Das Ende der Ausbeutung

Hast du ein schlechtes Gewissen, wenn du Avocados kaufst? Oder einen neuen Laptop? Eine Gruppe von AktivistInnen hat jetzt ein Buch gegen dieses schlechte Gewissen veröffentlicht. Ihre These: Wir müssen nicht auf Kosten anderer leben.

Wie will ich eigentlich leben? Das ist die große Frage der Generation Y, also der Menschen, die zwischen 1980 und 1990 geboren sind. Es ist eine Frage, die vor Privilegien strotzt. Nur, wer sich nicht um seine Grundbedürfnisse sorgen braucht, kann sich überhaupt jahrelang den Kopf darüber zerbrechen, was er lernen, wie er lieben und wo er leben will. Doch womöglich neigt sich die Ära dieser Frage gerade ihrem Ende zu. Für die Jugendlichen, die in den letzten Wochen jeden Freitag die Schule geschwänzt haben, um für einen konsequenten Klimaschutz zu streiken, sind plötzlich andere Fragen wichtiger: Wie kann ich umweltfreundlich leben? Was muss politisch geschehen, damit wir in Deutschland die selbst gesetzten Klimaschutzziele erreichen?


„Wir müssen lernen, nicht länger das Ende der Welt vor Augen zu haben, sondern das Ende der imperialen Lebensweise“

ILA Kollektiv

Die Generation Z, also die heute um die Zwanzig sind, wird es sich nicht mehr leisten können, dass alle die Frage nach dem Guten Leben individuell und auf sich selbst bezogen beantworten. Zu unsicher ist ihre Zukunft. Doch immerhin gab es in den vorherigen Generationen ein paar Menschen, die sich bereits Gedanken darüber gemacht haben, wie jede Einzelne leben muss, damit es allen gut geht. In diese Tradition reihen sich die AutorInnen des Buches “Das Gute Leben für Alle – Wege in die solidarische Lebensweise” ein.

Zwei Jahre haben sie an dem Buch gearbeitet – das Kollektiv „Imperiale Lebensweise und solidarische Alternativen“.

„Wir müssen lernen, nicht länger das Ende der Welt vor Augen zu haben, sondern das Ende der imperialen Lebensweise“, schreiben die 19 WissenschaftlerInnen und AktivistInnen – alle aus der Generation Y –, die zwei Jahre an dem Buch gearbeitet haben. Gemeinsam bilden sie das I.L.A. Kollektiv; die Abkürzung I.L.A. steht für „Imperiale Lebensweise und solidarische Alternativen“.

Imperiale Lebensweise – was ist das überhaupt?

Der Begriff “imperiale Lebensweise” kommt von den zwei Wiener Politikwissenschaftlern Ulrich Brand und Markus Wissen. Im Kern versuchen sie damit zu beschreiben, dass die globale Ober- und Mittelschicht auf Kosten anderer Menschen sowie zukünftiger Generationen lebt. Ihre These: Der Imperialismus der Kolonialzeit setzt sich bis heute fort.

Das sorge weltweit für soziale Ungerechtigkeit und Umweltzerstörung. Das I.L.A Kollektiv hat bereits 2017 ein Buch veröffentlicht, in dem es argumentiert, dass die imperiale Lebensweise nicht weiter fortbestehen sollte. In dem aktuellen Buch wendet es sich nun der Alternative zu – einer solidarischen Lebensweise. Sie soll es allen Menschen ermöglichen, ihre Bedürfnisse zu verwirklichen ohne dabei anderen oder der Umwelt zu schaden. Und die AutorInnen meinen: Das geht schon heute.

“Super!”, könnte man denken. “Sagt mir, wie, und ich machs.” Ganz so einfach ist es leider nicht. Das Buch ist keine Anleitung für den solidarischen Alltag á la “werde Mitglied in Verein X, kaufe nur noch Y und übe Dich in Z”. Es bleibt auf einer gesellschaftlichen und eher abstrakten Ebene. So stellen die AutorInnen fünf Prinzipien vor, die wie eine Art Leitplanke dafür sorgen sollen, dass man nicht vom Weg in die solidarische Lebensweise abkommen kann.

Demokratisierung, Commoning, Reproduktion, Dependenz und Suffizienz – das sind die fünf Prinzipien. Aber keine Sorge, die sperrigen Fremdwörter werden alle erklärt. Vereinfacht gesagt sollen alle alles mitentscheiden, Eigentum teilen, sich um Beziehungen kümmern, miteinander und mit der Umwelt verbunden fühlen und wissen, wann genug ist.

Wie kann eine solidarische Lebensweise gelingen? Die Autoren stellen fünf Prinzipien vor. Illustration:
Katharina Roth
Wie kann eine solidarische Lebensweise gelingen? Die Autoren stellen fünf Prinzipien vor. Illustration: Katharina Rot

Ein großer Teil des Buches besteht darin, diese Prinzipien auf verschiedene Lebensbereiche anzuwenden und anhand von konkreten Beispielen zu zeigen, wo eine solidarische Lebensweise bereits heute existiert. In nachbarschaftlichen Pflegediensten, auf Fahrrad-Schnellstraßen, in Tauschläden oder genossenschaftlicher Energieversorgung – die Liste der Beispiele ist lang. Sie vermittelt das Gefühl, dass die AutorInnen recht haben könnten. Dass ein Gutes Leben für Alle schon heute möglich ist. Fragt sich nur, warum wir dann immer noch auf Kosten anderer leben.

Warum fällt es uns so schwer, unser Leben zu ändern?

