„Warum bist du immer bei Max?“, fragen mich die Kinder auf dem Schulhof. „Ich bin seine Schulbegleiterin“, antworte ich. Eine Antwort, die nichts so richtig erklärt, denn nicht nur die meisten Kinder auf dem Schulhof wissen nicht, was das ist, sondern auch sehr viele Erwachsene. Seit September 2016 arbeite ich als Schulbegleiterin in Hamburg. Ich gehe 20 Stunden in der Woche zu einer Grundschule und begleite dort zwei Kinder in ihrem Schulalltag. Projektwoche, Mathearbeit, Pausen, Mittagsessen, Deutschdiktat – ich bin dabei.

Ab jetzt inklusiv

Dass das so ist, geht auf die UN-Konvention über die Rechte von Menschen mit Behinderung von 2007 zurück. Die Bundesregierung unterzeichnete diese Konvention und verpflichtete sich damit, die Teilhabe am gesellschaftlichen Leben in Deutschland für Menschen mit Behinderung zu ermöglichen. Zu dieser Konvention zählte auch der Artikel 24, in dem die Vertragsstaaten „ein integratives Bildungssystem auf allen Ebenen und lebenslanges Lernen“ garantieren. Weiter heißt es, dass Kinder „nicht aufgrund von Behinderung vom unentgeltlichen und obligatorischen Grundschulunterricht oder vom Besuch weiterführender Schulen ausgeschlossen werden“ dürfen (Artikel 24, Abs.2 a). Unter Behinderung fallen dabei nicht nur körperliche Einschränkungen sondern zum Beispiel auch psychosoziale Entwicklungsstörungen.

Mit dem Beschluss, allen Kindern gleiche Bildungschancen zu garantieren, hat man jedoch nur ein Zeichen gesetzt. Die Umsetzung von Symbolik in Praxis ist viel komplizierter und kostspieliger als viele es sich vorgestellt haben. Eine Leitidee ist, dass die Regelschulen ein Ort für alle Kinder sein sollen, die mit und ohne Lernbehinderung. Damit die Schulen und Lehrer mit dieser Aufgabe nicht völlig allein gelassen werden, gibt es unter anderem Menschen wie mich und meine Kollegen.

Auf dem Weg zum wandelnden Stimmungsbarometer

„Passt du auf Max auf?“, fragen die Kinder auch oft. „Nein, ich bin kein Wachhund!“, antworte ich. Max geht ab und zu auf andere Kinder los, wenn der Frust zu groß ist und raus muss. Streit, Prügelei, Schimpfen, Beleidigen, Beruhigen, Versöhnen – ich bin dabei.

Ich versuche es eigentlich, es gar nicht erst soweit kommen zu lassen. Nach einigen Monaten an Max‘ Seite und ein paar durchgestandenen Krisensituationen wie einer Prügelei, fühle ich mich wie ein Stimmungsbarometer für den Jungen. Ich kriege mit, wie er eine schlechte Bewertung oder einen Spruch von einem Mitschüler wegsteckt und kann präventiv handeln, wenn ich merke, dass die Stimmung kippt.

Auf dem Weg zu diesem Wissen musste ich erstmal eine vertrauensvolle Beziehung zu Max aufbauen. Zusammen spielen, mal das Pausenbrot teilen und dann in einer Krise nicht weggehen und schimpfen, sondern dran bleiben und ihm Beleidigungen nicht übel oder persönlich nehmen – das waren meine Werkzeuge.

Wenn es nicht klappt, Vertrauen aufzubauen, hat man schlechte Karten.

Ich musste Max kennen lernen, wie er ist an guten und an schlechten Tagen, und er musste mich kennen lernen. Wo sind die Grenzen? Was macht zusammen Spaß? Diese Fragen zu klären nahm gut und gerne drei Monate in Anspruch. Und auch Max hat sich erstmal gefragt, warum ich ständig neben ihm sitze und in der Pause bei ihm bin. Dass es Probleme in der Schule gibt, war ihm natürlich klar, aber welche Rolle ich nun dabei spielen sollte, nicht.

