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Verteufeln wir die Untätigkeit zu Unrecht? Hat der süße Schlummer, das ausgedehnte Frühstück am Mittag und das Herumlungern im Park – also die Verweigerung jeglicher Produktivität – nicht etwas unglaublich Erfüllendes?

Gerade eben wieder sah ich es in der Zeitung: „Macht Geld faul?“  und sogleich kamen Sätze wie die vom ehemaligen Kanzler Schröder zurück in meinen Kopf:

„Es gibt kein Recht auf Faulheit.“

– Gerhard Schröder

Der Vorantreiber wachstumsfördernder Reformen erkannte eine scheinbar einfache Formel: nur durch Arbeit kommen wir als Gesellschaft voran und jegliche Sicherheiten, ja – Geld, machen nur faul und damit unproduktiv. Wie bekannt, folgte mit Hartz IV ein beispielloser Abbau sozialer Absicherungen und der weitere Aufstieg der Wirtschaftsmacht Deutschland. Schröder widersprach mit seiner Aussage nur wenigen, denn ganz und gar nicht vielen wird wohl in Erinnerung geblieben sein, dass der Franzose Paul Lafargue im Jahr 1880 eine Schrift mit dem Titel „Le droit à la paresse“ aufsetzte. Zu Deutsch: Das Recht auf Faulheit.

Lagargue_1871

Ein Buch, das lange im Giftschrank der Kommunisten stand und auch in der westlichen Welt vor allem von Hippies konsumiert wurde – barg es doch die Gefahr der „Untergrabung der Arbeitsmoral„. Immerhin auch eine Bedrohung für die ganz eigene wirtschaftliche Existenz.

Aber was ist denn eigentlich so schlecht daran, am Nichtstun? Sind wir geboren, um produktiv zu sein? Müssen wir etwas schaffen? Sind wir von Geburt an schuldig?

Dabei gibt es zahllose Wesen um uns herum, die das offensichtlich ganz anders sehen. Oder würde jemand ernsthaft vermuten, dass Katzen unglücklich sind, nur weil sie in der Regel 14 Stunden am Tag schlafen und ihr Morgenritual an Stelle der Planung von Tagesaktivitäten daraus besteht, sich genüsslich abzuschlecken? Was tut der Baum den ganzen Tag, außer zu wachsen und Sauerstoff zu produzieren? Ist es vielleicht unsere Unsicherheit über den Sinn der eigenen Existenz, wenn all die Wesen und Pflanzen um uns herum einen so Offensichtlichen haben?

Vergessen wird dabei gerne, dass wir öfter absolut nichts tun, als wir denken mögen. Es ist wohl Teil unserer Natur. Wir schieben Entscheidungen auf, obwohl es uns schadet. Wer hat nicht schon einmal den Brief vom Finanzamt liegen lassen – ganz im Wissen, dass Gebühren für unsere schuldhafte Faulheit anfallen werden – und das sogar ein wenig genossen haben? Oder eine Eigenschaft an sich eben nicht geändert, obwohl sie im sozialen Umfeld Schaden verursacht?

Und wer hatte nicht schon einmal eine großartige Idee unter der Dusche?

 

Kann Inaktivität in manchen Fällen die höchste Form der Aktivität sein?

Es gibt Wissenschaftler, die das untersuchen. So zum Beispiel Professorin Helga Drummond vom britischen Gesham College. In ihrem fast einstündigen Vortrag werden verschiedene Formen of doing nothing etwas näher beleuchtet. Die zeitgenössisch wie bekannte Form der Prokastination ist dabei genauso zum Thema wie die Bevorzugung des status quo, das Aufschieben und: das gefürchtete Verleugnen, dass etwas kaputt ist.

Man könnte meinen, wir haben ein bisschen Angst vor der Langeweile. Denn sie könnte einige von unseren tiefsten Widersprüchen offenlegen.

 

 

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