Unsere Autorin will selbst entscheiden, wie ihre Geburt ablaufen soll. Im Krankenhaus gibt sie Kontrolle ab. Deswegen hat sie sich für eine Geburt zuhause entschieden.

Als ich – hochschwanger – beim Mittagessen in der Mensa meinen Kollegen, größtenteils Medizinern, berichtete, dass ich mein Kind zu Hause bekommen wollte, starrten sie mich erschrocken an. Dann kam die übliche Leier: „Hast du keine Angst?“, „Aber was ist, wenn was passiert?“, „Möchtest du nicht lieber die Sicherheit?“.

Diese Erfahrung kennen sicher alle Eltern, die sich für eine außerklinische Geburt entscheiden. Was nicht viele sind: Lediglich 2 % in Deutschland möchten ihr Kind mit Unterstützung von Hebammen zu Hause oder in einem Geburtshaus bekommen.

„Oh ihr hattet euer Baby zu Hause? Ja, das klingt nett, aber wir wollten, dass unser Baby lebt.“

Mich erinnern die Kommentare an den Witz des Komikers Jim Gaffigan. Er beschreibt eben diese Reaktionen so: „Oh ihr hattet euer Baby zu Hause? Ja, das klingt nett, aber wir wollten, dass unser Baby lebt.“

Viele Mütter erleben die Situation im Krankenhaus als übergriffig, teilweise sogar gewalttätig.

Dabei ist das Risiko, das man bei einer Hausgeburt eingeht, bei einer normal verlaufenden Schwangerschaft nicht grösser als im Krankenhaus. Und auch dort lauern Risiken: antibiotikaresistente Keime und die extrem erhöhte Wahrscheinlichkeit eines Eingriffs. Viele Mütter erleben die Situation im Krankenhaus als übergriffig, teilweise sogar gewalttätig. Dafür kann das Personal meist nicht mal was, die Geburtsstationen sind nur so chronisch unterbesetzt und unterfinanziert, dass es schnell gehen soll und lukrativ sein muss. Ein Kaiserschnitt geht schneller und bringt auch mehr Geld als eine natürliche Geburt.

Ich möchte hier die Arbeit der Krankenhäuser nicht abwerten, ich möchte nicht die Hausgeburt als die absolut überlegene Möglichkeit darstellen. Ich will auch nicht ignorieren, wie wichtig die Arbeit von Ärzt*innen in Krankhäusern war, um Kinder- und Mütter- Sterblichkeit unter der Geburt zu verringern. Mir geht es hier vor allem um die Frage, inwiefern Mütter selbst entscheiden können, wie ihre Geburt ablaufen soll: Das ist eine Frage der Selbstbestimmung.

Was spricht für eine Hausgeburt?

Ich bin kein esoterischer Hippie.

Bevor ich tiefer in die Thematik einsteige, möchte ich eines klarstellen: Ich bin kein esoterischer Hippie. Ich mag zwar Yoga, aber weder Duftkerzen noch Homöopathie. Ich bin promovierte Neurowissenschaftlerin, meine Gründe für die Wahl einer Hausgeburt beruhten auf Statistiken und Forschungsergebnissen. Diese Gründe fasse ich kurz zusammen: Das Risiko, dass bei der Hausgeburt etwas Schlimmes passiert, ist bei einer normal verlaufenden Schwangerschaft gering.

Dafür ist das Risiko einen Eingriff zu erleben (von Dammschnitt bis Kaiserschnitt) im Krankenhaus stark erhöht. Kinder, die mit Kaiserschnitt geboren werden, haben ein erhöhtes Risiko für Autoimmunkrankheiten. Außerdem zeigt sich bei ihnen eine Veränderung der Darmflora, was sich wiederum negativ auf ihre Entwicklung auswirken kann. Weiterhin hat die Evolution es so eingerichtet, dass wir Frauen unsere Kinder auf natürliche Art und Weise bekommen können – doch dafür müssen wir uns auf unsere natürlichen Instinkte verlassen.

