Werkbank, Hobbykeller, Latzhose: Klischees über Männer mit Werkzeug sind zwar manchmal etwas schrullig, aber liebevoll. Die Frau am Bau hingegen löst Unbehagen aus. Dabei hat niemand in Stein gemeißelt, dass Männer bauen und Frauen darüber staunen müssen. Unsere Gastautorin plädiert dafür, den Hammer selbst in die Hand zu nehmen.

Männer mit Werkzeug haben mich schon immer fasziniert. Auf mich wirkt ein Mensch direkt kompetent, wenn er einen Zollstock in der Hosentasche trägt. Besser noch, wenn er eine Hose trägt, in der passende Taschen für Zollstöcke vorgesehen sind, nebst Zangen, Hammern und Spachteln.

Meine Großeltern hatten ein kleines Bauunternehmen, ich bin es gewohnt, dass auf knall organgefarbenen Zollstöcken mein Nachname steht. Als Kinder durften meine Brüder und ich manchmal mit dem Laster mitfahren, ins Baulager. Baustellengeruch, unerlaubtes Gerüsteklettern, und Werkzeuge, Werkzeuge, Werkzeuge.

Als ich sieben war, haben wir im Garten einen Holzgeräteschuppen gebaut. Manchmal durfte ich mit dem Akkuschrauber schrauben, obwohl mein anderer Opa davon nicht sehr begeistert war. Irgendwas war da nicht ganz richtig, mit dem Werkzeug und mir.

Mädchen mit Akkuschrauber, was stimmt daran eigentlich nicht?

Zwanzig Jahre später frage ich mich, wann genau das angefangen hat: Mädchen basteln, Jungen werkeln. Jungen bauen, Mädchen verzieren. Die Substanz und das Dekorative, das Große, Grobe, und das Kleine, Feine.

In der Zwischenzeit haben wir alles mögliche gebaut: Bögen, Pfeile, Armbrüste, Baumhäuser. In ordentlicher Geschwisteranarchie und ohne Geschlechterbedenken. Aber irgendwann hat das Geschlechtergespenst es geschafft, Einzug in mein Leben zu finden, genauer gesagt, in meinen Körper.

Es hat sich dort festgesetzt, als dröhnendes Gefühl von Unsicherheit. Als wäre etwas daran anmaßend, den Hammer in die Hand zu nehmen, als Mädchen. Es ist schon möglich, mit Geschlechterklischees zu brechen, aber dann sollte man es eben auch können. Den Hammer in die Hand nehmen und krumme Nägel schlagen, das ist einfach nur peinlich.

Vor lauter Angst, womöglich schlecht darin zu sein, habe ich den Bezug zum Hammer verloren. Die Bohrmaschine den Männern überlassen. Dabei ist und bleibt es doch die Bohrmaschine.

Attraktivität hat für mich nichts Allgemeines. Ich finde immer diejenigen attraktiv, die etwas können oder sind, was ich auch gern könnte oder wär. Ein Mann mit Werkzeug müsste man sein, denke ich mir oft. Nichts könnte einen verunsichern, keine lose Gardinenstange, kein tropfender Wasserhahn, keine Schulklasse, kein Hörsaal und besonders keine Alieninvasion. Wie schön muss es sein, durch die Welt zu gehen und zu denken, kein Problem, ich kann das, ich habe einen Hammer dabei.

Inzwischen kenne ich erstaunlich viele Männer, die keine Elektromechaniker sind und sich vor hinabstürzenden Gardinenstangen fürchten. Und ich kenne Frauen, die lässig den Phasenprüfer aus der Hosentasche ziehen und die Bürolampe neu verkabeln.

Sind Männer handwerklich tatsächlich geschickter als Frauen?

Nur sind beide auf den ersten Blick nicht erkennbar: denn ist etwas zu reparieren, schauen sich weiterhin erstaunlich viele Menschen nach Anzeichen eines Mannes um. Aber sind Männer tatsächlich handwerklich geschickter als Frauen? Damit wird das hektische Umschauen nach Männlichkeit schließlich gerechtfertigt.

Ich denke, das liegt an genau einer Sache, und das ist Mut zur Übung. Aus einem handwerklich mäßig geschickten Mann wird im Laufe der Jahre ein geschickter; aus einer handwerklich mäßig geschickten Frau wird eine ungeschickte.

