Wir fürchten uns vor staatlicher Überwachung, aber füttern Google, Facebook & Co. mit unseren Daten. Ihnen sollen wir vertrauen, während die Regierungen uns aushorchen. Ist das kein Widerspruch?

Die netten Unternehmen sagen: „Du, gib uns doch noch deine Telefonnummer“, und phantasieren von einer weltweiten „Gemeinschaft“. Doch was für staatliche Überwachung gilt, das gilt eben auch für industriellen Datenhunger: All das gesammelte Wissen kann jederzeit gegen dich verwendet werden. Im Zweifel weiß Google, was du vorletzten Sommer getan hast – während du es schon wieder vergessen hast. Wer aber sollte das besser nicht wissen?

Zigaretten in Form bequemer Apps und Onlinedienste

Unser sorgloser Umgang mit Daten sei ein Problem der „Volksgesundheit“, soder kanadische Science-Fiction-Autor Cory Doctorow. Er vergleicht sogar die Zigarettenindustrie mit den Datensammlern aus dem Silicon Valley. Liberté toujours! Die netten Unternehmen haben unser Vertrauen gewonnen, weil sie bisher immer gut waren zu uns: grenzenlose Kommunikation, Hilfe bei Wissenslücken, Partnersuche, Navigation. Längst prägt der digitale Raum den Alltag: Wir laden Urlaubsfotos hoch, teilen unsere politische Meinung und suchen Rat bei Krankheitssymptomen.

Doch mit jeder Bewegung im Netz der Internetgiganten hinterlassen wir eine unauslöschliche Datenspur: Suchmaschinen und soziale Netzwerke erfahren ganz genau, wo wir verweilen, was uns gefällt oder besorgt. Google kann die Länge von Staus und die Verweildauer in Restaurants nur angeben, weil es die Bewegungsdaten von Millionen Android-Smartphones auswertet. Schon praktisch, oder?

Schon mal das Kleingedruckte gelesen?

Als Edward Snowden von wissensdurstigen Geheimdiensten erzählte, hat uns ein solcher Datenhunger noch besorgt. Unsere Grundrechte auf Privatsphäre, Kommunikations- und Meinungsfreiheit waren da in Gefahr! Denn schließlich möchte ich on- wie offline bitte noch selbst bestimmen, wann und in welchem Umfang ich Persönliches über mich preisgebe und was mit diesen Informationen passiert. Nicht ohne Grund verbietet das europäische Datenschutzrecht daher prinzipiell die Erhebung, Verarbeitung und Nutzung persönlicher Daten – es sei denn, wir stimmen explizit zu. Zudem muss vor einer Zustimmung konkret festgelegt sein, zu welchem Zweck die Daten verarbeitet werden.

Doch wer liest schon Datenschutzbestimmungen? Wer setzt nicht meist ohne Überlegung den erforderlichen Haken, um die neueste App nutzen zu können? Damit wissen wir in den meisten Fällen nicht einmal, was mit unseren Daten schon heute geschieht. Und so sind Google, Facebook & Co. von uns legitimiert, Informationen über uns zu speichern und zu verarbeiten. Wir dürfen froh sein, wenn sie uns nur gezielt Werbung anzeigen, oder unsere Daten „anonymisiert“ an andere Unternehmen, ihre eigentlichen Kunden, zur Marktforschung verkaufen. Als Gegenleistung werden sie von diesen mit Geld überschüttet, womit neue Funktionen programmiert und die Datenspeicher aufgestockt werden können. Selbst wenn uns diese Werbung nicht stört oder wir sie noch blockieren können, bezahlen wir das, was uns kostenlos erscheint, mit einem unumkehrbaren und fortschreitenden Kontrollverlust: Wir geben die Rechte an Informationen über uns und auch unseren Bildern ab.

So gut wie nie können wir wissen, wo unsere Angaben über Vorlieben in ein paar Jahren landen – oder dass wir immer öfter in einem Restaurant am anderen Ende der Stadt verweilten. Denn hinter den scheinbar freiheitlichen Plattformen stehen sowohl undurchsichtige Algorithmen als auch Menschen. Wir werden zum Spielball, weil wir längst abhängig geworden sind von ihren Diensten: Facebook steuert die Verbreitung von Nachrichten und testet Reaktionen auf gute und schlechte Nachrichten im Newsfeed – ohne Wissen der Nutzer*innen.

Wie beim Kauf von Lebensmitteln für Viele Standard: sich informieren

Vielleicht braucht es nicht einmal diese Willkür, vielleicht verlieren die Unternehmen selbst die Kontrolle – Datenlecks sind inzwischen an der Tagesordnung. Ein anderes Szenario: Vielleicht wollen auch wir eines Tages mit einem Teil unserer Vergangenheit abschließen, nur sind die Spuren davon im kollektiven digitalen Gedächtnis schwer zu tilgen. Wer das nicht glaubt, darf gerne einmal den eigenen Namen in die Suchmaschine der Wahl eingeben.

Also, was tun? Raus aus der Bequemlichkeitsfalle! Wir müssen uns mit den neuen Technologien auseinandersetzen und uns bewusster im Netz bewegen. Wir werden weiter in digitalisierten Widersprüchen leben müssen: Kompromisse sind an der Tagesordnung, weil wir auf manches nicht verzichten wollen. Doch müssen wir lernen, neben den Möglichkeiten auch mit den Unwägbarkeiten im „Neuland“ umzugehen, um nicht den Konzernriesen ausgeliefert zu sein. Wir können uns gegenseitig helfen, etwa im Freundeskreis andere Dienste nutzen. Es kann wunderbar sein, mit dem unbedachten Teilen aufzuhören: Längst gibt es vertrauenswürdige E-Mail-Anbieter und Alternativen zu glitzernden Datensammel-Apps. Vielleicht nicht zu allen. Es mag ein längerer Prozess sein, doch bei allen Widersprüchen sollten wir auch lernen, einfach mal „nein“ zu sagen:

Hier eine Übersicht über freie Software als Alternative gegen staatliche und private Überwachung.

 

 

Der Artikel erschien in unserer neuesten, gedruckten Ausgabe zum Thema Widersprüche. Diese kannst du direkt in digitaler oder Papierform bestellen.

 

 

Der Gastautor Fabian Warislohner studiert Philosophie (M.A.) an der Cusanus Hochschule und forscht dort zum Thema ‚Privatheit‘. Er hat für netzpolitik.org und die europäische Bürgerrechtsorganisation European Digital Rights (EDRi) gearbeitet.

Beitragsbild von Matthew Henry via Unsplash

 

Zum Weiterlesen:
Tipps dafür, wie du deine Privatsphäre im Internet schützen kannst: transform Magazin, 3. Ausgabe

Was steht in den Geschäftsbedingungen unserer Lieblingsapp: Ein 24-Stunden-Lesemarathon

Constanze Kurz und Frank Rieger: Die Datenfresser. Wie Internetfirmen und Staat sich unsere persönlichen Daten einverleiben und wie wir die Kontrolle darüber zurückerlangen, S. Fischer Verlag, Frankfurt 2011

Cory Doctorow: Peak Indifference (8. Juli 2016)

Tor: So bleibst du im Internet anonym

 

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