Die Geburt sollte in einer ruhigen und uns bekannten Umgebung ablaufen.

Einer davon ist, dass die Geburt in einer ruhigen und uns bekannten Umgebung ablaufen sollte. Nicht in einer unruhigen, möglicherweise bedrohlichen Atmosphäre. Genauso wie eben eine Steinzeitfrau ihr Kind in der heimatlichen Höhle zur Welt gebracht hat und nicht irgendwo, wo Raubtiere sich anschleichen könnten.

Ein Krankenhaus hat sicher nicht das gleiche Bedrohungspotential wie ein Tiger, doch wenn man sich im Krankenhaus befindet, ist das automatisch ein Ausnahmezustand: ein unbekannter Ort, unbekannte Menschen, eine oft undurchschaubare Abfolge von Vorgängen und Untersuchungen – und die ganz automatische Assoziation mit Krankheit natürlich.

Woher kommt der Wunsch nach der Sicherheit? Einer der Hauptgründe ist natürlich, dass der Verlust eines Babys psychologisch gesehen so belastend wäre, dass man dieses Risiko, komme was wolle, vermeiden möchte. Das liegt sicher zu einem gewissen Teil daran, dass wir nur noch wenige Kinder bekommen und diese sind geplante Wunschkinder – da darf nichts schiefgehen.

Das ist völlig nachvollziehbar. Die Wahrscheinlichkeit, dass das Baby nicht überlebt oder schwer behindert wird, ist deutlich geringer als Ein- und Übergriffe, die frau im Krankenhaus erleben kann. Doch selbst die kleinste Möglichkeit, dass dem Baby etwas zustößt, ist so schlimm, dass sie in unserer Entscheidungsfindung viel stärker gewichtet wird, als die „kleineren Unannehmlichkeiten“ wie beispielsweise ein Dammschnitt.

Wahlfreiheit und Selbstbestimmung

Warum dann trotzdem eine Hausgeburt? Hier lohnt sich ein Blick auf die feministische Bewegung in den 70ern und 80ern. Damals kam der Gedanke auf, dass Frauen die Macht über ihren Körper (zurück-)erlangen müssen. Das bedeutet, die Entscheidungsgewalt darüber innezuhaben, was mit ihrem Körper geschieht. Dass dieses Ziel nach wie vor nicht erreicht ist, sehen wir überall auf der Welt.

Auch in unserer mehr oder weniger gleichberechtigten Gesellschaft wird noch immer über den weiblichen Körper diskutiert, darüber wie er zu sein hat, was frau damit machen soll, wie er bekleidet sein soll, ob verhütet und abgetrieben werden darf, und eben auch, wie eine Frau gebären soll. Zum Schutz gegen sehr geringe Risiken (die ebenso im Umfeld eines Krankenhauses bestehen) wird Frauen von gesellschaftlichen Normen die Wahlfreiheit über den Geburtsort und -verlauf genommen.

Hiermit meine ich nicht, dass die Gesellschaft uns gezielt ins Krankenhaus zwingt (wobei es bei der momentanen Entwicklung der Hebammenvorsorge und Kostenübernahme durch Krankenkassen danach aussieht!), sondern dass es den gesellschaftlichen Konsens gibt, eine Geburt gehöre ins Krankenhaus.

Das wird uns in unzähligen Filmen gezeigt, wo vor Schmerzen schreiende Frauen in Krankenhäusern Kinder auf die Welt pressen. Ganz selten taucht in der medialen Geburtsdarstellung mal die Hausgeburt auf – meist als etwas, wozu sich ein verrücktes Hippie-Pärchen entschieden hat. So kommt es, dass die meisten sich gar nicht erst die Frage stellen, wo und wie sie ihr Kind gebären möchten.

In der Hochzeit der Frauenbewegung beschreibt Corea in „Mutter Maschine“, wie die Technologisierung der Fortpflanzung Frauen ihre Selbstbestimmung nehmen wird. Sie befürchtet, dass diese Entwicklung Frauen von der einzigen ausschließlich weiblichen Erfahrung der Schwangerschaft und Geburt enteignen wird.

