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BLOG ZUM MAGAZIN FÜRS GUTE LEBEN

März 2017
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Eine Fußgängerbrücke über den Batang Hari – und das in einer asiatischen Großstadt, in der sonst nur Schulkinder und Invalide zu Fuß gehen, statt sich mit dem Motorroller durch die Straßen zu schlängeln. Anfang 2015 wurde die Brücke im indonesischen Jambi, auf der Insel Sumatra, eingeweiht. Sie ist die erste ihrer Art und lädt ausnahmsweise zu unmotorisierten Ausflügen in den ursprünglichen und gemütlicheren Teil der Großstadt ein. Für mich war das ein deutlicher Gewinn an Freizeitmöglichkeiten in der großen, eher unstrukturierten Stadt, in der ich regelmäßig zu Forschungsaufenthalten lebe, und die kaum einladende Plätze zum Verweilen bietet. Die perfekte Gelegenheit, meinen Besucher, Jonathan, davon zu überzeugen, dass diese graue Stadt doch irgendwie liebenswert sein kann.

 

Zuerst war der Geruch nach Lagerfeuer in der Luft

Wir machen uns auf den Weg zu einem Ausflug in Richtung Batang Hari. Aber Jonathan will sich nicht so recht begeistern. Ist es der Geruch nach Lagerfeuer, der uns permanent umgibt? Genauer gesagt: Er lässt uns beißend jeden Winkel unserer Atemwege spüren. Aber kein Problem, einfach eine Atemmaske aufziehen, damit lässt sich wieder tief durchatmen. Noch dazu fallen wir so vielleicht weniger als Ausländer auf und hören etwas seltener „Hello Mister, how are you?“. Zugegeben, besonders schick ist sie nicht. Aber durch den dicken Dunst können wir einander sowieso kaum sehen. Wir erreichen den Fluss. Doch wo ist diese Brücke überhaupt? Von hier aus nach links? Oder nach rechts? Nichts zu sehen vor lauter Dunst. Jonathan wird ungeduldig. Unter der Atemmaske sammelt sich Schweiß. Ich gebe auf. Nicht einmal das romantische Rot der vage erkennbaren Sonne, das schon den ganzen Tag für dämmrige Sonnenuntergangsstimmung sorgt, spendet Trost.

Tatsächlich ist die Lebensqualität in Jambi aktuell wirklich schlecht. Seit einigen Wochen verschwinden weite Teile der Inseln Sumatra (Indonesien) und Borneo (Indonesien/Malaysia), des malaysischen Festlands und Singapur im haze, zu deutsch „Dunst“. Das zunächst unbedenkliche Phänomen entsteht jedes Jahr vor allem während der Trockenzeit, wenn es wenig Bewegung zwischen den Luftschichten gibt. Staub-, Rauch- und andere Schwebpartikel, die in dieser Zeit aufgewirbelt werden, verharren dadurch lange Zeit am Himmel. Seit Anfang der 90er Jahre ist der haze in Südostasien aber zum ernstzunehmenden Problem geworden. Jedes Jahr brennen Landbesitzer am Ende der Trockenzeit im großen Stil bewaldete Gebiete ab, in Indonesien vor allem auf den Inseln Sumatra und Borneo, um diese in fruchtbare Nutzflächen umzuwandeln. Die jungen Plantagen können so mit den ersten Wassertropfen der Regenzeit in die Höhe sprießen.

Die von den Bränden verursachten Rauchpartikel setzen sich in der Luft fest und verstärken den gewöhnlichen haze. Seit über 20 Jahren führt das dazu, dass ganze Regionen für mehrere Wochen oder sogar Monate am Ende der Trockenzeit im Dunst – einer gigantischen Rauchwolke – verschwinden und Millionen Menschen Gesundheitsgefährdungen ausgesetzt sind.

Durch die schrumpfenden Waldbestände nahm auch der haze in der Provinz Jambi seit 1997 wieder etwas ab, allerdings ist die aktuelle Situation wieder verheerend – man fragt sich, wo noch so viel Wald zum Verbrennen übrig war, der die Heftigkeit des haze dieses Jahr erklärt. Bis auf wenige geschützte Waldflächen wurde die gesamte Provinz über die letzten Jahre in Agrarland umgewandelt. Auch in den anderen Teilen Indonesien sieht es ähnlich aus – aktuell darf sich Indonesien als Land mit der welthöchsten Abholzungsrate bezeichnen, noch vor Brasilien.

Zum größten Teil sind diese Flächen nun Ölpalmplantagen, die aus ökologischer Sicht eher einer Wüste als einem Regenwald gleichen. Auch die Provinz Jambi ist heute hauptsächlich von Ölpalmen dominiert, es wachsen aber auch Kautschukbäume und schnellwachsende Akazien zur Papierherstellung im großen Stil. Entlang der Straßen waren in den letzten Wochen viele abgebrannte Felder sichtbar, die meisten davon mit jungen Ölpalmen bepflanzt. Meist war dort vorher schon eine Plantage, die aus Altersgründen erneuert werden musste, manchmal auch ein Sekundärwald. Der entsteht nach der selektiven Entnahme wertvoller Hölzer aus dem Regenwald. Die Vegetation wächst dann zwar schnell nach, allerdings in einer verarmten und weniger komplexen Waldstruktur. Anders als häufig dargestellt, muss der tropische Regenwald auf Sumatra mitsamt seinem prominentesten Bewohner, dem Orang Utan, also meist nicht direkt den Ölpalmplantagen weichen – der Weg der Landumnutzung ist oft komplex. Aktuell mündet sie am Ende jedoch meist in der Palmölproduktion, welche ein äußerst lukratives Geschäft darstellt: Kein anderes Pflanzenöl lässt sich so günstig produzieren. Die Gewinnspanne ist immens hoch.

