Zukunft gucken; Bild: RAYUL, CC0, Unsplash
Zukunft gucken; Bild: RAYUL, CC0, Unsplash

Ändern wir das Klima!

Noch ist es nicht zu spät für eine gerechte Zukunft. Aber für eine Welt, in der unsere menschliche Verantwortung nicht im Mittelmeer ertrinkt, im Amazonas verbrennt oder an Wahlurnen begraben wird, sollten wir uns wieder täglich fragen: Was ist mein Blick auf die Welt und wie kann eine bessere Zukunft aussehen?

Deichkind trifft den Nagel auf den Kopf. Mit ihrem neuen Song „Wer sagt denn das?“ durchleuchtet das Hamburger Hip-Hop Format die Zweifel unserer Gesellschaft. Was die Gruppe anspricht, ist höchst relevant: die Realität steht auf dem populistischen Prüfstand. Gibt es die Klimakrise wirklich? Ist Deutschland überhaupt souverän? Warum hat meine geflüchtete Nachbarin einen Job und ich nicht?

Unsere Sichtweise auf die Welt ist nicht in Stein gemeißelt. Sie änderte sich schon häufig im Laufe der Vergangenheit, seien es astronomische Erkenntnisse über das Universum, der Weg von Monarchien in Demokratien oder der Wandel von einer religiösen zu einer weltlichen Anschauung. Was als wahr galt, erwies sich immer wieder als falsch.

Heute denken viele: mit der Aufklärung kam die Erleuchtung. Auf Grundlage dieser weltlichen Bewegung kamen die Menschen nach und nach dahinter, was die Welt im Innersten zusammenhält, wie Wissenschaft die eine „objektive“ Wahrheit ans Licht bringt und auf welchen Pfeilern die gute Gesellschaft fußt, nämlich: nationalen Grenzen, Eigentum, Wirtschaftswachstum und demokratisch gewählten Volksvertreter*innen.

Auf Grundlage dieser Ideologie entwickelte sich die Wirtschaftswissenschaft immer stärker in eine Richtung in deren zentralem Interesse die Größe des Bruttoinlandsproduktes lag. Kapital ist alles und alles für das Kapital. Die Wirtschaft wurde zu einer objektiv wahren Naturgewalt erhoben, die als entfesselte Kraft den wirklichen Interessen der Menschheit dient: Wohlstand und Sicherheit.  So ist es kein Wunder, dass in Zeiten der Klimakrise naturwissenschaftliche Erkenntnisse mehr und mehr aus diesem Wirtschafts-Fokus heraus geleugnet werden.

Nicht die Klimakrise bedroht uns, sondern die Verlustangst

Demnach sei nicht die Klimakrise die größte Bedrohung, sondern der Verlust von Jobs, Wohlstand und die Freiheit, mit dem Billigflieger in den Kurzurlaub düsen zu dürfen. Nur wenige machen darauf aufmerksam, dass die neoliberale Agenda nicht nur Rausch und Glitter brachte. Mit der Globalisierung wurden wirtschaftliche Grenzen auf Kosten sozialer und ökologischer Limits abgebaut. Die Folgen erleben wir seit Jahren: der Wohlstand der Nationen bleibt die Dekadenz von Wenigen, die sich durch ihre privilegierte Situation vielen gesellschaftlichen Einschränkungen entziehen können. Wer viel hat, wird weder von nationalen noch von demokratischen Schranken behindert. Noch immer teilt unsere Ideologie die Menschen in Gute und Böse, in Fremde und Gleiche oder in Arme und Reiche. Diese Weltansicht darf noch nicht am Ende sein.

Wer will sich schon den freien Willen und die eigene Handlungsmacht absprechen lassen?

In „Die Deutsche Ideologie“ schrieben Karl Marx und Friedrich Engels, dass unsere Weltanschauung stark durch unsere Stellung in der Gesellschaft bestimmt sei. So wäre Ideologie hauptsächlich durch die herrschende Klasse geprägt und würde von oben nach unten sickern. Lenin schloss daraus, dass sich die Welt niemals ändern würde, wenn nicht eine autoritäre, revolutionäre Gruppe die „richtige“ Weltanschauung mit Gewalt durchsetzt. Eine Idee, auf die die Gründung der Sowjetunion fußte. Doch die marxistischen Vordenker irrten.

