Ohne neumodische, exotische Superfoods wie Chia, Goji und Matcha scheint ein gesundes Leben kaum noch vorstellbar, will uns die Werbung suggerieren. Unsinn – wir haben Beispiele gesammelt: Genuss aus deiner Nachbarschaft, der nicht Teil klimaschädlicher Importmärkte sein muss.

Seit einiger Zeit geht nichts mehr ohne Chia, könnte man meinen. Die zum „Superfood“ erkorene Saat steckt gefühlt in jedem zweiten Lebensmittel, verspricht ewige Gesundheit und schlanke Schönheit. Ein Hauch von Chia auf der Brotkruste legitimiert dabei nicht selten einen Preis, der an Vergoldung erinnert.

Ursprünglich von Maya, Inka und Azteken kultiviert und konsumiert, geriet Chia für einige Zeit in Vergessenheit. Wegen des hohen Omega-3-Gehalts versuchten Forscher*innen, Hühner mit Chia zu füttern, um deren Eier mit der Fettsäure anzureichern. Das hatte negative Auswirkungen auf die Größe des Eidotters und in der Tierzucht schwand das Interesse. Dafür interessierte sich nun die Lebensmittelwirtschaft für das Hühnerfutter und kreierte den lukrativen Chia-Hype.

Seitdem wird die nach Sonne und Wasser dürstende Chia unter besorgniserregendem Herbizid-Einsatz in Südamerika angebaut – auf Flächen, auf denen vorher auch Grundnahrungsmittel für die lokale Bevölkerung kultiviert wurden. Um sie zum Keimen zu bringen, wird sie außerdem hormonell behandelt. Dabei stellt sich immer die Frage, ob der menschliche Körper die im Korn enthaltenen Super-Stoffe überhaupt aufnehmen kann – was zumindest kritisch hinterfragt werden sollte, wenn ein profitorientierter Konzern dies bewirbt. Trotz eines hohen Omega-3-Gehalts, Unmengen Antioxidantien und vieler  purenelemente, die Chia tatsächlich enthält, gibt es nämlich keine seriösen Belege für eine positive Auswirkung des Chia-Verzehrs auf Gesundheit und Körpergewicht.

Schön und Hypergesund

Du musst fit, schlank und schön sein, denn auf Sozialsysteme kannst du dich nicht verlassen, und überhaupt ist jede*r seines*ihres Glückes Schmied.

Und Chia ist nicht allein: In den Regalen der Bioläden, Drogerie- und Supermärkte reihen sich heilsversprechende Pülverchen aus Maca, Acai und Aronia neben das Azteken-Korn. Viele der Superfoods teilen die ferne Herkunft und damit weite Transportwege, und vor allem einen Preis, der aussagt: Super-gesund sein muss man sich leisten können. Chia, Goji und Matcha sind Teil eines auf Selbstoptimierung fokussierten Körperkults. Du musst fit, schlank und schön sein, denn auf Sozialsysteme kannst du dich nicht verlassen, und überhaupt ist jede*r seines*ihres Glückes Schmied.

Aber diese Hyper-Gesundheit scheint doch manchmal eher Ausdruck einer subtilen Angst, alleingelassen zu werden, wenn man mal nicht funktioniert.

Gegen Schönheit und Fitness wäre ja grundsätzlich nichts einzuwenden. Es heißt, im gesunden Körper lebt ein gesunder Geist – ein Zusammenhang zwischen Gesundheitszustand und Wohlbefinden ist schließlich nicht zu leugnen. Aber diese Hyper-Gesundheit scheint doch manchmal eher Ausdruck einer subtilen Angst, alleingelassen zu werden, wenn man mal nicht funktioniert.

Das kann sich auch auf unser Miteinander auswirken: Wenn jede*r für sich kämpft, gegen niedrige Antioxidantien-Werte und Fettpölsterchen, dann sind die Ellenbogen nicht weit weg. Wenn ich es schaffe, schlank und gesund zu sein, dann können andere das auch. Wer es nicht schafft, ist schlicht faul und sollte deshalb gefälligst den doppelten Satz an die Krankenkasse abdrücken. Und mal ganz ehrlich: Wir alle kennen ja wohl Menschen, die fett und fit sind, oder einen Bauchansatz und ganz schön was im Köpfchen haben.

Lebensmittel mit Funktion

Die neue Neigung, Lebensmittel wegen ihrer Funktion zu verspeisen und nicht wegen ihrer kulinarischen Qualität, kann außerdem zu einem sehr verkopften Essverhalten führen. Dabei vertrauen wir auf immer neue Gesundheitsstudien, bei denen in einem Jahr das Fett, und im nächsten die Kohlehydrate generell die Ursache aller zivilisatorischen Makel sind. Die Fähigkeit, auf unseren Bauch zu hören, dann zu essen, wenn wir hungrig sind, und aufzuhören, wenn wir satt sind, geht dabei verloren. Eigentlich wissen wir es aber doch: Es gibt kein einzelnes Lebensmittel, das uns innerhalb kürzester Zeit in Topform und zu strahlender Gesundheit bringt.

