Die Kunst der Kunst: Empathie lernen

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Empathie fördert moralisches Denken
Laut Wissenschaft ist Empathie besonders wichtig dafür, dass Kinder moralisches Denken entwickeln können. Das Mitfühlen mit anderen Menschen sei dafür da, Kindern den Unterschied zwischen richtig und falsch zu erklären.

Die Entwicklung von Empathie hängt aber an vielen verschiedenen Bedingungen, etwa den Genen, der Fähigkeit zur Imitation von Gesichtsausdrücken, dem Charakter des Kindes, oder dem elterlichen Umgang.

Bisher noch kaum als Einflussfaktor auf Empathie untersucht wurde das direkte Umfeld der Kinder abseits der Eltern. Denn auch als Kleinkind sieht man ja andere Menschen, deren Gefühlen man nicht entgehen kann.

Neben den kurzen Begegnungen mit Fremden auf der Straße oder flüchtigen Bekannten, Verwandten und Freunden der Eltern haben Kinder heutzutage vor allem regelmäßig Kontakt mit fiktionalen Personen und Charakteren.

Viele Interaktionen zwischen Menschen finden heute schließlich nicht mehr im „echten Leben“, sondern auf einem Bildschirm statt. Wenn man nun Gefühle anderer Personen auch mitbekommt, ohne am selben Ort mit ihnen zu sein, dann ist das Lernen von Empathie wohl auch über viele andere Wege möglich.

Kunst ruft Emotionen hervor
Klar – auch wenn vielleicht der eine oder andere harte Kerl noch nie bei Filmen geweint hat, jeder hat schon einmal dabei gelacht. Oder sich geärgert. Oder generell eine Gefühlsregung gezeigt, in welche Richtung auch immer. Und diese Regungen müssen sich auch nicht nur auf das Medium Film beschränken: Es gibt genug emotionale Stellen in Büchern, auf Bildern oder in Skulpturen, die emotionale Reaktionen hervorrufen und dazu einladen, sich in andere Personen hineinzuversetzen.

Kunst hat für viele Menschen in der einen oder anderen Form ihr moralisches Denken verändert. Die meiste Kunst ist nicht Brechtsches Theater, sondern baut darauf, dass man sich in die Charaktere einfühlt und hineinversetzt. Emotionale und kognitive Empathie, also das Mitfühlen und Nachvollziehen von Emotionen, sind eine essentielle Bedingung, um Kunst zu erschaffen oder zu interpretieren.

Wie beeinflusst nun Kunst die frühe und spätere Entwicklung von Empathie?

Jegliche Kunst hat eine bestimmte Intention oder Message, die sie ausdrücken möchte. Vor allem bei Filmen werden die Gefühle, die hervorgerufen werden sollen, durch Filmmusik, Kameraführung und natürlich das Skript bewusst gelenkt. Ganz absichtlich – immerhin funktionieren Filme genau dadurch. Es ist nur legitim, sich die Eigenschaften der Kunstform auch zunutze zu machen.

Gut gegen Böse, Richtig gegen Falsch
Die meisten Medien, die für Kinder verfasst werden, polarisieren extrem – eben um eine gewisse Moral zu vermitteln. Siehe die Märchen der Gebrüder Grimm oder die Sesamstraße. Kleine Geschichten werden erzählt, und am Ende steht die Moral von der Geschicht‘. Es ist Gut gegen Böse, Richtig gegen Falsch. „Mission der moralischen Erziehung erfüllt!“, könnte man sagen.

Für Kinder ist es auch sehr wichtig, eine strukturierte Welt zu haben, die zwischen Gut und Schlecht unterscheidet. Aber die Welt ist nun mal nicht Schwarz und Weiß, es gibt kein klares Gut gegen Böse. Die Kontexte sind viel komplizierter, als die meisten Medien es erscheinen lassen. Natürlich gibt es Ausnahmen, aber die Schemata der Disney-Filme laufen meist auf dasselbe hinaus.

Vor allem aber zieht sich dieser Trend der Kindermedien bis in die Erwachsenenmedien durch. Ob man in der nächsten Nicholas Sparks-Verfilmung das Idealbild der Liebe, oder im nächsten Schlachtenepos den Wert von Tapferkeit vermittelt bekommt: Letztlich vermitteln sie meist ein sehr einseitiges und absolutes Bild der Welt. Wir haben alle unsere Lieblingsfilme, unsere Lieblingsgenres, und in der Zeit von Netflix haben wir so viel Auswahl an den Fingerspitzen, dass wir einfach weiterklicken können, wenn uns etwas nicht gefällt.

