei er mit den Worten „sag mal, bist du behindert?“ abgestraft worden, als er sich offenbar zu langsam die Treppe Richtung U-Bahn hinab bewegte. So ganz unverständlich sei mir dieser Unmut nicht, entgegne ich. Auch ich befinde mich regelmäßig am Rande des Wahnsinns, wenn Menschen unterhalb des Rentenalters ein schnelles Weiterkommen verhindern. Derart auszurasten sei dennoch absolut unangemessen, hält mein Besuch dagegen. Vielleicht sei man tatsächlich behindert oder habe sich den Fuß verstaucht. Wie käme es bitteschön zu diesem scheinbar grundlosen, bösartigen Egoismus, der jeglicher Motivation entbehrt, sich auf andere Perspektiven einzulassen?

Das eigene Vorankommen stets durch die Anderen behindert sehen.
Als ich das Thema später in einem anderen Kreis aufwerfe, fällt das Gespräch binnen weniger Minuten auf das Werk „This is water: Anstiftung zum Denken“ des US-Autors David Foster Wallace. Eindringlich beschreibt Wallace hier eben jenes Phänomen mangelhafter Empathie: statt zu versuchen, sein sozialen Umfeldes aktiv wahrzunehmen, stelle man nur die eigenen Ziele und Probleme ins Zentrum seiner Überlegungen.

Zwangsläufig gerate man so in einen Zustand tiefer Feindseligkeit, da man das eigene Vorankommen stets durch die Anderen behindert sehe. Dass in bestimmten Situationen aber überhaupt nicht die eigenen Probleme, sondern die der Anderen relevant sind, wird in dieser Denkstruktur ausgeschlossen. Eine Wahrnehmung des „Großen Ganzen“ jedoch sei auf lange Sicht weitaus effizienter: Gehen wir nämlich davon aus, dass etwas anderes wichtiger ist als das eigene Selbst, werden wir unweigerlich gelassener. Wir hören auf, die Anderen zu bezichtigen, unser Vorankommen zu behindern. Wir lernen, ihre Probleme wertzuschätzen und unsere eigenen dadurch zu relativieren.

Zu einer solchen Wahrnehmung zu gelangen scheint so erstrebenswert wie utopisch, befindet unser Kreis einstimmig. Aber wieso eigentlich utopisch? Was fällt uns so schwer daran, über den eigenen Standpunkt hinauszublicken und uns auf „das Andere“ zu konzentrieren?

Empathie bedeutet Arbeit.
Sich tatsächlich auf etwas Anderes einzulassen, jemandem mit dem Ziel zuzuhören ihn auch wirklich verstehen zu wollen erfordert, dass wir uns von den eigenen Maßstäben trennen und uns für etwas Neues öffnen. Da das besonders einfach ist, wenn das Neue letztlich doch mit den eigenen Maßstäben korrespondiert, das Neue dem eigenen Selbst- und Weltbild also recht gibt, scharren wir zumeist Menschen um uns, die uns ähnlich sind. Menschen, die dementsprechend leicht zugänglich und durchschaubar sind. Und bei denen wir uns sicher fühlen, da wir weder böse Überraschungen, noch extreme Kritik an der eigenen Person befürchten müssen.

Und da sich derartige Menschen nahezu überall schnell finden lassen, erscheint es uns zunehmend irrelevant, zusätzlich andere Perspektiven verstehen zu wollen. Uns etwas Neuem, Unzugänglichen, Unberechenbaren hinzugeben. Dadurch verpassen wir erstens eine Menge. Zweitens reduziert sich unsere Empathiefähigkeit. Eingebettet in ein sicheres soziales Umfeld geben wir uns stets selbst recht und sehen gar nicht mehr die Notwendigkeit, Anderes nachvollziehen zu wollen.

Wir ziehen Nutzen aus unseren Beziehungen

Und auch wenn wir es versuchen, tun wir es selten um der anderen Person Willen. Wir schätzen ihre Perspektive nicht ohne Hintergedanken. Sondern vielmehr aufgrund der Idee, irgendeinen Nutzen aus ihr ziehen zu können. Damit öffnen wir uns zwar immerhin etwas Anderem, doch nimmt es in diesem Kontext höchst berechnende Züge an. Wieder geht es eigentlich nur um das eigene Selbst, nicht um das Andere.