Die meisten Menschen, die Avocados aus Chile kaufen, bei Primark shoppen oder für ein Wochenend-Trip nach Budapest fliegen, wissen, dass ihr Verhalten negative Konsequenzen hat. Darin besteht ja auch der große Vorwurf der streikenden SchülerInnen: “Ihr wisst seit Jahrzehnten Bescheid, aber ihr handelt nicht!”. Warum ist das so?

Die imperiale Lebensweise schaffe es immer wieder, sich Gegenentwürfe zu eigen zu machen, sagt das I.L.A. Kollektiv. Ideen von Bewegungen, die fundamentale Änderungen anstreben, werden von Unternehmen aufgegriffen und kommerzialisiert. Das war zum Beispiel bei Airbnb der Fall. Die Idee, dass Leute ihren privaten Wohnraum mit temporären Gäste teilen, gab es schon vorher auf Couchsurfing. Airbnb hat daraus ein Geschäftsmodell gemacht und sorgt in Städten wie Barcelona und Berlin für noch knapperen Wohnraum.

Ein weiterer Grund, warum die imperiale Lebensweise so schwer zu überwinden ist, sind den AutorInnen zufolge Scheinlösungen wie die E-Mobilität: „Das Elektroauto ist das Zweitauto, das man sich vorher nicht angeschafft hätte“, es helfe also nicht, Umweltschäden zu reduzieren, sondern verursache ein Mehr an Ressourcen.

Solidarische Alternativen sind wichtig, aber sie reichen nicht aus.
Illustration: Katharina Roth
Solidarische Alternativen sind wichtig, aber sie reichen nicht aus. Illustration: Katharina Rot

Was könnte man der alles einnehmenden imperialen Lebensweise also entgegensetzen? Nischenprojekte, also so etwas wie der Tauschladen um die Ecke, sind nicht genug, sagen die AutorInnen: „Es reicht meist nicht, kleine und große solidarische Alternativen aufzubauen und auszuweiten, denn sie laufen Gefahr, kapitalistisch vereinnahmt zu werden. Es geht auch darum, die erkämpften Fortschritte so abzusichern, dass sie nicht so einfach zurückgenommen werden können.“

Dafür sei es nötig, politische Rahmenbedingungen wie Gesetze zu verändern. Das Bedingungslose Grundeinkommen, das alle Menschen sozial absichert, halten die AutorInnen für einen guten Anfang. Ein günstiges Bahnsystem und die Subventionen für Genossenschaften sind andere Maßnahmen, die dem Kollektiv zufolge “schon im heutigen System leicht umgesetzt werden könnten”. Bei der Frage, wie man es schafft, entsprechende Gesetze auf den Weg zu bringen, fallen die AutorInnen allerdings wieder zurück auf das bereits Bekannte: Nischenprojekte, die aufzeigen, dass es geht und soziale Bewegungen, die Druck ausüben.

An dieser Stelle zeigt sich, warum es so schwierig ist, all die Ideen für eine solidarische Lebensweise umzusetzen. Es fehlt schlicht an Masse. Und Macht. Die AutorInnen erleben das Dilemma auch in ihrem eigenen Alltag. Sie schaffen es nicht, ihre eigenen Visionen hundertprozentig umzusetzen, sondern stecken selbst fest zwischen dem Status Quo und gelebten Alternativen. Einer der Autoren, Tobi Rosswog, kommt größtenteils ohne Geld aus. Er ist das Extrembeispiel. Die anderen arbeiten für Regierungs- und Nichtregierungsorganisationen oder promovieren an Forschungsinstituten, und sind nebenher aktiv in sozialen oder ökologischen Bewegungen.

Jede auf ihrem Weg

Am Ende des Buches geben die AutorInnen den Tipp, mit Veränderungen im eigenen Umfeld zu beginnen. Angelehnt an die sogenannten Frontline-Communities aus der nordamerikanischen Klimagerechtigkeits-Bewegung, soll man sich mit Nachbarinnen oder Arbeitskollegen zusammenschließen und an der “eigenen Front” anfangen, zum Beispiel indem man eine Stadtteilinitiative gründet und für bessere Fahrradwege wirbt.

Eine konkretere Anleitung gibt das I.L.A. Kollektiv nicht. „Wir wollen vermeiden, uns über den richtigen Weg zu streiten“, sagt Autorin Wiebke Thomas dazu. „Sondern lieber Bündnisse schließen.“

Wie realistisch es ist, dass solche Bündnisse große Veränderungen in Gang setzen, hängt maßgeblich davon ab, wie viele Menschen sich ihnen anschließen werden. Das Buch kann einen Beitrag dazu leisten, Menschen zu motivieren. Es enthält viele Ideen und Anregungen, wie man aktiv werden kann. Auf fast jeder Seite stehen in einer extra Spalte Links zu Projekten und Initiativen. Und die zahlreichen bunten Illustrationen von Katharina Rot versprühen eine positive Grundstimmung.

Auf die Spiegel-Bestseller-Liste wird es das Buch wohl kaum schaffen. Aber es gibt einen Ort, an dem die Einführung in das Konzept des Guten Lebens für Alle gerade gut gebraucht werden könnte: an Schulen. Als Argumentationshilfe für die streikenden Jugendlichen und als Ideenkiste für motivierte LehrerInnen.


Illustration: Katharina Rot

Text: Leonie Sontheimer wurde an der Deutschen Journalistenschule ausgebildet und arbeitet für verschiedene Medien. Ihre Schwerpunkte sind Degrowth und Digitalisierung. Privat rettet sie Lebensmittel und versucht seit Ewigkeiten, Programmieren zu lernen. www.collectext.de/leonie-sontheimer

Transparenzhinweis: Die Autorin hat im Rahmen eines Auftrages des Unternehmens Engagement Global ein Gutachten über das hier besprochene Buch geschrieben. Einige Textstellen sind aus dem Gutachten übernommen.

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