Wichtig ist nicht der Fall, sondern die Landung

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Alex, Tim und Matthias – Die drei Freunde nennen sich eine Bande und leben die Freundschaft wie aus Schulhofzeiten mit Upgrade in der deutschen Großstadt. Sie haben einen Namen, Idole aus großen Filmen und alles dreht sich um die hohe Kunst, Savoir Vivre, das Leben in vollen Zügen genießen zu können. Auch wenn man nun halt erwachsen ist. Die drei Jungs sind überzeugt davon, dass eine Bande das Leben besser macht und sie empfehlen der Welt da draußen: „Gründet Banden!“.

Alles in Ordnung bei der Bande

„Es ist nicht wie du denkst, wir sind keine Gang, die jemandem was Böses will oder krumme Dinger abzieht. Wir sind einfach Jungs, die machen wozu sie Lust haben, ihr Leben so gestalten wie es ihnen gefällt – und eine Bande, die hatten wir schon immer, auch auf dem Dorf“ erklärt Tim, ihr selbst ernannter Anführer und zieht an seiner Zigarette.

Es ist halb 12 und Alex wartet schon auf die beiden an der Ecke so wie jeden Tag, den sie gemeinsam beginnen. Er ist ungeduldig, hat das Frühstück für beide in der Hand und will den Kaffee endlich loswerden, damit er zur Arbeit fahren kann. Tim und Matthias kommen zu spät. Der eine bringt das Kind in die Kita und bei Matthias weiß man das nicht sei genau. Bei denen ist das auch nicht so wichtig, die arbeiten ja für sich, arbeiten frei. Nach ihrem eigenen Rhythmus. Tim meistens nachts. Er ist Architekt. Und Matthias – naja. Er produziert Musik, macht das so, wie er es will. Alex muss in jedem Fall los in die Küche und ist genervt. Die Jungs kommen um die Ecke, als Alex auf die Uhr schaut. Er sieht sein Tattoo auf dem Handrücken und muss lächeln. Tout va bien. Was so viel heißt wie Es läuft. Alles in Ordnung. „Das ist unser Bandenname“ erklärt Tim weiter. „Alex hat sich das einfach so tätowieren lassen. Der hatte davor noch gar keine Tattoos. Und da war es klar, dann waren wir Tout va Bien. Das haben wir aus dem Film La Haine“. Alles in bester Ordnung, die Jungs atmen auf.

Die anderen beiden kommen um die Ecke des Straßenkaffees an der Schanze und für einen Moment vergisst Alex, dass er los muss. Das ist ihr morgendliches Ritual, das machen sie immer so. Später, nach der Arbeit, sieht man sich im Studio und geht spät in der Stammbar noch einen Drink trinken. Oder Sekt auf Eis an einem Dienstag. Manchmal müssen andere schmunzeln, wenn die drei Jungs erklären, sie haben eine Bande und stolz ihr Bandenlogo zeigen. Rosa mit dicker, weißer Schrift. „Odette, das ist unsere Farbe, den Namen haben wir selbst erfunden“ erzählen die drei ganz voller Stolz.

Viele um sie herum gründen stattdessen Familien

Viele um sie herum sind verheiratet, planen Kinder oder kaufen Wohnungen. Die drei Jungs sind in die Stadt gezogen und leben einen beinahe institutionalisierten Zusammenhalt. Ihre Freundschaft trägt ein Label und die Bande ist identitätstiftender Rückzugsort geworden: „Wie in einer Familie. Wir müssen nicht wie andere was erleben und um die Welt reisen. Wir machen den Alltag in unserem Kiez zum Abenteuer. Es geht darum, das zu tun worauf man Lust hat und mit echten Freunden Erlebnisse zu teilen. Wenn man diesen Rückhalt hat, dann kann man so tief nicht fallen. Man landet sanfter.  Und bis jetzt ist wie gesagt immer alles bis hierhin gut gegangen. Wie in dem Film. La Haine. Ein Mann springt aus dem Fenster und sagt sich, bis hier hin ging doch alles immer gut. Jusqu’ ici tout va bien. Bis hier hin ging alles gut“. Sie lachen.

Was bedeutet eigentlich erwachsen sein?

