Abenteuerinseln Ahoi!

Segeln. Bild: Fatima Spiecker für transform 5

Ankern vor einer unbewohnten Südseeinsel, um sich herum Delfine und bunte Fischchen. Man zahlt nichts. Ernährt sich von Bananen und Kokusnüssen. Ein Leben ohne Zeit. Klingt unmöglich? Die Autorin hat dieses Leben ausprobiert, als sie 22 Jahre alt war– und festgestellt, dass sich persönliches Glück nicht am Türkisheitsgrad der Lagune bemisst.

Also springe ich von einem Boot aus ins Wasser, in Kleidung. Aus purem Übermut. »Es ist ein gutes Leben«, jubelt mein Herz. Es ist der Moment, in dem ich entschied, von meinem Leben als Fahrtenseglerin zurück in die Zivilisation zu kehren und weiterzustudieren. Während mein Boot, mein altes Zuhause, am Horizont verschwindet, klettere ich zurück auf das Boot meiner Freunde, die mich noch am selben Abend zum Flughafen bringen werden.

Aber alles der Reihe nach. Kaum habe ich mein Studium in Brüssel begonnen, treffe ich einen charmanten Mann in einem belgischen Hafen. Wir trinken Bier miteinander und verstehen uns ausgezeichnet. Spontan segle ich für ein paar Tage mit ihm weiter Richtung Süden. In Calais steige ich in den Zug zurück, für ihn geht es weiter Richtung Portugal, Kanaren, Kapverden. Denn: Der Mann wird die Welt umsegeln.

Ein One-Way-Ticket nach Fidschi

Innerhalb Europas ermöglicht ein Billigflieger, dass ich ihn immer wieder besuche. Doch hinter der Karibik ist Schluss — nicht mit unserer Freundschaft, sondern mit bezahlbaren Reiseanbietern. Ich stehe vor der Entscheidung: Ist hiermit dieses Abenteuer für mich auf unbestimmte Zeit zu Ende? Oder lasse ich mich ganz darauf ein? Ich arbeite viel, schaffe Geld auf die Seite und kaufe mir ein Ticket nach Fidschi. One Way.

In Fidschi beginnt es also, mein Leben als Fahrtenseglerin. Auf unbestimmte Zeit pausiere ich indessen: mein Leben als Kunststudentin, als Frau, die sich ihr Leben selbst über Minijobs finanziert. Mein neues Leben bemisst: ein Spind im Vorschiff für meine Hosen und T-Shirts. Zehn Zentimeter Regal für →
Lieblingsbücher. Knapp 13 mal vier Meter Platz für zwei. Ein gemeinsames Beiboot, welches uns zusammen vom Ankerplatz an Land und wieder zurückbringt. Eine gemeinsame Bordkasse.

Kokospalmen, Sandstrand und Mangos

Noch bevor der Anker fällt, winken uns die Inselbewohner vom Strand aus zu. Später wird uns der Dorfälteste erzählen, dass wir das erste Boot sind, das er bisher in dieser Bucht gesehen hat. Satte Hügel und Kokospalmen säumen den Sandstrand, es duftet nach Blumen und Mangos. Unser Segelboot spiegelt sich wie eine Himmelskutsche in der Lagune. Eine Delfingruppe mäandert um uns herum.
Vierzehn Monate lebe ich auf dem Segelboot im Pazifik. Wir schreiben einen Blog. Die Familie und die Freunde zu Hause platzen vor Neid und Rührung: »Wieso haben die es so gut und wir sitzen hier im Büro, draußen Nieselregen?« Die Kommentare unter unseren Blogbeiträgen lassen uns schmunzeln. Unsere Leser ahnen ja nicht, dass wir auch harte Tage haben und wie entbehrungsreich das Fahrtensegeln sein kann. Zum Trinken gibt es in den guten Zeiten frische Kokosnüsse und warmes Dosenbier. In den schlechten Zeiten brackiges Tankwasser.

Dazu servieren wir Dosenbohnen mit Dosentomaten und Tabasco. Kann man übrigens warm und kalt essen, je nach Belieben. In der Regel sind die Zeiten mit kargem Speiseplan jene, bei denen eine Überfahrt länger dauert als geplant. Zu Beispiel, wenn man drei Wochen lang in der Flaute treibt und von der Meeresströmung die mühsam erkämpften Seemeilen wieder zurückgetragen wird. Kein Kühlschrank, kein Motor. Der Strom an Bord ist ein rares Gut an windarmen Tagen, da sich die Batterie über einen Windgenerator auflädt. Falls nicht, geht es nach einer Stunde Lesen im Licht der Petroleumlampe in die Koje oder in die Nachtwache. Kein Handy, kein Laptop, das bedeutet natürlich auch keine Filme, keine Musik. Alle Bücher sind schon mehrmals gelesen.

Unendlich viel Zeit, die einfach da ist

Die einzige Unterhaltung bleibt an vielen Tagen das Reden selbst. Oft ist Ruhe. Und unendlich viel Zeit, die kaum vergeht. Abwechslung bietet das Wetter: Wann immer es Neptun für richtig hält, bestellt er Sturm, Sonne oder Regen. Und er fragt nicht, ob du ausgeschlafen bist oder betrunken, ob du gerade mit Kochen beschäftigt bist oder ob es gerade eine Beziehungskrise gab.
Kurzum: Fahrtensegeln ist die perfekte Entschleunigung. Die Durchschnittsgeschwindigkeit beim Fahrtensegeln entspricht etwa der eines Fußgängers. Ich habe in diesen Monaten viel über Zeit und Akzeptanz gelernt. Über das Warten und das Aushalten. Ich bin der Meinung, dass jedem in unserer Wohlstandsgesellschaft ein solcher Ausflug guttäte.