Anwältin für das Kind

Eine der wichtigsten Lektionen in diesem Kennlern-Prozess war es, dass ich nicht der verlängerte Arm der Lehrer bin. Das mussten auch die Lehrer lernen. Ich bin nicht da, um Bestrafungen der Lehrer auszuführen oder schnell zum Kopierer zu rennen. Ich bin für Max da und das was er braucht. Den anderen gegenüber bin ich sein Anwalt. Besonders für die Erwachsenen ist das manchmal schwer, denn wenn die Klasse unruhig ist, wäre es als Lehrer wirklich praktisch sich einfach verdoppeln zu können.

Und auch das Amt oder die Schulleitung, die meine Stelle beantragen und finanzieren, stören sich manchmal daran, dass ich nicht einfach nur neben Max laufe und sein verantwortungsvoller Schatten bin. Zu seinen Interessen gehört vielleicht, einen anderen Sitzplatz in der Klasse zu haben oder trotz des Streits mit der Lehrerin zum Schwimmen mitgenommen zu werden, um den Streit zu deeskalieren. Es wäre einfacher, wenn ich bei Bilanzierungsgesprächen oder schulorganisatorischen Dingen nicht auch noch eine Meinung hätte. Inklusive Beschulung heißt jedoch, dass Max im System teilnehmen kann und sich das System auf seine Bedürfnisse einstellt. Ich kann seine Bedürfnisse erkennen, formulieren und die Brücke schlagen zwischen ihm und „den Anderen“. Wäre ich Teil der Schule, beispielsweise als Erzieherin, hätte ich diese Art von Unabhängigkeit und Nahbarkeit nicht. Es ist ungemein wichtig, dass die Schulleitung mir nicht vorgesetzt ist. Denn nur so gehöre ich nicht zu dem System, in dem Max solche Probleme hat.

Die andere Seite

Teil des Systems sind natürlich auch immer die Eltern. Manche Eltern sind sehr schwer zu erreichen und wollen keine Intervention von außen. Andere Eltern sind froh, dass sie nicht alleine mit der Schule verhandeln müssen. Lehrer, Eltern und Kind haben Erwartungen und Wünsche, oft ist es am einfachsten die Wünsche des Kindes zu verstehen. Die Arbeit mit den Kindern ist herausfordernd und besonders in der Kennlern-Phase intensiv. Anstrengender ist jedoch die Arbeit am anderen Ende der Brücke. Wenn die Lehrer etwas anderes von mir erwarten, als ich leiste, ist es meine Aufgabe diesen Konflikt zu klären. Das lenkt ab und stresst. Wenn die Eltern ihr Vertrauen in meine guten Absichten verlieren, erfahre ich plötzlich nichts mehr über Situationen abseits der Schule, die sich aber vielleicht in der Schule entladen.

Der Stand zwischen den Stühlen ist die größte Herausforderung eines Schulbegleiters.

„Also was machst du denn jetzt?“, fragen die Kinder, die sich nicht durch einfache Antworten abspeisen lassen. „Ich mache viele Sachen, aber vor allem begleite ich Max und unterstütze ihn, damit er an der Schule lernen und mit anderen Kindern spielen kann. Und ich spiele selbst unheimlich gern Fangen!“, antworte ich.

 

 

Anmerkung: Alle Namen wurden geändert.

Autorin: Lea Falk ist Psychologin, pumpt das letze Haftbefehl/Xatar-Album und unterstützt transform von Hamburg aus.

Illustration: Christine Stiller – die Wahlberlinerin mag starke Farben, klare Linien, Punkrock, Reisen, Underdogs und ähnliche Tiere. Sie findet es erfrischend, wenn die Leute sich nicht so sehr darum kümmern welche Socken sie tragen.

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