Sich von einem egozentrischen Denken zu lösen, ist zweifellos schwierig. In Berlin nimmt dieser Umstand aber tatsächlich nahezu groteske Züge an: Wer hier lebt, suggeriert eine totale Offenheit für Alles und Jeden. Eine Vorliebe für alternative Lebensmodelle, ein umschweifendes Sozialleben und Gelassenheit. Diese Einstellung scheint aber beim jeweiligen Individuum Halt zu machen. Die Pflege des eigenen Weltentwurfs und Netzwerkes scheint derart fordernd zu sein, dass keine Ressourcen mehr dafür bleiben, sich stets, also tatsächlich Allem und Jedem zuzuwenden.

Die Großstadt macht es einfach, Konfrontationen zu entgehen.
Stattdessen wird das Stadtbild von einer zwanghaften Gleichgültigkeit geprägt. Dem ununterbrochenen Versuch, sich vom Anderen zu distanzieren. Sich stets selbst der Nächste zu sein. Aber weshalb? Weil die einmal gewählte Offenheit bedeuten würde, sich nun prinzipiell und immer auf alles Andere einlassen zu müssen? Sich darin selbst zu verlieren, weil es so unüberschaubar groß, so unberechenbar erscheint? Und weil es der Großstadtraum nicht zuletzt furchtbar einfach macht, Konfrontationen zu entgehen, unverbindlich und distanziert zu bleiben?

Zugegebenermaßen kommt der einleitend erwähnte Besucher aus Dresden. Zu behaupten, dass hier eine flächendeckende Offenheit herrscht, wäre insbesondere angesichts der aktuellen Dynamik ziemlich vermessen. Selbstverständlich verschließen sich auch Identitätsstrukturen, wie sie sich in begrenzteren Stadträumen herausbilden, dem „Anderen“. Nichtsdestotrotz schien mir die Interaktion in eben jenen Stadträumen zumeist weitaus herzlicher und unvoreingenommen. Statt eines distanzierten „jeder für sich“, zeigten die Menschen Interesse füreinander, waren freundlich ohne zwangsläufig einen Nutzen zu suchen. Es scheint also zu funktionieren. Weil hier gegenüber der Großstadt das „Andere“ überschaubar ist? Weil die Möglichkeiten fehlen, einer Konfrontation zu entkommen und man früher oder später ohnehin interagieren muss? Und weil dafür eine prinzipielle Freundlichkeit nicht schaden kann?

Wir schätzen nur das, was direkt mit uns verbunden ist.
Je mehr „Anderes“ also herrscht, desto mehr beschränken wir uns auf uns selbst. Wir schätzen nur das, was direkt mit uns verbunden ist. Alles andere zu ignorieren, ist nicht nur einfacher, sondern auch ressourcenschonend. Und die brauchen wir ja, um uns selbst zu optimieren. Traurig genug, wird das besonders kritisch, wenn aus Ignoranz Respektlosigkeit wird. Wenn alles, was den eigenen Horizont übersteigt, missachtet wird.

Ein solches Vorgehen sichert vielleicht kurzfristig das eigene Vorankommen. Langfristig generiert es Verbitterung, Einsamkeit und Magengeschwüre.

Das Konzept eines „Großen Ganzen“ der eigenen Person vorzuziehen mag unmöglich scheinen. Insbesondere dann, wenn sein Umfang unermesslich wirkt. Doch sollte uns nicht gerade dann klar werden, dass es eben nicht um uns, sondern um etwas viel Größeres geht? Das wir nur ein unbedeutender Teil von etwas sind? Uns anderen Personen gegenüber offen zu zeigen und ihre Probleme zu wertschätzen kann uns dabei helfen, diese Idee zu verinnerlichen. Und wenn wir uns darin selbst verlieren, hilft uns das schließlich weit mehr, als uns zwanghaft nur um uns selbst zu kümmern. Denn nichts wirkt so entlastend, wie die Erkenntnis der eigenen Bedeutungslosigkeit.

 

 

12208587_10208150311260250_3883287079245202889_nAutorin Julia hat vor Kurzem Berlin gegen Bayreuth eingetauscht. Hier versucht sie, im Rahmen ihres Studiums Medienkultur- und Medienwirtschaft ihre Gedanken über das Leben zu organisieren.

 

Titelbild: Anna Dziubinska (CC0, unsplash)

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