Auf einer Zugfahrt durch die Alpen

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Im Zug über die Alpen – das ist dieser Tage wirklich ein Erlebnis. Zunächst mal ist es eine angenehme Art der Reise – etwas romantisch, beinahe antiquiert komme ich mir vor. Mein Kollege tritt die Reise mit dem Flugzeug an. So werden aus 10 Stunden Bahnfahrt 1 Stunde 15 Minuten Flugzeit. Wisst ihr, was das Komische daran ist? Ich weiß nicht mal, wie lang die Bahnfahrt genau dauert, bei 10 Stunden ist es egal. Ich bin an diesem Tag unterwegs und widme ihn der Reise. Das macht sich hervorragend bezahlt. Ohne eine Langsamkeitsdebatte aufrollen zu wollen: es ist ein persönliches Erlebnis, die Transformation von plattem Land über Voralpen bis zum Hochgebirge und wieder zurück so nah zu erleben. Obwohl Puristen natürlich laufen, fühlt sich Bahnfahren sehr real an. Bei Flugzeugreisen bekomme ich immer den Eindruck, dass es ein Traumerlebnis ist. Ein Schönes zwar, aber ohne Bezug zur Realität, entwurzelt.

Die transalpine Zugfahrt ist Metapher für den Fortschritt in Europa. Ausgehend von den Bildern aus dem Geschichtsunterricht der siebten Klasse, auf denen Eroberer mit Speeren und Lastelefanten durchs Gebirge ziehen, hin zu dem starken vereinigten Europa des späten 20. Jahrhunderts. Ein Schritt auf dem Weg zu diesem Europa waren die Tunnel und Gleise durch weite Strecken unwegsamen Geländes – eine technische Herausforderung, die wie vieles andere durch internationale Anstrengungen gemeistert wurde. Damit steht sie für die Erfolge einer in der EU institutionalisierten Zusammenarbeit.

Dass in diesem Moment die Grenzen dicht gemacht werden, verhindert diese Institution nicht. Es hört sich aus dieser Perspektive so falsch an, wenn wir schreiben müssen, dass auch die Grenzen in Richtung Bayern kontrolliert werden und Leuten der Zutritt verwehrt wird. Am Grenzübertritt Kufstein waren zwei ganz gewöhnliche „Ausländer“ – also Schwarze mit Jamaikamütze und Daunenjacke. Flüchtlinge sieht man hier weit und breit keine. Was soll das, wo sind die ganzen Menschen? Die einstige Eroberung scheint ihren Tribut zu fordern: Sie will verteidigt werden. Die Stimmen nach einem Militäreinsatz in Syrien sind auch in Deutschland immer deutlicher zu hören. Und Deutschland wird seinen Bündnispflichten natürlich gewissenhaft nachkommen, denn Deutschland ist Teil diesen starken vereinigten Europas.

Und noch andere Absurditäten sind Teil dieses starken Europas: Mein Zug, der EC85, fährt am 16. September pünktlich um 9.30 Uhr in München ein, um mit mir nach Verona zu fahren. „Nicht einsteigen, bitte! Der Zug muss noch gereinigt werden“, so quakt es aus den Lautsprechern. Später schiebt man eine Entschuldigung hinterher: Er diente in der Nacht 500 Flüchtlingen – das ist doch mal ärgerlich: Der Flüchtling stiehlt mir meine Zeit, obwohl er gar nicht rein darf. Ich möchte es mal so umschreiben: Wir befinden uns in einer absurd chaotischen Situation und finden erst langsam heraus, wie es denn so weit kommen konnte.

Max Flämig hat einen Promotions-Sitzplatz im Physik-Abteil der Universität Bayreuth. In seiner Freizeit engagiert er sich ehrenamtlich im Glashaus e.V. für junge Kultur in Bayreuth.

Bild: Heinrich Plum

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