In diesem Bereich lässt sich auch der Gedanken der positiven Geburtserfahrung ansiedeln: die Geburt als etwas speziell Weibliches, das uns positive Erfahrungen bescheren kann und uns reifen lässt. Andere, moderne feministische Ideen hingegen möchten Frauen von der Last des Kinderkriegens befreien und am liebsten die ganze Schwangerschaft in künstliche Gebärmütter verlagern.

In diesem Ansatz wird der Kaiserschnitt als eine Befreiung dargestellt, wobei wenig darauf eingegangen wird, dass hierbei der Körper verletzt wird und die neuen Mütter sich nicht nur an ihr Baby gewöhnen müssen, sondern auch mit den Schmerzen und Narben des Schnittes zu kämpfen haben.

Geburt als ein selbstbestimmtes Erlebnis

Wenn wir unser Leben lang hören, dass eine Geburt schmerzhaft sein muss, dann erwarten wir Schmerz.

Aber stimmt das wirklich, dass die Geburt ein wertvolles, positives Erlebnis sein kann? Aus meiner eigenen Erfahrung kann ich sagen: ja! Eine Geburt kann aber auch schmerzhaft und erschreckend sein, wenn wir nicht wissen, was da eigentlich auf uns zu kommt. Wie wir Empfindungen bewerten und benennen, beeinflusst auch, wie unser Gehirn sie verarbeitet. Wenn wir unser Leben lang hören, dass eine Geburt schmerzhaft sein muss, dann erwarten wir Schmerz. Wenn wir uns auf Druckgefühle, auf ein Zusammenziehen der Gebärmuttermuskulatur einstellen, wenn wir uns den Sinn dieser Empfindungen klarmachen, kann unser Gehirn diese Gefühle anders bewerten.

Das leuchtet dir nicht ein? Vielleicht lässt sich dieses Beispiel besser nachvollziehen: Wenn dich jemand bei einer Handgreiflichkeit beißt, empfindest du Schmerz. Wenn dich jedoch dein Partner beim Sex in den Nacken beißt, empfindest du vielleicht ein wenig Schmerz, aber vor allem Lust. Ebenso verhält es sich beim Sport: Wer Kampfsport betreibt, intensives Fitness- oder Lauftraining, der empfindet dabei oft etwas, was man Schmerz nennen könnte, doch im Kontext der sportlichen Betätigung verändert sich die Bewertung dieses Gefühls, und es ist oft sogar positiv („no pain, no gain“). Was wir erwarten und in welcher Situation wir uns befinden, beeinflusst unsere Wahrnehmung. Unsere Empfindungen sind immer kontext-spezifisch.

Was tun?

Ich wünsche mir aus ganzem Herzen, dass mehr werdende Mütter eine positive Geburtserfahrung machen können. Das muss nicht zu Hause sein, das kann auch im Krankenhaus passieren, zumindest wenn den Frauen Raum und Zeit gelassen wird für Selbstbestimmung. Zahlreiche Organisationen setzen sich für die selbstbestimmte Geburt ein, veranstalten Demonstrationen, Info-Abende und Erzählcafés. Informier dich ausgiebig über die Möglichkeiten und über positive Geburtserfahrungen, wenn du auch eine solche erleben möchtest.

 

Zum Weiterlesen:
Rosen gegen Gewalt unter der Geburt (Roses revolution)
Portal zum Thema Geburt: Motherhood
Hypnobirthing (Buch von Marie F.Mongan), Erzählcafes
Genea Corea „Mother Machine“, erschienen bei Fischer, 1988


Titelbild: Photo by Tim Bish on Unsplash CC0

Mehr von transform

Dranbleiben!

Wir sagen bescheid, wenn das neue Heft kommt.

Garantiert keine nervigen Mails oder Datenweitergabe.