Über die Uhr, die nicht tickt, Buch Sarah Dieh (Illustration Judtih Carnaby)
Über die Uhr, die nicht tickt, Buch Sarah Dieh (Illustration Judtih Carnaby)

Die biologische Uhr tickt nicht richtig

Der biologischen Uhr und dem gesellschaftlich normierten Kinderzwang setzt Autorin Sarah Diehl ein ermutigendes Buch entgegen. Für Mütter, Nicht-Mütter und die, die sich noch nicht entschieden haben.

Es tickt. Leise und bedrohlich. Besonders für Frauen. Wovon ich schreibe? Von dem sozialen Druck, der Frauen zum Kinderkriegen drängt, bevor es zu spät ist und Reue aufkommt. Um diesen Druck zu legitimieren, konstruierte die Gesellschaft die „biologische Uhr“, die gern schneller tickt, als sie es in Wahrheit tut.

Ein ganzes Jahr lang beschäftigte die Autorin Sarah Diehl sich mit der Kinderlosigkeit, interviewte Frauen, wälzte Bücher und wertete Studien aus. Sie kam zu dem Schluss: „Wenn mir meine biologische Uhr etwas sagt, dann, dass ich im besten Alter bin, um dieses Buch zu schreiben.“

Mit aller Kraft und im Detail räumt die Kulturwissenschaftlerin in neun Kapiteln mit Vorurteilen und gesellschaftlichen Konventionen auf, die das Kinderkriegen mit sich bringt. Von der historischen, gesellschaftlichen bis zur politischen Perspektive deckt die Autorin alles ab und lässt ihre eigenen Umfrageergebnisse miteinfließen. Dafür schon mal ein Bravo.

Für Menschen, die sich seit längerem mit dem Thema auseinandersetzen, ist vieles vielleicht schon bekannt. Doch das soll auch Expert*innen nicht entmutigen, sich Diehls Lektüre anzunehmen. Denn unter altem Kram verstecken sich Aha-Momente. Der*die Lesende – und davon bin ich überzeugt – sollte immer wieder über Umstände stolpern, die man zuvor nicht im Kontext verstaubter gesellschaftlicher Konventionen gesehen hatte und die man nun richtig einzuordnen weiß. Den Zusammenhang des deutschen Mutterbildes mit Reformation, Rousseau und DDR konnte ich jedenfalls vorher noch nicht knüpfen.

Über die Uhr, die nicht tickt, Buch Sarah Dieh (Illustration Judtih Carnaby)
Über die Uhr, die nicht tickt, Buch Sarah Dieh (Illustration Judtih Carnaby)

Auch gewährt Diehl tiefe Einblicke in gesellschaftliche Abgründe: Aus dem Kind als Zeichen der Liebe scheint das Projekt „Rentenkasse füllen“ und „Fachkräfte ausbilden“ geworden zu sein. Kinderkriegen ist mit wahnsinnigem Druck und Ansprüchen verknüpft, insbesondere an die Mutter. Mit sicheren Sätzen deckt Diehl den Status Quo auf und erklärt, wie es dazu kam, dass Rollen- und Familienkonzepte gerne als naturgegeben dargestellt werden, obwohl sie Produkte unserer Zeit sind.

Mit dem kleinen Titelzusatz „Eine Streitschrift“ hat sich die Autorin allerdings etwas vergriffen. Zum Glück. Denn mit einer aggressiven Streitschrift würde sie nur denjenigen entgegenkommen, die in Feminist*innen immer noch alte, verbitterte Frauen sehen, die ihre innere Unzufriedenheit nach außen tragen. Das Buch kommt letztlich eher als Aufruf zur Solidarität daher. Sarah Diehl fordert, dem mediengemachten Disput zwischen Kinderlosen und Familienmüttern ein Ende zu setzen und sich stattdessen zu solidarisieren, um mehr Räume für alternative Familienstrukturen zu schaffen.

Am Ende, so Diehl, solle das Buch „ein Werkzeug für Frauen sein, um sich von diesen ganzen Negativ-Stereotypen abzuwenden, eine eigene Sprache finden zu können und einfach zu sehen, was sie wirklich wollen.“


Zum Weiterlesen

Über das schlechte Image der kinderlosen Frau“ – Deutschlandfunk Kultur

Interview MISSY Magazine und Sarah Diehl „Die Frau als Wärmequell der Gesellschaft

Interview kleinerdrei.org mit Sarah Diehl über Mutterideale, späte Reue und Liebesbedürfnisse


Illustration: Judith Carnaby für transform

Text: Tasnim Rödder


Dieser Text ist Teil der vierten Ausgabe vom transform Magazin, das im Dezember 2017 erschienen ist. Neben dem Hauptthema „Kinderkriegen“ werden hier auch Ideen einer gerechteren Wirschaft oder den Vorzügen von Bademänteln besprochen.

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