Das sagen sie sich oft, vor allem wenn es darum geht, erwachsen zu sein. „Was bedeutet das eigentlich?“ fragt einer und Tim sagt abwesend: „Naja keine Ahnung, ich weiß nur, dass bis hier hin doch immer alles gut ging“. Bis jetzt lief alles rund. „Bis jetzt ist alles gut gegangen“, murmelt auch Alex als er schmunzelnd seiner Bande den Rücken zukehrt und sich auf den Weg zur Arbeit macht.

Doch was bedeutet das eigentlich, zu tun und zu lassen, worauf man Lust hat? Für die drei ist es der Luxus, sich bewusst einen Raum herauszunehmen, in dem man wertfrei sein kann. Sie haben es geschafft, sich loszulösen von dem Alltagsdruck und einen Rückzugsort zu schaffen, an dem die Uhr ganz anders tickt und weder Zeit noch andere Einflüsse sondern nur sich selbst bestimmen.

Alex freut sich wieder die anderen später zu sehen, denn die Bande, das ist sein Ausgleich, sein halt und seine Familie. „Man gibt viel, aber man bekommt auch viel zurück, manche wirft es total aus der Bahn, mit Liebschaften oder so. Wenn man immer eine Bande hat, dann ist man da stärker“ reflektiert Tim. Für die Jungs ist die Bande ein Ort der Befähigung und Resonanz. Man geht seinen Weg und ist gestärkt durch den Rückhalt der anderen. Gemeinsam gestalten sie ihr Leben nach den Werten, die sie für bedeutsam erachten. Ästhetik spielt da eine große Rolle und das gute Leben, welches man nach den eigenen Idealen gestaltet. „Endlich können wir alles so tun, wie es uns gefällt, wir können das um uns herum so herausarbeiten, wie wir es für richtig und schön empfinden.

Wir machen auch Musik und beschreiben darin, was für uns Elemente des guten Lebens sind, das ist manchmal Capri Sonne Kirsch oder sind auch mal Austern und ein gutes Hotel, wobei uns bei solchen Aktionen dann aber das Taxigeld fehlt, um nach Hause zu kommen“. In einem ihrer Lieder schreiben sie auch darüber, wie manche guten Liebschaften verloren gingen, weil man dann doch lieber mit der Bande einen trinken geht, anstatt mit dem Date einzuschlafen.

„Klar sind wir kindisch – aber das war doch die schönste Zeit“

Sie sind eine „Schulhofbande mit Upgrade“, weil man nun noch mehr machen kann was man will. Man ist unabhängig und eigentlich keine Rechenschaft mehr schuldig. Sie verdienen ihr eigenes Geld, machen was sie wollen und haben sich dem guten Leben frei nach ihren Wertvorstellungen von Freundschaft, Liebe unter Freunden und eigenen ästhetischen Idealen verschrieben. Bei der Bande steht das Kollektiv im Vordergrund, welches sie auf eine behütende Art und Weise stärkt. Ihr Mantra ist das gute Leben, jeden Tag und die Freude an Dingen, die manchen als gegeben erscheinen. Klar, Codes werden überspitzt und irgendwie wirken die drei etwas überkarikiert.

Aber es macht Spaß sie vom Café aus zu beobachten und es ist schön zu sehen, wie die Jungs es geschafft haben, sich mit ihrer Bande etwas abzuheben von dem Umfeld in dem sie sich bewegen, der kreativen Ellbogengesellschaft, die aus Sehnsucht und Einsamkeit heraus nach dem perfekten Match sucht. „Klar braucht die Welt mehr Banden wie uns und auch klar, dass so eine Bande kindisch ist. Aber das war doch auch die schönste Zeit, oder nicht?“ fragen die drei. „9 to 5, Tinder und Netflix sind nichts für uns. Wir haben zwar Idole aus dem Film, aber sie haben uns befähigt herauszugehen und unsere Abenteuer selbst zu erleben, ohne Display vor der Nase“. Sie lachen und aus Orangensaft wird später vielleicht sogar Sekt auf Eis an einem Dienstag.


Die Autorin Florine Weiss mag Popcorn und Zusammenhänge.

 

 

 

 

Beitragsbilder: Tout va bien

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