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Du bist, was du isst! Dies ist das kulturenübergreifende Mantra, das uns für unser Essensverhalten verantwortlich macht. Doch was ist dran an unserer Verantwortung?

Im Rahmen einer qualitativen Studie befasste ich mich mit den Erfahrungen von kritischen Konsument*innen, ihren Werten und Interessen, sowie mit ihren kleinen und großen Zielen. Ausgehend von den Idealen der Degrowth-Bewegung wollte ich herausfinden, wie alternative Modelle einen Beitrag leisten bei der Umsetzung einer gesellschaftlichen Umorientierung. Ich traf (mal mehr, mal weniger) engagierte Mitglieder von Kooperativen und Lebensmittelretter-Kollektiven und kletterte (und klettere) mit Freude in diverse ‘Abfall’-Container. Nun sehe ich vorliegenden Artikel als Ausgangspunkt für angeregte Debatten.

Degrowth

Ausgehend von dem Ziel einer sozialen Transformation hin zu einer Postwachstumsökonomie, welche gemeinschaftlich und kollektiv Produktions- und Konsumverhältnisse überdenkt und letztlich umkrempelt, interessierte ich mich für die Motive der Einzelnen. Es galt und gilt herauszufinden, welchen Alternativen tatsächlich Potential für eine ebensolche Transformation inne wohnt. Degrowth fungiert als politischer Slogan und umfassende Kritik an der Allmacht ökonomischen Wachstums. Degrowth ist konkrete Utopie. Als aktivistisch-akademischer Zusammenschluss von Theorie und Praxis zu Themen wie Wohnen, Mobilität, Wirtschaft und eben der Produktion, der Verteilung und dem Konsum von Nahrungsmitteln, wirkt Degrowth ebenso als soziale Bewegung und bietet konstruktive Kritik statt blankem Dekonstruktivismus.

Konsum ist politisch. Oder ignorant?

Seit der Geburt der Nachhaltigkeitsidee brodelt die Debatte zwischen den Befürwortern des verantwortlichen Individuums und den Kritiker*innen ebendieser. In anbetracht einer Realität, in der Bewohner*innen des Globalen Nordens auf Kosten der Ressourcen und Entfaltungsmöglichkeiten des Globalen Südens leben, wird die Verantwortung der Einzelnen in der vieldimensionalen Krise hier zum zentralen Thema.

Im marktwirtschaftlich orientierten West- und Zentraleuropa wird die Lösung häufig auf die Konsumentenebene ausgelagert. Biosupermärkte florieren, Kampagnen zum Thema Recycling greifen auf die Zeigefinger-Methode zurück und Käufer*innen argumentieren mit ihrem ‘guten Gefühl’, wenn es um den Besuch im Naturkostlädchen geht. Letztlich wird jede*r zur Verantwortung gezogen. Dieser durch omnipräsente Werbung (welche laut Degrowth generell abgeschafft gehört) und den allgemeinen Diskurs vorangetriebene Prozess wird von Wissenschaftler*innen auch deshalb angekreidet, weil er neoliberale Muster reproduziert statt sie zu durchbrechen.

Die ‘feindliche Übernahme’ von ‘Bio’ durch die industrielle Landwirtschaft und die damit ermöglichte Vermarktung von Bioprodukten via multinationaler Supermarktketten – ist sie nicht hinderlich im Hinblick auf den angestrebten Wandel? Ist der Kauf von preislich oft weit über dem Budget vieler Bürger*innen liegenden demeter-Zwiebeln nicht eher exklusiv als fair? Im Dickicht von Wahlmöglichkeiten verschwimmen die eigentlichen Ziele. Selbst einst ‘unvermarktbare’ Lebensmittel – dreibeinige Karotten etc. – werden heute kommodifiziert, d.h. sie werden zu handelbarer Ware gemacht und in hippen Lokalen – na, was wohl? – (oft teuer) vermarktet. Wo bleibt die Fairness? Die Kritik an der Allgegenwart wirtschaftlicher Interessen?
Im Verlauf meiner Studie wurde stets offensichtlicher, dass nicht individualisierte Verantwortung, sondern politische Rahmenbedingungen wie die Subventionierung konventioneller Landwirtschaft und die Tolerierung irreführender Werbekampagnen Kern des Problems sind.