Es sind die alten, unbequemen Weisheiten: Ausgewogen und nicht zu viel essen, Bewegung, frische Luft, und das alles das ganze Leben lang. Scheint erst mal leidig, ist aber auch Gewohnheitssache. Wichtig ist, seinen Gaumen trotzdem zu verwöhnen – und das geht auch ohne teure, weitgereiste Superfoods.

Wir haben für dich einige kulinarische Highlights gesammelt, die du in deiner Nähe findet oder die zumindest in Europa angebaut werden. Wir machen Werbung für das Kraut an der Straßenecke, das nicht Teil klimaschädlicher Wachstumsmärkte ist. Ach ja, gesund sind sie auch, diese lokalen Superfoods – doch das ist Nebensache.

Brombeeren, Johannisbeeren, Heidelbeeren

Es gibt ja Menschen, die fürchten sich sehr vor dem Fuchsbandwurm, nicht aber vor den Pestizid-rückständen in Goji-Beeren. Laut einer Studie der Robert-Koch-Stiftung ist der Verzehr von heimischen Beeren jedoch unbedenklich – erst recht, wenn sie gewaschen sind. Die kulinarischen Qualitäten müssen wohl kaum jemandem nahegebracht werden. Dass die kleinen Schätze Vitamin- und Mineralstoffbomben sind, sei nebenbei erwähnt. Also ran an die Büsche! Wer selbst pflückt, statt im Supermarkt zu kaufen, tankt übrigens dank Sonnelicht auch noch ordentlich Vitamin D.

Guter Heinrich, Brennnesseln und Spinat sind grüne Blattgemüse, die sich ähnlich zubereiten lassen. Erstere finden sich im nächsten Grünstreifen: Der gute Heinrich ist roh mit Öl und Würze mariniert der Hit, die Samen der Brennnesseln peppenjede Speise als Topping auf. Alle drei haben, es ist ihnen anzusehen, ziemlich viel Chlorophyll im Gepäck. Wieso noch gleich sieben Euro fürs gewöhnungsbedürftige Weizengraspulver?

Mit Leinsamen lassen sich verrückt-schleimige Konsistenzen à la Chia zubereiten, sie werden im Gegensatz zu letzterer allerdings auch in Europa angebaut. Ihre positiven Eigenschaften für den Darmtrakt sind lang erprobt, sie strotzen vor krebshemmenden Omega-3-Fettsäuren, und – sie erhöhen die Schleimfähigkeit nicht nur im Darm, sondern auch in der Muschi. Wenn das mal kein Superfood ist.

Gesunder Kram, der vor unserer Haustür wächst

Die Blüten von Löwenzahn, Gänseblümchen und Hibiskus machen Salate bunter und Desserts schick. Auch viele andere Blüten sind essbar und wachsen gleich um die Ecke. Wer die Blüten gleich isst, braucht keine Pollen mehr, die erst Bienen abgestaubt wurden und später neben Gelee Royal für ein kleines Vermögen ewige Schönheit versprechen.

Laut Werbung französischer Wasserproduzenten macht es schlank, schön und fit, täglich mindestens zwei Liter aus ihren Plastikflaschen zu trinken. Wasser aus der Leitung kann das auch – zumindest in Deutschland wird das regelmäßig durch Stiftung Warentest bestätigt. Wer es pimpen will, nutzt einen Wasserfilter, um es noch weicher und süßer zu machen. Der Hit: In diesem Superfood lässt sich baden!

Grünkohl, neudeutsch kale, strotzt vor Ballaststoffen und ist eines der Vitamin C-reichsten Lebensmittel überhaupt. Schon Oma kannte ihn mit Senf und Kassler, doch jetzt kommt das grüne Supergemüse, das in unseren Breitengraden leider bisher eher im Winter angebaut wird, auf einer neuen Trendwelle als Chips, Salat und im Smoothie wieder in die deutsche Küche. Wer einen Garten hat, kann das ganze Jahr lang Grünkohl haben.

Sauerkraut und Kimchi, Fermentiertes aus Deutschland und Fernost, ist nicht nur kulinarisch der Hit. Die Fermentationsbakterien sind gut für Verdauung und Wohlbefinden. Beides lässt sich aus heimischen Zutaten wie China- und Weißkohl, Karotten und Rettich recht einfach selbst herstellen und hält sich eine ganze Weile.

 

 

Dieser Artikel wurde in der dritten Ausgabe des transform Magazins gedruckt, welche du hier bestellen kannst. Ausgabe 2 & 3 im Kombipaket sind momentan 15% günstiger.

 

 

 

 

Titelbild: Pixabay CC0

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