Anleitung zum Offline-Sein

Deutschland 2018. Ich sehe Menschen, die ihr Handy anstarren und sich durch endlose Newsfeeds arbeiten. Oder ich höre sie ausschließlich über Netflix-Serien diskutieren. Kinder in der Schule möchten besser werden bei League of Legends. Nicht in Mathe. Fest steht: Wir müssen unsere digitale Umwelt verantwortungsvoller bewohnen!

Das ist kein zivilisationskritisches Gejammer. Technologie ist zu einem festen Bestandteil unserer Gesellschaft geworden und das ist gut so. Aber wir fangen an, hier ein kollektives Problem zu entwickeln.

Uns geht es nicht besser durch sie. Sondern schlechter. Gewissermaßen wird der Gaul zum Kutscher gemacht: Das Werkzeug dient nicht mehr uns, indem es einen Zweck für uns erfüllt. Wir dienen dem Werkzeug, indem wir es mit Daten füttern und die Algorithmen schärfen. Doch wir wollen ja nicht jammern.

Das ist eine Anleitung. Ich bin Teil dieser digitalisierten Gesellschaft und ich liebe Technologie. Ich verbringe viel Zeit mit meinem Rechner und Handy. Ich liebe die Fähigkeiten, die diese kleinen Helfer mir geben. Trotzdem nutze ich sie oft ohne Absicht und ohne Freude – als wäre ich selber eine Maschine. Wie kann ich das ändern?

Aufmerksamkeit ist der knappste Ressource der Welt – In einer Welt, in der die Nutzer nicht für Dienstleistungen bezahlen wollen, ist Aufmerksamkeit die wertvollste Einnahmequelle. Wenn Unternehmen wachsen wollen, müssen die Menschen mehr Zeit mit ihnen verbringen.

Freiwilliger Rückzug in Analoge?

Ich habe aber beschlossen, weniger Zeit zu verschenken. Ich setze mir Regeln, wie viel Zeit ich womit verbringen möchte. Ich habe Social Media auf die Abende beschränkt. Ich habe mich dazu entschieden, nur die wichtigsten Artikel auf meiner bevorzugten Nachrichtenseite zu lesen. Ich habe die Zeit auf Netflix minimiert.

Es funktionierte! Zumindest für ein paar Wochen habe ich meine verschwendete Zeit deutlich reduziert. Aber obwohl ich meinen Verbrauch niedrig halten konnte, war dies sehr anstrengend. Überall traf ich auf Aufgaben, Hinweise und Aufforderungen, um mich wieder einzubringen. In der Werbung, durch die Arbeit, durch meine Mitmenschen. Hätte ich einen Aluhut, würde ich mich wie das Opfer einer Verschwörung fühlen.

Überlege, was du ausgeben möchtest

Die Ressource Allocation Theory besagt, dass eben auch Willenskraft eine begrenzte Ressource ist. Zu viel genutzt, kann sie uns ausgehen. In Anbetracht dieser Theorie hat mich meine Herangehensweise an den Rückzug ziemlich verbraucht. Für jede Versuchung, der ich standhielt, musste ich aktiv Willenskraft-Ressourcen einsetzen.

Ich beschloss, etwas anderes auszuprobieren. Eine vollständige Abtrennung war für mich keine echte Wahl, da ich die Vorteile digitaler Technologien ja nicht missen möchte. Mein Ansatz musste daher an den richtigen Stellen durchlässig sein und andere Stellen abdichten.

Paul Dolan, ein britischer Psychologe, empfiehlt, die Umgebung so zu gestalten, dass unsere Reaktionen immer positiv sind. Einfach ausgedrückt: Quäle dich nicht damit, die Schokolade im Schrank nicht zu essen. Halte Schokolade aus deinem Haus fern und du kannst dort essen was du willst.

Also begann ich meine Umgebung neu zu designen.

Designgrundsätze einer Welt ohne Suchtfaktor

Allgegenwart vermeiden

Viele Technologien versuchen, die meiste Zeit präsent und im Vordergrund zu sein. Ich entschied mich für Technologien, die weniger connected, weniger mobil und damit weniger lästig ist.

Langfristiger Fokus

Viele Dienste nutzen Gamification, um die Häufigkeit der Nutzung zu erhöhen und damit auch ihre Zeitverschwendung. Viele kurzfristige Kicks. Ich habe gesucht und gefunden, was mir stattdessen langfristig Freude macht: Ein interessantes Buch, ein innovatives Indie-Spiel oder ein gutes Musikstück, wurde von allem Müll getrennt. Das habe ich dann voll allen Plattformen getrennt, die mir bei dieser langfristigen Freude im Weg stehen.