Kooperation statt Individualismus

Während der Interviews mit vornehmlich sensibilisierten Konsument*innen kristallisierte sich deren Fokus auf das eigene Wohl heraus. Anstatt des kollektiven Charakters der Initiativen wurde dem ‘gesunden Essen für mich und meine Familie‘ oft Priorität eingeräumt. Solidarische und kooperative Zusammenschlüsse von Konsument*innen und Produzent*innen sind großartig! Dies mal ganz außen vor. Die faire Umverteilung und der gleiche Zugang für Alle zu ‘gesunden’ und lokalen Nahrungsmitteln sollten jedoch als Hauptziel nicht an Gewicht verlieren.

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Dem Retten von Lebensmitteln haftet zunächst eine politisierte Botschaft an. Überkonsumierende Einzelne, sowie immervolle und glänzende Supermarktregale werden angesichts von tonnenweise geretteter Nahrung ad absurdum geführt. Anstatt zunehmend technologisierte Netzwerke (z.B. foodsharing), die Produzent und Konsument zwar miteinander verbinden, jedoch mit einem Internetzugang und Aufnahmetests bereits Ausschlusskriterien für potentielle Mitglieder setzen, besuchte ich unabhängige Nachbarschaftskollektive. Mitwirkende schaffen es oft ohne den Einkauf von Essen gut über die Runden zu kommen. Genau dies kann allerdings ebenso zu Vernachlässigung der signifikanten Message, also dem Vorführen der Wegwerfgesellschaft, führen. Obendrein kann der politische Charakter der Initiativen ausgrenzend wirken.

Die Gemeinschaft wird in der Degrowth-Gesellschaft dem Individuum übergeordnet. Dass jede*r Konsument*in an der aktiven Teilnahme in Kooperativen o.Ä. interessiert ist, ist jedoch unrealistisch und wurde auch im Rahmen der Befragung wiederlegt.

Viel Kritik, doch nun gen Zukunft

Der sozio-ökologische Beitrag von lokalen und selbstverwalteten Lebensmittelkooperativen, sowie die Neugestaltung von Produzent*innen-Konsument*innen Beziehungen sind zukunftsweisend. Mehr Initiativen und Projekte statt deren Wachstum in Größe und die Vernetzung untereinander bieten tatsächlich eine Perspektive gen Zukunft. Das Wahren überschaubarer Größen ist im Hinblick auf die Wahrung von Autonomie unabdingbar. Die Vermeidung der Einverleibung durch existierende Tengelmänner und Edekas ist dabei ebenso wichtig, wie die Aufrechterhaltung politischer Motive.

Das Ziel einer gerechten Umverteilung, sowie die Ablösung marktorientierter Lebensmittelzyklen sollten hierbei die Hauptrolle spielen. Auch Lebensmittelretter*innen dürfen die Minimierung der Verschwendung als gesellschaftliches Anliegen nicht aus den Augen verlieren. Diverse Ansätze sollten in ihren basis-demokratischen Organisationsmodellen fortbestehen, um verschiedenen, individuellen Ansprüchen gerecht zu werden. Die Vermarktung von angeknackstem Gemüse zu symbolischen Preisen, oder deren Verarbeitung in sozialen Einrichtung sehe ich als Alternative zur bereits erwähnten Kommodifizierung. Ein Netzwerk an Stadtteil- oder Bezirkskooperativen kann den Einkaufenden langfristig auch ohne Mehraufwand Zugang zu lokalen Lebensmitteln verschaffen. Solidarische Mitgliedsbeiträge und Ähnliches tragen zu einer sozial gerechten Transformation bei.

Wenn das Mülltauchen einmal nicht so ergiebig war, kaufe auch ich übrigens in Naturkostlädchen ein. Gemeinsam mit meinen Mitbewohnern bestelle ich zudem eine lokale Ökokiste, denn selbst zwischen Parolen und Aktivismus überlebt ein soziales Konstrukt: mein Gewissen.

Weiterlesen:
Guthman, J. (2008). Thinking inside the neoliberal box: The micro-politics of agro-food philanthropy.
Geoforum, 39(3), 1241–1253. http://doi.org/10.1016/j.geoforum.2006.09.001
Muraca B. (2014), ‘Gut leben – Eine Gesellschaft jenseits des Wachstums’

Helen fühlt sich in Deutschland nicht so zu Hause, weshalb sie oft und gerne in Lateinamerika und Spanien unterwegs ist. In Barcelona studierte sie Sozial-Ökologische Nachhaltigkeit und beschäftigt sich mit Sozialer- und Umweltgerechtigkeit, Lebensmittel-verschwendung, und Glücklichsein.

Beitragsbild: unsplash.com / Raffik Lopes Lizenz: CC0

Lebensmittel umsonst! Weil sie es wert sind.

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