Seien wir kurz ehrlich: sind nicht die meisten von uns eher mittelmäßig geschickt? Geschlechterrollen sind in diesem Sinne selbsterfüllende Prophezeiungen: Wenn mir der Hammer höchstens widerwillig und mit einem skeptischen Blick in die Hand gegeben wird, werde ich selbst auch unsicher, ob ich das wohl kann.

Und wenn andererseits von mir erwartet wird, den Hammer selbstbewusst und bei jeder sich bietenden Gelegenheit zu schwingen, traue ich mir das selbst auch eher zu. Oder verberge zumindest, wenn ich mir das eigentlich nicht zutraue, und lerne es mit der Zeit.

Das Geschlechterklischee behauptet, dass Männer stark sind und Frauen hilfsbedürftig.

Nun handelt es sich bei dieser Aufteilung aber nicht um eine rein pragmatische Form effizienter Arbeitsteilung. Das Geschlechterklischee, das dabei erfüllt wird, behauptet, dass Männer stark sind und Frauen hilfsbedürftig. Es geht also nicht nur darum, wer den Hammer hält, sondern darum, wer sich wie selbstbewusst in der Welt bewegen kann.

Geschlechterrollen aufbrechen

Ich träume von einer Welt, in der Menschen tun und lassen können, was sie wollen, unabhängig davon, ob das nun der Geschlechterrolle entspricht, die ihnen zugeschrieben wird. Das ist leider nicht die Welt ist, in der ich lebe.

Vielmehr befinden wir uns alle mitten drin, die Prophezeiungen unserer Geschlechter zu erfüllen oder sie zu durchqueren. Zu queeren, zu hinterfragen. Das ist, meine ich, eine sehr praktische Angelegenheit: Wie bewege ich mich im Raum, wo traue ich mich hin, wo und womit fühle ich mich wohl.

Anti-sexistische Praxis kann daher auch bedeuten, den Hammer denen zu überlassen, die weniger Übung mit ihm haben, und ihnen – oder sich selbst – Zeit und Freude daran zuzugestehen, gehörig daneben zu hauen. Mut zur Übung, öfter mal nicht vom Geschlecht her zu urteilen. Stattdessen mal nachfragen, wer gern den Hammer in der Hand hätte.

Geschlechterrollen helfen vielen Menschen, sich in der Welt zurechtzufinden, sich und andere einzuschätzen, manchmal einfach nicht nachdenken zu müssen – zum Beispiel bei der Frage, wen ich bitte, meine Gardinenstange zu reparieren.

Das sind legitime Bedürfnisse. Problematisch wird es, wenn das eigene Bedürfnis nach Orientierung so weit geht, nicht aushalten zu können oder zu wollen, dass nicht alle Menschen eindeutig männlich oder weiblich sind und/oder sein wollen. Oder dass Menschen eindeutig männlich oder weiblich sind und sein wollen, und trotzdem ihr Leben nicht an Geschlechterklischees entlang leben.

Mut zur Übung gilt also nicht nur für Werkzeuge, sondern auch dafür, Menschen nicht immer sofort in „Mann“ oder „Frau“ einzuteilen. Erstens, weil es richtig ist, Menschen ihr Geschlecht selbst definieren zu lassen.

Und zweitens: Das Geschlecht, das ich anderen anzusehen meine, teilt mir sowieso nicht mit, ob eine Person meine Waschmaschine reparieren kann. Kleiner Bonustipp: Mut zur Übung lässt sich wunderbar auf alles anwenden, dass ich mir nicht gönne, zu tun. Weil ich Angst habe, schlecht darin zu sein. Beziehungen zu führen zum Beispiel. Kraulen oder Pizzateig selber machen.

Die Einteilung von Menschen und ihren Fähigkeiten nach Geschlecht ist eine mögliche, aber langweilige. Sie ist unpräzise und nimmt Menschen in ihren Leidenschaften und Möglichkeiten nicht ernst. Es gibt genug Werkzeug, für viele Geschlechter. Und hoffentlich irgendwann: Unabhängig von Geschlecht. Einfach nur Hammer.


Sina Holst ist Autorin und Herausgeberin bei The Irksome Institute in Berlin. [Foto: Eva Busch]“

 

 

 

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