Wenn dir das Recht auf die Straße entzogen werden soll, musst du dich wehren können. Die neue Geheimwaffe der Rebellion ist aufblasbar!

Der Generation Y wird die stille Revolution nachgesagt. Fairtrade-Kaffee, Radfahren und solidarische Landwirtschaft für eine bessere Zukunft für alle. So wichtig diese den Alltag verändernden Ansätze sind – durch individuelles Handeln allein wird unser Wirtschaftssystem weder gestürzt noch grundlegend verändert. Der Rückzug in die „private“ Revolution, die nicht extrem sein will und keinem auf die Füße tritt, verändert unsere eigene Welt, und das ist wichtig. Aber nur weil aus unserer Steckdose kein Kohlestrom mehr kommt, heißt das nicht, dass es ihn nicht mehr gibt. Wer daran etwas ändern möchte, ist gut beraten, sich mit Gleichgesinnten zusammenzutun und politische Veränderung zu fordern – sofort und lautstark. Wem das demonstrative Spazierengehen mit Plakaten und Parolen nicht genug erscheint, schließt sich vielleicht direkten Aktionen an, etwa Blockaden von Castortransporten, Nazis oder Kohlebaggern.

Doch Blockaden, Strohsäcke und „Demokratiebrillen“ gegen Polizeigewalt und Tränengas – das alles wirkt auf viele, die sich noch nie im aktivistischen Kontext bewegt haben, bloß extrem und abschreckend. Zeigen die Medien Konfrontationen mit der Polizei, dann wird das bei den wenigsten Menschen die Lust wecken, sich dem Aktivismus anzuschließen

Aufblasbare Protest-Tools

Die „Inflatables“ der Aktivistengruppe Tools for Action (TfA) machen es dir leichter. 2010 schickte die Gruppe zum ersten Mal ein großes aufblasbares Objekt zu einem Protest: Ein zwölf Meter langer, silberner Hammer wurde zum Symbol der Auflehnung gegen die UN-Klimaverhandlungen in Cancún. Weil sich die Staaten nicht auf Ziele und ausreichende Maßnahmen einigen konnten, um die globale Erwärmung auf unter 2°C zu begrenzen, wurde auf den Zaun des Konferenzgeländes „eingehämmert“.

Bis die Polizei den Hammer zerstörte – ein Medienspektakel, das den Protesten eine neue Dimension der Außenwirkung gab. Der Gründer von TfA, der in Berlin lebende Künstler Artùr van Balen, sieht im Aufblasen und Platzenlassen der Objekte auch eine Metapher für das Medienspektakel selbst.

Und der Hammer war erst der Anfang. Seitdem gab es eine riesige, atmende Lunge, die angesichts zunehmender Luftverschmutzung zu Grabe getragen wurde. Einen pinken Flipflop als Protest für die Rechte indischer Frauen. Eine große Säge gegen Putins Politik. Die Objekte sind Werkzeuge, die symbolisch die kollektive Ermächtigung visualisieren sollen. Sie lockern den Protest auf, geben ihm etwas Verspieltes, Surreales und auch Komisches. Und sie zeigen: Hier sind keine „gewalttätigen Extremisten“ am Werk, sondern Menschen, die für eine gute Zukunft für alle eintreten. So wird der Protest zum Fest, und die Inflatables tragen zu einer positiven Stimmung bei. Denn auch in der medialen Darstellung der Proteste wirken die Luft-Objekte sympathischer als militant protestierende Menschen mit Schutzbrille und Strohsäcken.

Auflockerndes Element

Die Objekte öffnen den Protest, geben ihm eine feine, metaphorische Ebene, in die viel mehr hinein interpretierbar ist als reines „Dagegensein“. So entsteht ein interaktives, verspieltes, kreatives Event. Sie machen den Aufstand zugänglicher für Menschen, die bis dahin nicht auf die Straße gegangen sind. Bei Protesten, die weniger fröhlich und friedlich bleiben, haben kleine Inflatables noch eine weitere Funktion: Sie sind schwer zu kontrollieren und schützen als Luftkissen gegen Übergriffe der Polizei.

Die weiß meist nicht so recht mit dem großen Spielzeug umzugehen. Skurrile Bilder ergibt das, wenn Beamte auf glitzernde, würfelförmige Ballons einprügeln, wie bei manchen Maidemos – etwa in Berlin. Aggressiver Ernst gegen verspielten Protest. Seit den Klimaverhandlungen in Paris 2015 erfreuen sich die „Cobbles“, zu Deutsch Pflastersteine, immer größerer Beliebtheit auf Demonstrationen. Die neueste Kreation aus dem Hause Tools for Action kam seitdem nicht nur in Paris und Berlin, sondern auch in Dortmund und in der Lausitz zum Einsatz. „Cobbles“ sind große Ballonwürfel, aus denen man Blockaden bauen kann. Vierzig Menschen schafften es mit ihrer Hilfe bei den „Ende Gelände“-Protesten gegen Vattenfall eine ganze Straße zu sperren. In Dortmund haben die Protierenden aus den Kuben eine Spiegelwand gegen Nazis gebaut.

Sie machen Laune, mit auf die Straße zu gehen, gemeinsam für eine bessere Welt zu kämpfen, und sich anstecken zu lassen von der Leichtigkeit der Objekte, die über die Menge hüpfen.

 

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Dieser Artikel wurde in der dritten Ausgabe des transform Magazins gedruckt, welche du hier bestellen kannst. Ausgabe 2 & 3 im Kombipaket sind momentan 15% günstiger.

Beitragsbild: Illustration, Stephanie Brittnacher

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