„Arbeit ist eine Ware geworden“

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Lolita sitzt mit verschränkten Armen vor ihrer Sachbearbeiterin und blickt gelangweilt ins Leere. Die 20-Jährige hat weder Abschluss noch Ausbildung und wie viele andere junge Franzosen keinen Job. Sie gilt als schwer vermittelbar und tanzt deswegen immer wieder bei Ingeus an. Das Jobvermittlungsunternehmen geht vehement mit den jungen Menschen vor. Mit allen Mitteln sollen sie für den Arbeitsmarkt gerüstet werden. Dafür muss sich Lolita mitunter in seltsam anmutenden Rollenspielen immer wieder mit ihren Defiziten auseinandersetzen.

Die Jobvermittlungs- agentur als Bühne des Optimierungswahns
Lolita ist nur eine von vier jungen Protagonisten, die im Mittelpunkt des Dokumentarfilms „Les règles du jeu“ von Claudine Bories und Patrice Chagnard stehen. Das französische Regieduo setzt sich in seinen Filmen immer wieder mit gesellschaftlichen Schieflagen in Frankreich auseinander. Zuletzt legten sie in „Les Arrivants“ (2009) die groteske Vorgehensweise der Bearbeitung von Asylanträgen in einem kleinen Pariser Büro offen. Nicht weniger skurril und beängstigend widmen sie sich nun ihrem neuen Sujet. Wir haben Claudine Bories und Patrice Chagnard in Leipzig im Rahmen des 57. Internationalen Leipziger Festivals für Dokumentar- und Animationsfilm getroffen. Im Interview erzählen sie von der Jobvermittlungsagentur als Bühne des Optimierungswahns, wie sich Arbeit im Laufe der Jahrhunderte verändert hat und welche Rolle Sprache dabei spielt.

In „Les Arrivants“ war die Métro Dreh- und Angelpunkt der Geschichte. Auch „Rules of the Game“ spielt an einem unpersönlichen Ort, der Jobvermittlungsagentur. Das Privatleben der Protagonisten sparen sie aus. Warum?

Die Sprache des Marktes
CLAUDINE BORIES: Im Dokumentarfilmkino müssen wir ja immer etwas verdichten. Deswegen haben wir einen Ort gesucht, der schon eine Art Szene darstellt, also eine Art Vor- oder Aufführung ist, weil sich dort die Gesellschaft zusammenfindet. Wir wollten nicht in die Vororte, also die Banlieues, gehen. Das gehörte einfach nicht zum Thema. Uns hat interessiert, wie sich die Jugendlichen verhalten, wenn sie eben nicht zu Hause, also in ihrer Welt, sind, sondern auf einer Art Bühne stehen, wie sie diese Arbeitsagentur ist. Und diese Bühne beinhaltet teilweise die Sprache des Marktes, die die Jugendlichen nicht beherrschen. Ihre Viertel wurden schon in ganz vielen Filmen gezeigt und immer wieder mit vielen Vorurteilen in Szene gesetzt. Wir hatten genug davon, diese klischeebeladenen Bilder wieder nur zu reproduzieren.

PATRICE CHAGNARD: Das ist wie bei der Malerei. Das, was man nicht zeigt, ist besonders wichtig. Wir arbeiten oft mit dem Nicht-Sichtbaren. Man ahnt auch so, wie diese Jugendlichen leben, wo sie herkommen und wie sie sich fühlen. Das gibt dem Ganzen eine besondere Färbung, die den Film und auch dessen Stimmung ausmacht.

Es ist äußerst grotesk, wie die Agentur diese Jugendlichen normalisieren und verändern will. Wenn man darauf zurückblickt, wie sich die Bedeutung von Arbeit im Laufe der Jahre verändert hat, kommt die Frage auf, ob es junge Menschen vielleicht verlernt haben, so hart zu arbeiten wie die Großeltern- oder auch Elterngeneration? Daraus ergibt sich in ihrem Film ein sonderbares Spannungsfeld…