„Die Gewinnspanne ist immens hoch.“

Einige Brände müssen aber unbeabsichtigt durch die diesjährige extreme Trockenheit entstanden sein: auch verbrannte Kautschukplantagen in ihrem besten Alter waren immer wieder zu sehen. Die Brände führen zum Verlust ganzer Plantagen und somit der Haupteinnahmequelle einiger Kleinbauern. Das Entstehen unbeabsichtigter Brände und ihre Unkontrollierbarkeit ist dieses Jahr zudem verschärft durch die außergewöhnliche Trockenheit in dieer Region. Diese Dürre lässt sich auf das global auswirkende Wetterphänomen „El Niño“ zurückführen, dessen Ursprung vor Perus Küsten liegt. Auch 1997 war ein „El Niño“-Jahr.

Das oberflächliche Löschen eines Brandes ist oft nicht genug – in einigen Gebieten gibt es Torfböden, die nach einem offenen Feuer tief unter der Oberfläche weiterglühen. Hierbei kommt es zu einer extremen Rauchentwicklung, die das Ausmaß des haze über die sichtbaren Feuer hinaus erklärt. Indonesien ist mit dem Löschen der schwelenden Feuer vollkommen überfordert. Vergangenen Freitag zählten einheimische Meteorologen 414 Brandherde auf Sumatra. Daraufhin hat die Regierung endlich eingewilligt, die bereits seit langer Zeit angebotene Unterstützung aus Australien, Singapur und Malaysia anzunehmen: Löschflugzeuge sollen nun helfen, die Feuer in den Griff zu bekommen.

Vergangenen Freitag zählten einheimische Meteorologen 414 Brandherde auf Sumatra.

 

 

palm-oil-consumption-globalHäufig handelt es sich um illegale Brände, die von der indonesischen Regierung jedoch selten strafrechtlich verfolgt werden. Denn Palmöl ist ein wichtiges Standbein der indonesischen Wirtschaft und somit ein Motor der Entwicklung des Landes. Ausserdem erschweren schwammige Zuständigkeiten der Behörden sowie unklare Besitzverhältnisse das Vorgehen gegen die Brandverursacher. Nicht nur große, teils ausländische Firmen, sondern auch viele Kleinbauern treiben die Landumnutzung der Provinz weiter an.

Aber es wäre zu einfach, die Schuld nur bei Indonesiens Regierung und den sichtbaren Akteuren zu suchen. Als treibender Motor wirkt das übertriebene Konsumverhalten, vor allem der westlichen Welt. Palmöl ist das preislich günstigste Pflanzenöl und dadurch Bestandteil beinahe aller Produkte, die wir im Supermarkt finden: vom Shampoo bis zum Schokoriegel, egal ob bio oder konventionell. Einen ebenfalls bedeutsamen Anteil am Anbau macht die europäische Nachfrage nach Biokraftstoffen aus. Die EU importiert Palmöl im rauen Mengen als erneuerbare Energiequelle.

Als die Feinstaubwerte in Jambi vor einigen Wochen das Vierfache der gesundheitsgefährdenden Schwelle erreichten, wurden plötzlich für einige Zeit gar keine Werte mehr veröffentlicht. Schulen wurden geschlossen und die Regierung ließ simple Mundschutze verteilen, die wohl eher dem Gewissen der Verantwortlichen dienten als der Gesundheit der Bevölkerung. Obwohl Präsident Joko Widodo einige der Hotspot-Regionen in Indonesien besuchte, fühlte man sich in Jambi allein gelassen. Erkrankungen der Atemwege und Augen häufen sich, Menschen klagen über Abgeschlagenheit.
Die Geduld und unermüdliche Freundlichkeit der Indonesier zeigt sich auch hier. In Deutschland würden die Straßen sicherlich überquellen vor Protestierenden. In Jambi nimmt man das Leiden eher mit leiser Ironie: Auf Facebook werden Fotos von Tieren mit Atemmasken gepostet und auch Messing-Statuen im Stadtkern sind dank ihrer Atemmasken bestens geschützt. In der Hauptstadt der noch stärker betroffenen Nachbarprovinz Riau erheben sich nun aber nach wochenlangem stillen Aushalten erste Stimmen: Unter dem Namen „Revolusi Langit Biru“ (Blauer Himmel Revolution) versammelten sich mehrere hundert bis tausend Menschen zum Protest gegen das alljährliche haze-Problem.

Nur drei Wochen unter diesen Bedingungen leben zu müssen, hat meiner Gesundheit sehr zu schaffen gemacht und meine Lebensqualität extrem eingeschränkt. Mir tut es leid für all die Menschen, die nicht einfach ins nächste Flugzeug steigen können, um diesen Bedingungen zu entfliehen. Für sie bleibt nur die Hoffnung auf eine bald einsetzende Regenzeit. Jambis neue Fußgängerbrücke wird man dann wieder finden können. Wenigstens so lange, bis sie der haze im nächsten Jahr erneut verschlucken wird….

Anne Gérard ist Biologin und arbeitet in Göttingen an ihrer Doktorarbeit. Auf Sumatra forscht sie daran, wie sich Palmölplantagen umweltverträglicher gestalten lassen.

Coverbild: CC0, unsplash Kukuh Himawan Samudro
Bild 2: Polizist mit Atemschutzmaske, Indonesien 2010, CC0 flickr, user selka


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