Inbegriff des klassischen Luxus. ein schwerer Chronograph. Bild: Dominika Kowaslka für transform

Die Befreiung von der Sklaverei des Zwecks

Was wollen die Schönen und Reichen eigentlich mit all dem Prunk? Wir fragten einen Experten für Edles und Teures, der große Marken beim Verkauf berät. Der sagt: Ohne Luxus wäre alles Schöne bedeutungslos.

transform: Herr Sandvoss, eine Rolex Sky-Dweller in 18 Karat Gold kostet 44.400 Euro. Was treibt Menschen an, so viel für eine Uhr auszugeben?

Michael Sandvoss: Eine Rolex hat generell eine sehr hohe Qualität und Wertstabilität. Außerdem gelten Rolex-Uhren als sehr schön, begehrenswert und sind auch ein Statement, dass man es wirtschaftlich geschafft hat. Die meisten Menschen, die so viel oder mehr für eine Uhr ausgeben, sind vor allem von der Handwerkskunst begeistert. Der Wert einer solchen Uhr hält sich zudem oder steigt sogar — sie ist eine gute Investition, die über Generationen hinweg Freude bereitet.

transform: Komischerweise sehe ich überall 18-Jährige Rapper, die mir was von Gucci und Breitling erzählen. Warum träumen auch weniger reiche Leute von ultrateuren Luxusartikeln?

Das ist zuallererst eine andere Zielgruppe, die eher in den USA zu finden ist. Ich denke schon, dass Sie zum Teil auch viel Geld haben. Sie wollen ihren Aufstieg demonstrieren und sich von der Schicht abheben, aus der sie vermutlich gekommen sind. Hersteller haben dafür teilweise extra Produktreihen entwickelt. Zum Beispiel mit extra Diamanten. Menschen in unseren Gefilden gehen hier deutlich gediegener vor.

“Guck auf die Chain und jetzt guck auf die Uhr ”
– Unverhohlener Luxusrap aus Österreich. Hierzulande geht es ja dann doch gediegener zu.

transform: Aber das heißt ja wohl nicht, dass hierzulande Reiche ein vernünftiges Leben mit einer besonders hochwertigen Uhr leben? Wer sonst kauft Jachten, dicke Autos und sonstigen Protz?

Halt. Generell gibt es einen deutlichen Unterschied zwischen Luxus und Protz. Luxus taucht in verschiedenen Facetten auf und die Menschen, mit denen ich oft zu tun haben, lieben einfach außergewöhnliche, wertige Produkte mit top Design. Das ist der Kern des Luxus, von dem ich spreche: Da geht es um die Liebe zur Handwerkskunst, wie aufwändige Details, etwa ein sogenannter Tourbillon. Das ist eine Vorrichtung zur Aufhebung des Schwerpunkts der Uhr, um die Genauigkeit zu erhöhen.

transform: Aber Sie verstehen schon, dass viele Menschen sich diese Art von Luxus nicht leisten können, oder? Einige Menschen sind froh, wenn sie sich überhaupt eine Wohnung leisten können. Kommt der Unmut gegenüber dem Luxus, ganz gleich welchem Motiv der nun entspringt, nicht vor allem durch das extreme Ungleichgewicht in unserer Gesellschaft zustande?

Ja, das zunehmende Ungleichgewicht halte auch ich gesellschaftspolitisch für eine sehr große Herausforderung. Luxuriöse Produkte abzuschaffen, wäre jedoch ein großer Fehler. Schon Montesquieu (französischer Schriftsteller, Philosoph und Staatstheoretiker der Aufklärung, Anm. der Redaktion) hat gesagt: „Wenn die Reichen nicht reichlich ausgeben, werden die Armen des Hungers sterben.“ Es hängen extrem viele Arbeitsplätze an Luxusprodukten und die Menschen lieben ihre Arbeit. Wollen Sie denn all diesen Menschen die Arbeit wegnehmen? Bloß weil es sich nicht alle leisten können? Das macht aus meiner Sicht überhaupt keinen Sinn.

Und wenn wir den Reichtum umverteilen würden?

Wir leben in einer sozialen Marktwirtschaft mit sehr hoher Steuerbelastung und Sozialleistungen. Von Kommunismus halte ich nach all den historischen Erkenntnissen nichts. Ohne reiche Menschen gäbe es kaum noch jemanden, der sich extravagante Produkte kaufen könnte — ein großer Teil des Kunsthandwerks etwa im Uhren- und Schmuckbereich stünde auf dem Spiel.

Meinen Sie nicht, dass Sie da etwas übertreiben? Das Kunsthandwerk ist doch nicht nur im oberen Preissegment angesiedelt. Ich kenne viele Menschen, die sich liebend gerne handgefertigte, schöne Dinge leisten.