Wer will sich schon den freien Willen und die eigene Handlungsmacht absprechen lassen? Tagtäglich erleben und füttern wir zwar unbewusst unsere Sicht auf die Welt an den Supermarktkassen, Schreibtischen und an den Schulbänken der Nationen. Nach dem britischen Soziologen Anthony Giddens reproduziert sich unsere Weltanschauung im alltäglichen Leben. Doch wir haben auch die Macht unser eigenes Handeln zu ändern. Und die Klimakrise fordert jetzt starke Veränderungen.

Nach einer Studie von Matthew Hornsey, Emily Herris und anderen korreliert der Wille sich klimafreundlich zu verhalten mit Ideologie. Gleichzeitig ist auch ein Bewusstsein für die Klimakrise ideologisch bestimmt. 2006 zeigte eine Umfragen-Studie von Yuko Heath und Robert Gifford, dass Menschen mit einem starken Glauben an den freien Markt von der Wahrheit der Klimakrise wenig überzeugt waren, während ein starker Glaube an die Wirkung des eigenen Handelns mit einer Überzeugung der Klimakrise einherging .

Bessere Strukturen sollen den Wandel erleichtern

Die beiden Forscher Heath und Gifford erklärten sich dies durch einen grundlegenden Optimismus der Neoliberalen, dass sich Probleme mit der Umwelt über einen freien Markt, zum Beispiel technisch, lösen würden. Dass dieser neoliberale Lösungsvorschlag auf Grund des Rebound Effektes oder technischen Problemverschiebungen nicht aufgeht, wird besonders aus Sicht der ökologischen Ökonomie kritisiert.

Die kritische Betrachtung unserer gesellschaftlichen Regeln ist der erste Schritt in eine klimagerechte Zukunft.

Stattdessen bräuchte es Strukturen, die Menschen ermöglichen ihr klimaschadendes Verhalten zu verändern. Wichtige Voraussetzung dafür sei, so der Human Geograph Neil Adger in einer Studie, einen Raum zu schaffen, in dem Menschen motiviert werden ihr eigenes Handeln und Denken zu hinterfragen. Strukturen, in denen sie Unterstützung finden, selbst individuelle und kollektive Entscheidungen zu treffen. Solche Räume gibt es bereits.

Bei basisdemokratisch organisierten Klimacamps kommen beispielsweise jeden Sommer in ganz Europa immer mehr Menschen zusammen und leben eine öko-soziale Utopie. Für etwa eine Woche probieren sie ihre klimagerechte Version aus, stärken sich gegenseitig in ihrem Handeln, hinterfragen gesellschaftliche Normen und lernen für den gemeinsamen Weg in die Zukunft. So gelingt es das eigene Verhalten im Kontext unserer gesellschaftlichen Umgebung zu verändern, also sich von der hegemonialen Ideologie zu befreien. 

Klar ist, dass dieser stark individuelle Ansatz nur einer von vielen sein kann, um große und komplexe gesellschaftliche Herausforderungen zu bewältigen. Denn handlungsfähig können Menschen nur da werden, wo es die vorhandene Infrastruktur ermöglicht. Selbstreflexion und die kritische Betrachtung unserer gesellschaftlichen Regeln aus einer moralischen Haltung heraus sind der erste Schritt in eine klimagerechte Zukunft. Und auf dem Weg hin zu einem guten Leben für alle gibt es eben nicht nur Verzicht und Verlust, sondern auch enorm viel zu entdecken und entfalten.

Deshalb: Lasst uns mehr zweifeln! Nur müsste die Frage statt „Wer sagt denn das“ besser lauten: „Auf welcher Grundlage, ideologisch oder moralisch, sagt das wer?“. Eine neue Weltanschauung ist notwendig und möglich. Gemeinsam sollten alle jetzt die Verantwortung übernehmen, den Wandel zu gestalten. Nur so lässt sich eine Zukunft in Kooperation, Solidarität, Selbstreflexion, Verantwortung und gemeinsamen Lernen und Entscheiden verwurzeln.

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