Kleine Helfer

Ich benutze kleine Helfer, die mir bei der Entscheidung helfen, wann Technologie eingesetzt und wann sie abgehalten werden muss. Dazu unten mehr.

Echte Werkzeuge

Ein Werkzeug ist vorhanden, wenn du es brauchst, es verschwindet, wenn es seinen Zweck erfüllt hat. Ein Schraubenzieher ist ein perfektes Beispiel, ein Smartphone nicht. Es blinkt, piept und notifizert, um meine Aufmerksamkeit zu erhalten, auch wenn sie für mich nicht nötig ist.

Auf Basis dieser Grundsätze habe ich dann meine Umgebung umgebaut.

Digitale Diät in Aktion – meine 6 Schritte

   

1. Keine Sozialen Medien auf dem Handy

Ich habe alle Content-Generierungsmaschinen von meinem Handy gelöscht. Sie tun so, als würde sich die Welt schneller drehen als sie es tut. Ich schau mir das dann lieber von Zuhause in aller Ruhe an.

2. Kein Browser auf dem Handy

Ich habe Safari auf meinem iPhone deaktiviert. Immer wenn ich mein Handy nach einem Telefonat in der Hand hatte, schaute ich „irgendwas wichtiges nach“. Ich kann noch auf meinem Computer browsen. Ich könnte Safari bei einem „Notfall“ problemlos reaktivieren. Aber das war in den letzten 6 Wochen kein einziges Mal nötig.

3. Weniger Zeit am Handy durch Blockier-Apps

Ich verwende die iOS-App Moment, um meine Nutzungszeiten zu verfolgen und ein nach 30 min/Tag einen Reminder einzustellen, um das Telefon beseite zu legen. Es gibt ohne Ende Apps für alle Betriebssysteme, man muss es nur schaffen sie zu aktivieren.

4. Weniger Zeit am Computer durch Tools wie „Focus“

Ich habe verschiedene Anti-Ablenkungs-Tools auf dem Computer ausprobiert (Freedom, Antisocial, StayFocusd in Chrome) – Focus ist mein Favorit. Dies ist ein kleiner Helfer in der Taskleiste, der Inhalte blockiert. Das Gute ist, ich kann blockierte Inhalte immer noch täglich für eine bestimmte Zeit besuchen. Kein Totalverbot. So ist es viel flexibler als  andere Tools, die mich vollständig von bestimmten Inhalten trennen. Schließlich ist es ja die Dosis, die das Gift macht.

5. Nutze nur Tools für einen Zweck

Ich habe alle fokussierten Apps behalten, die einen echten Nutzen haben. Aber nur einen. Du wirst überrascht sein, wie wenige es davon gibt.

Ich habe auch meine Ebook-Reader, meine Kamera und meine Armbanduhr rausgekramt. Denn sie alle erfüllen nur einen Zweck.

Ich habe mir ein klassisches Notizbuch aus Papier einen Stift gekauft, um komplexeres und visuelleres Material aufzuschreiben. Ohne dafür an den Computer zu müssen.

6. Arbeite am stationären Computer

Apropos Computer. Ich lasse meinen Firmenlaptop immer im Büro. Überall hin mitnehmen? Darauf fall ich nicht rein. Zuhause verwende ich jetzt immer einen stationären Computer. Der unter einem Tisch steht. Die älteren erinnern sich vielleicht. Stundenlanges Sofasurfen ist Vergangenheit. Wenn ich surfen möchte, fahre ich ihn hoch und setz mich an den Schreibtisch.

Paradox der Einschränkung

Ich weiß, dass mein Ansatz extrem klingt, nach obsessiver Selbstperfektionierung, und als vollkommen rückständiges Argument gegen den technologischen Fortschritt wahrgenommen werden kann. Sollte er aber nicht. Ich denke, es ist Zeit wieder Kontrolle zu gewinnen. Mir hat es definitiv geholfen. So paradox es klingt: Kurzfristige Einschränkung führt zu langfristiger Freiheit. Und jetzt? Abschalten!

Der Autor: Erik Berndt ist Designer und Psychologe. Er lebt in Berlin und schreibt über alles, was ihn zum Nachdenken und Ausprobieren bringt.

Illustration: Mojgan Harati

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