Ja, und was soll das anderes sein als Luxus, was ihre Freunde sich da kaufen? Das ist doch genau was ich meine: Die Lust am Schönen, vielleicht sogar etwas Unnötigen, das ist Luxus. Theodor Adorno (deutscher Philosoph, Soziologe und Komponist, Anm. der Redaktion) sagte einmal sinngemäß: „Luxus ist die Befreiung aus der Sklaverei des Zwecks.“

Es besteht also kein Unterschied zwischen ihrer Kundin mit der 40.000-Euro-Uhr und einem Anfang-30er, der sich ein Rennrad für 2.000 Euro kauft?

Im Prinzip leben beide ihre Träume, jeder auf seine Art. Ein Rennrad-Käufer hat verständlicherweise große Freude an so einem mechanischen Wunderwerk, genau wie der Liebhaber von mechanischen Uhren. Vermutlich werden beide ihre Luxusprodukte schätzen und pflegen und eine sehr lange Zeit nutzen. Damit handeln sie beide auch nachhaltig. Eventuell haben beide bereits Erfahrungen mit billigeren Produkten gemacht, die nach kurzer Zeit kaputtgehen und nichts mehr wert sind. Insofern ist Luxus die Antwort auf die Wegwerfgesellschaft.

Sie sagen also, Luxus ist kein Verbrechen, sondern genau das Gegenteil: Billige Waren sind die wahre Sünde?

Sie halten es wohl gern mit der christlichen Moral? Aber gut: Ja, ich halte „fast fashion“ von großen Modehäusern tatsächlich für problematischer als Luxusprodukte. Die Produkte halten nicht so lange und werden meist nach kurzer Zeit ersetzt, beziehungsweise weggeschmissen. Nachhaltigkeit hat aus meiner Sicht ihren Preis.

Viele Expertinnen und Experten sagen ja, dass die Ära des materiellen Luxus vorbeiginge: Die Zeit selbst wird wieder wertvoller und das, was wir mit ihr anstellen. Ist das mehr als nur ein kurzfristiger Trend?

Den Trend zum Immateriellen sehen wir ja schon lange und er wird sich verstärken. Junge Leute finden eine Anhäufung materieller Dinge einfach nicht mehr so sinnvoll. Laut einigen Experten hat die Konsumgesellschaft in der Dimension, wie wir sie heute kennen, ihren Zenit sogar überschritten. Wertvolle und nachhaltige Produkte werden aber ihren Stellenwert behaupten. Luxus heißt in unserer westlichen Gesellschaft für viele Menschen immer öfter, nicht mehr nur Dinge zu besitzen, sondern außergewöhnliche Erlebnisse zu erfahren. Studien sagen: Junge Menschen wollen zunehmend das Unberechenbare.

Glauben Sie, dass dieser Trend auch in Schwellenländern wie China ankommen wird oder werden dort noch viele Golduhren den Mekong runterfließen?

Den Menschen in China gelingt gerade der massenhafte Aufstieg in die Mittel- und Oberklasse. Aber diese Menschen lernen schnell, schneller als wir hierzulande annehmen. Ich sehe, dass der Wunsch, luxuriöse Erlebnisse zu erfahren, anstatt nur zu kaufen, auch dort ankommt. Luxusgüter werden auch zukünftig weltweit weiterhin gut verkauft — es gibt ja weitere Länder, deren Bevölkerung der wirtschaftliche Aufstieg gelingt.

Abschließende Frage: Führen Menschen mit den herkömmlichen Luxusgütern — also Uhren, Jachten, Villen — ein Gutes Leben?

Das ist eine Sache der Verhältnismäßigkeit. Mit anderen Worten: Ja, jemand, der seine Jacht liebt und sich ständig daran erfreut und sie auch nutzt, der hat womöglich ein schönes Leben. Ich habe dagegen noch niemanden gesehen, den der reine materielle Überfluss glücklicher gemacht hat. Der Mensch braucht vor allem soziale Bindungen und Sinn, und den findet er im Engagement für spannende Aufgaben, insbesondere für andere Menschen und in der Natur.


Weiterlesen

Michael Sandvosss
Blog von Luxusberater Michael Sandvoss →michaelsandvoss.de

Tückischer Goldstaub
Minenarbeiter in Südafrika verlangen Entschädigungsgelder für Lungenerkrankungen infolge der Arbeit in Goldminen. Frankfurter Allgemeine Zeitung, 31. Oktober 2011

Luxus-Umsätze
Steigen weltweit Jahr für Jahr | statista.com

Luxus-Boom in China
Der französische Luxushersteller Hermès macht im Reich der Mitte gute Geschäfte. Handelsblatt, 21. März 2018. | handelsblatt.com

Globales Ungleichgewicht
Interview mit US-Ökonom Jeffrey Sachs über die Verteilung des Wohlstandes. ZEIT Online, 21. März 2018. | ZEIT Online

Handeln

Gebrauchter Luxus: Gib Tausende Euro bei eBay für gebrauchte Luxusuhren aus.| ebay.de

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Illustration: Dominika Kowalska


transform Ausgabe 5

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