Was zählt, ist der Wettbewerb, die Verführung der Unternehmen
BORIES: Diese Spannung ist genau das Herz dieses Filmes. Bevor wir den Film überhaupt angefangen haben, wussten wir schon, dass wir genau das zeigen wollen. Denn die Welt verändert sich. Das ist einfach so. Auch der Bezug zur Arbeit und die Art von Arbeit haben sich in den letzten Jahren verändert. Die Arbeit, die jetzt weniger spezialisiert und vielleicht für einfache Leute ist, wurde speziell in den letzten 20 Jahren in Frankreich vernachlässigt. Diese soziale Dimension machte sich auch in der Schule bemerkbar. Die Jugendlichen im Film haben ja in der Schule versagt bzw. haben gar keinen Abschluss. Sie haben auch keine Lehre gemacht. Das System der Ausbildung wie es in Deutschland existiert gibt es bei uns nicht. Deswegen ist diese Frage auch allgemeiner und geht über Frankreich hinaus. Denn dieser Diskurs, der von diesen Trainern und Beratern geführt wird, zeigt ja eigentlich die heute vorherrschende Ideologie in der Welt, und zwar die Ideologie des Marktes und der Marktwirtschaft. Was zählt, ist der Wettbewerb, die Verführung der Unternehmen, die Werte der Unternehmen und des Marktes. Über Geld wird eigentlich nicht mehr gesprochen. Es wird als unhöflich angesehen, über Geld zu sprechen, obwohl das eigentlich der Grund ist, warum man arbeitet.

Die Coaches halten die Jugendlichen auch an, nicht über Geld zu reden, weil sich das schlecht auswirken könnte. Sie müssen alles tun, dass sie von den Unternehmen akzeptiert werden, das heißt auch, die Sprache der Coaches zu übernehmen.

BORIES: Das ist auch die eigentliche Frage, wie man eben Sprache nutzt. Das sieht man ja auch in den Nachrichten und im Fernsehen. Dieser sogenannte Neusprech verändert einfach etwas. Diese Jugendlichen müssen sich verkaufen, haben es aber eigentlich nie gelernt und wollen das auch gar nicht.

Arbeit ist eine Ware geworden.
CHAGNARD: Der Film handelt vor allem von Sprache und vom Sprechen. Man hat in den letzten Jahren gesehen, wie sich die Sprache nach und nach verändert hat. Arbeit wurde ja in der Menschenrechtserklärung der UNO von 1945 noch als Menschenrecht beschrieben. Aber heutzutage spricht man von Arbeit mehr als Gut. Arbeit ist eine Ware geworden. Man spricht von den Arbeitskosten, aber nicht mehr vom Wert der Arbeit. Es ist nicht mehr ein Recht, dass sie arbeiten dürfen, sondern sie müssen ihre Arbeitsfähigkeit verkaufen und anbieten. Um diese Sprachveränderung geht es uns auch. Jede Figur im Film zeigt auf ihre Art, wie sie sich gegen diesen Neusprech, diese Ideologie wehrt. Denn sie ist eine Lüge. Gerade an Lolita sieht man das gut. Ganz am Anfang beschreibt sie es als ihre Stärke, dass sie ehrlich ist. Das verändert sich im Gespräch mit der Betreuerin immer mehr. Am Ende des Films sagt sie, dass das einer ihrer größten Fehler sei. Diese Entwicklung zeigt eigentlich schon die ganze Dramaturgie des Films und der heutigen Welt.

Worin sehen Sie da die Gefahr für die Gesellschaft und die Menschlichkeit, wenn die Persönlichkeit eines Menschen in einer bestimmten Weise geformt bzw. optimiert wird?

Die eigentliche Gefahr: softer Faschismus
BORIES: Die eigentliche Gefahr sehen wir in einer Art weichen Diktatur. Softer Faschismus. Man sieht das ja schon in vielen Science-Fiction- Filmen der 80er Jahre, die mit viel Fantasie und Vorstellungskraft gezeigt haben, was sein könnte. Heutzutage ist das eigentlich keine Fantasie mehr. Wir leben das ja schon mit der Technologisierung, der Globalisierung und auch dem wachsenden Einfluss der Finanzwelt, so dass es für viele Menschen einfach keine Alternativen gibt. Die Welt ist einfach so, glauben viele und denken, dass sie nichts verändern können. So schleicht sich in die Köpfe der Menschen die Propaganda ein, die besagt, dass die Ware und nicht der Mensch wichtig ist. Der Wirtschaftsfluss steht im Vordergrund. Der Mensch ist lediglich eine austauschbare Variable. Das Geld steht im Zentrum. Wir werden beherrscht von Menschen, die eigentlich gar nicht wissen, was für eine Art Mensch sie damit gerade produzieren.

CHAGNARD: Das ist ja auch eigentlich die Mission des Kinos, gerade von Dokumentarfilm, zu zeigen, was es in der Wirklichkeit gibt und was normalerweise von Menschen übersehen wird. Das sind ja nicht nur die Jugendlichen in dem Film. Wir alle müssen damit irgendwie leben.

 

Interview: Katharina Tress und Eileen Reukauf

Beitragsbild: Missouri State Archives, Public Domain

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