Hat man ein solides Boot, sind die Lebenshaltungskosten im Pazifik niedrig. In manchen Monaten kann man gar kein Geld ausgeben, weil es vielerorts keines gibt. Stattdessen sind Tauschgeschäfte hoch im Kurs: Zeichnungen gegen frisches Obst oder Angelhaken gegen ein selbstgeschnitztes Paddel. Wenn man es schafft, irgendwo einhundert bis zweihundert Euro pro Monat aufzutreiben, so lässt es sich komfortabel leben. Länger bleiben oder nicht ist dann mehr eine Willens- als eine Geldfrage.

Oft ist der Mann Planer, Navigator und Kapitän

Die Branche der Fahrtensegler ist eine, die von Männern dominiert wird. Zwar treffe ich viele Frauen — doch diese sind in vielen Fällen Frauen, die irgendwann irgendwo von ihren Männern aufgegabelt wurden, und die mutig, oft unerfahren, ihr Leben aufgegeben oder zumindest pausierten, um den Traum ihres Partners mitzutragen. Manche hassen, manche dulden, manche machten es sich zu eigen und leben es mit ganzen Herzen.

Sie begeben sich in Lebensgefahr, die Fahrt übers Meer ist immer ein Risiko. Sie investieren Lebenszeit, sie schrubben Decks, sie harren bei heißen Flauten aus, spülen eingebrannte Kochtöpfe mit Sand und Salzwasser, reparieren Pumpen, durchwachen Stürme am Steuerrad, verbinden Schnittwunden. Einige dieser Paare schreiben danach Bücher und werden zu Vorträgen eingeladen. Mir ist aufgefallen, dass es meist der Mann ist, dessen Name mit der Reise in Verbindung gebracht wird. Warum auch nicht — denn sie ist ja »nur« mitgekommen, er war der Planer, der Navigator, der Kapitän.

Mein Entschluss, das Boot zu verlassen und mein Studium abzuschließen, war für mich genauso wertvoll und richtig wie die Entscheidung, mein Hab und Gut in einen Keller zu schließen und ein One-Way-Ticket nach Fidschi zu kaufen. Das, was ich in meinem Leben als Fahrtenseglerin über das Gute Leben gelernt habe, lässt sich hervorragend auch in meiner jetzigen Lebenssituation anwenden: Wer niedrige Lebenshaltungskosten hat, oder sie bei Bedarf runterschrauben kann, braucht sich vor nichts zu fürchten. Weil ich weiß, dass ich immer wieder mit einem Segelboot auf die Weltmeere abhauen könnte, gehe ich ohne große Existenzängste an die Freiberuflichkeit ran. Wenn ich auf eine Arbeit keine Lust habe, lehne ich Aufträge ab. Wichtig ist für mich: Ich kann jederzeit selbst neu entscheiden, wann ich aus dem System aussteige. Und wann ich wieder einsteige.

Die größte Freiheit bedeutet für mich, selbst den »Freiheitsschalter« an- und auszuschalten. Statt ein einziges großes Abenteuer zu leben, versuche ich, mir kleine Abenteuerinseln in mein Leben zu legen. Momente, in denen ich ungeplanten Unsinn mache. Unter der Arbeitswoche einfach mal den Wecker auf fünf Uhr morgens stellen und in einen kalten Badesee springen. Oder … ? Wenn ich mich danach an den Schreibtisch setze, um einen Artikel zu schreiben, dann ist auch das ein Gefühl der Freiheit, weil mein Leben kein Entweder-oder ist, sondern alles reinpasst, was mir wichtig ist.

Kleine Abenteuerinseln im täglichen Leben

Du kannst das Lebensgefühl Fahrtensegeln auch ohne das Boot-Drumherum in deinen Alltag transportieren. Hier ein paar Vorschläge:

Geh eine Woche lang um sieben Uhr abends ins Bett und steh um zwei Uhr zur Morgenwache auf. Der Anfang ist hart, aber der Rhythmus stellt sich schnell ein. Und dann raus, um den Übergang der Nacht zum Tag zu erleben.

Versuch ein Gespräch mit jemandem aus einer anderen Kultur zu führen, idealerweise ohne dabei Deutsch oder Englisch zu sprechen: Hände, Füße, Zeichensprache. Du wirst staunen — es findet sich immer ein Weg!

Mach den Test: Ein Wochenende ohne Strom! Aber nicht schummeln. Keine Kühlprodukte und auch kein kaltes Bier in der Bar um die Ecke. Kein Handy, kein Fernsehen. Da das alles Spaß machen soll, besorgst du dir am besten eine schöne Öllampe, einen guten Rotwein und ein exzellentes Buch. Dann kann eigentlich nicht viel schiefgehen.

Kalt Duschen. Ja, wirklich. Sorry.

Wenn Du immer wieder eine etwas längere Wegstrecke zurücklegst, z.B. zwanzig Minuten Zug- oder Autofahrt, nimm dir einmal Zeit und gehe diese Strecke langsam zu Fuß. Und stell dir dabei vor, dass man mit dieser Geschwindigkeit die Welt umrunden kann — wenn man genug Zeit hat.


Autorin: Corinna Mayer
Illustration: Fatima Spiecker


Weiterlesen

Buch: Segeln lebenslänglich
Biographie eines großen Seglers. Bobby Schenk & Judith Duller-Mayrhofer. Delius Klasing Verlag, Bielefeld 2011.

Buch: Segeln. Technik, Ausrüstung, Navigation
Steve Sleight. Dorling Kindersley Verlag, München 2018. Das kleine Buch liefert das Wissen, das du brauchst, um in See zu stechen


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