Die letzten zwei Jahre gab es eine Zuwanderung an Menschen die aus ihren Heimatländern nach Europa und Deutschland flüchten mussten. Seither wetteifern in Talkshows und sozialen Medien Fürsprecher, Widersacher, links-grünversiffte Gutmenschen, rechte Wutbürger, Stammtischexperten, Politiker und die Normalos, die auch gern mal was sagen würden um des Problems Lösung.

Die Debatte

Was machen mit so vielen Menschen, aus einem anderen Land, mit anderer Kultur und Sozialisation? Der Diskurs wird beherrscht von regen Debatten über Obergrenzen, Sicherheitsprobleme, Macho-Muslim-Kultur, Kopftuchaversionen, Terrorprophezeihungen, und der Verrohung unserer „christlich abendländischen Kultur“.

Wenn man genau hinhört und dabei unwahrscheinliches Glück hat, erhascht man in mitten des Expertengebrülls das Wörtchen mit I, um das es sinnvollerweise gehen sollte. Nein nicht Islamisierung, sondern das andere Wort: INTEGRATION. Bis man ernüchtert feststellt, dass eigentlich keiner so genau weiß was das bedeutet.

Integration – ein Wort mit vielen Facetten

So einige Fallstricke und Tücken hält dieses Wort nämlich bereit. Da gibt es die, die Integration so inflationär benutzen wie Til Schweiger Satzeichen, aber nicht so recht wissen was es dafür alles braucht. Immerhin hört es sich aber weltoffen an. Auf der anderen Seite stehen die Überambitionierten. Die, die genau wissen wie der Hase läuft und Integration mit Assimilation, also vollständiger Anpassung gleichsetzen.

Knapp daneben ist auch vorbei! Es ist Zeit sich der Wahrheit und Bedeutung des Wortes zu stellen: Integration ist ein Prozess, zeitintensiv, arbeitsintensiv und unbequem (sorry!) – und sie erfordert das Entgegenkommen von beiden Seiten (doppelt sorry!).

Komfortzone – wirklich immer viel bequemer?!

Denjenigen, die jetzt argumentieren, sich das nicht ausgesucht zu haben und mit „Massen“-Zuwanderung nicht einverstanden zu sein, muss emotionslos entgegnet werden: Ich habe mir den frechen Kurzhaarschnitt in der dritten Klasse auch nicht ausgesucht. Die Geflüchteten sind nun mal da und so hart es klingt: Deal with it! Denn das, was den Menschen Angst macht passiert genau dann, wenn sie sich nicht kümmern und sich aus der Verantwortung ziehen. Wie der Sozialforscher Jürgen Leibold dazu treffend feststellt: Wenn Minderheiten von der Mehrheitsgesellschaft Ablehnung erfahren, ziehen sie sich zurück und es entstehen Parallelgesellschaften und Isolation – das Zusammenleben erschwert sich.

Die gute Nachricht

Es gibt die, die sich der Integrationsarbeit annehmen. Die, wie man in meiner Heimat sagt: Ned schwätze, sondern einfach mache! Die NGO Netzwerk Konkrete Solidarität e.V., mit Sitz in Frankfurt a. M. hilft geflüchteten Menschen mit dem Projekt Teachers on the Road, so schnell wie möglich die deutsche Sprache zu lernen. Damit wollen sie die gesellschaftliche Teilhabe der Menschen fördern. In 16 Städten geben Menschen jeden Alters ehrenamtlich Deutschunterricht.

Mit dem Projekt Workeer wird Geflüchteten der Einstieg in das Berufsleben erleichtert. Branchenübergreifend bietet die Jobplattform Arbeitgebern und Geflüchteten die Möglichkeit für den unkomplizierten Austausch und Kontakt. Gegründet 2013, als Abschlussprojekt an der HTW Berlin von David Jacob und Phillip Kühn, wächst Workeer seitdem stetig.

Auch bei vielen Unternehmen ist bereits angekommen, dass Zuwanderung unserer Gesellschaft nicht nur Probleme bringt, sondern Chancen bietet. Chancen auf produktive Fachkräfte, die dabei helfen Deutschland an der Spitze der Industrienationen zu halten.

So fertigt das Karlsruher Startup Get Lazy mit Schneiderfachkräften aus Syrien nachhaltige Mode in Deutschland, der Automobilkonzern Porsche qualifiziert mit einem Nachwuchsprogramm junge Geflüchtete für den Einstieg in den Arbeitsmarkt und auch das Schwarzwälder Traditionsunternehmen Burger unterstützt Neuankömmlinge mit der Bereitstellung von Arbeitsplätzen, hilft bei Behördengängen und vermittelt Wohnunterkünfte.

Diese Unternehmen und viele andere haben erkannt: Wir müssen Integration sinnvoll mit unseren eigenen Problemen verknüpfen. So gewinnen beide Seiten einen Mehrwert. Aus der Not an Fachkräftemangel und der schwindenden Bereitschaft junger Menschen in Deutschland, anstelle eines Studiums lieber eine Ausbildung zu beginnen, wird eine Tugend gemacht.

Lessons learned

Wir sehen Integration findet auf vielen Ebenen statt. Was alle gemeinsam haben: Integration egal, ob durch Sprache, Arbeitsplatzvermittlung oder durch die Hilfe, um durch den Behördendschungel zu gelangen, muss erlebbar gemacht werden und ist als etwas Sinnvolles und Nützliches zu verstehen. Wenn man Integration so lebt wird unsere Gesellschaft langfristig handlungsfähiger und das Zusammenleben kann gelingen.

Als Fazit bleibt zu sagen: Integration ist Arbeit, erfordert Mut aus der eigenen Wohlfühlzone auszubrechen und geht nicht von heute auf morgen. Ein Perspektivenwechsel könnte uns helfen die Diskussion entspannter anzugehen. Fragen wir uns doch mal: Was würde uns in einem fremden Land, dessen Sprache wir erst lernen müssen, helfen um anzukommen?

 

 

Zum Weiterlesen –
Abschottung von Muslimen durch generalisierte Islamkritik?
Von Jürgen Leibold, Steffen Kühnel und Wilhelm Heitmeyer
Ich brauche keine Integration, ich habe eine Satellitenschüssel
Von Yahya Alaous
Warum ich im Ausland immer mit Deutschen rumhänge
Von Johanna Bouchannafa

 

Unsere Gastautorin Luisa Cimmino arbeitet selbst für eines der erwähnten Unternehmen und kann sich ihre Frisur heute selbst aussuchen.

Illustration: Chiara Marquart-Tabel schreibt Texte über allerlei bisweilen zu kurz gekommenes und versucht gerade in Berlin Fuß zu fassen. Dabei füllt sie ihr Skizzenbuch mit Mensch gewordenem Unfug und Mixxern.
[Instagram]

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