Damit ist es noch einfacher geworden, sich von der Couch im literarischen, und aus dem Komfortbereich im metaphorischen Sinne nicht zu bewegen. Wenn man den Gedanken akzeptiert, dass Medien Einfluss auf die Empathieentwicklung haben, kommt man zu einer einfachen Konsequenz: Sie haben auch einen Einfluss auf den Fortbestand unserer Empathiefähigkeit.

Aber bedeutet das jetzt, wir haben nach den ersten drei Jahren ein festes Fundament gelegt und können aus der Misere nicht mehr heraus? Die Entwicklungswissenschaftler sagen ja normalerweise, dass die Tendenzen der frühkindlichen Entwicklung sich danach nur verfestigen.

Empathie kann man üben?
In Ratgebern, online wie in Buchform, wird behauptet, man könne Empathie üben. Und zwar die emotionale ebenso wie die kognitive. Es gibt Erfolgsgeschichten, in Kanada wird zum Beispiel kognitive Empathie in der Schule gefördert. So schwer kann das also eigentlich nicht sein, das mit dem Empathie üben. Und wenn wir akzeptieren, dass die Kunst Empathie im frühkindlichen Kontext lehrt, dann kann man auch davon ausgehen, dass sie im weiteren Leben noch Einfluss besitzt.

Um aber erst einmal dahin zu kommen, Empathie zu üben, muss man sich selbst zwei Fragen beantworten: Warum und wie?

Denn das Dilemma ist eindeutig: Man muss es üben. Und Übung dauert nun einmal seine Zeit. Und Zeit ist Geld. Wer will in der heutigen Zeit schon empathisch sein? Es geht im wahren Leben doch um harte Fakten, schwarze Zahlen und feste Grundsätze. Oder?

Das Gerippe des selbstsüchtigen und egoistischen Menschen ist sogar in der Ökonomik schon lange veraltet. Dennoch kann das Warum nur jeder für sich selbst beantworten. Zumindest die Wissenschaft spricht dafür, dass Empathie einen wichtigen Beitrag dabei leistet, soziale sowie romantische Beziehungen aufrecht und gesund zu (er)halten. Gleichzeitig ist Empathie möglicherweise eine der stärksten Kräfte, die altruistisches Handeln unterstützt.

Wenn wir über das Warum einmal hinaus sind, stellt sich die Frage nach dem Wie.

Für die kognitive Empathie gibt es wohl kein einfacheres Mittel als die Kunst. Denn fiktive Personen können erst einmal nicht widersprechen. Wenn man sich in einzelnen Teilen eines Charakters wiederfindet, kann man auch mit ihm mitfühlen. Damit hätte man auch gleichzeitig emotionale Empathie abgedeckt. Ob Serie, Film, Buch oder Musikstück, das Einfühlen in Menschen wird durch Kunst vereinfacht.

Das Gewöhnliche durchbrechen
Wir suchen Kunst meist, um uns besser, verstanden und akzeptiert zu fühlen. Wir wählen uns ganz genau aus, was wir uns ansehen, und werden eher selten aus unserem Weltbild gerissen. Und das ist auch gut so. Kunst sollte einen sicheren Platz geben, in dem man sich verstanden fühlen kann, wenn man es sonst nicht tut. Aber Kunst ist auch dazu da, das Gewöhnliche zu durchbrechen, zum Denken anzuregen und den Alltagskomfort zu durchbrechen.

Und genau deswegen ist es für die die Empathie wichtig, sich nicht nur mit Figuren, Situationen und Charaktereigenschaften auseinanderzusetzen, die uns beruhigen. Empathie befähigt dazu, nicht alles Schwarzweiß zu sehen, sondern die Nuancen des Lebens. Sodass wir nicht nur den Menschen helfen, die uns ähnlich sind. Sodass wir nicht mehr nur den Menschen Mitgefühl entgegenbringen, von denen wir denken, das hätten wir selbst sein können – sondern allen. Auch denen, die uns wehtun. Auch denen, die wir nicht verstehen wollen. Denn es kann damit nicht nur leichter werden, anderen zu vergeben, sondern vor allem auch sich selbst.

Selbst wenn wir uns selbst und gegenseitig nicht verstehen können – wir können es zumindest versuchen. Wenn ich eine Sache aus all den Liebeskomödien gelernt habe, ist es das: Kommunikation ist das A und O.

 

713313448_89920Autorin Michelle Kunz studiert die Auswirkungen von TV-Serien auf das normales Leben und nebenbei noch Philosophy & Economics. Dazu hat sie einen riesigen Schatz an unnötigem Wissen, Wortspielen und Filmzitaten, die zu jeglicher Situation (un)passend angebracht werden.

 

Beitragsbild: National Archives UK

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