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BLOG ZUM MAGAZIN FÜRS GUTE LEBEN

April 2017
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Seit einiger Zeit hören wir regelmäßig von 3D-Druckern, die Gegenstände ganz einfach ausdrucken sollen. Je nach Hintergrund der propagierenden Person handelt es sich dabei um die Demokratisierung und Speerspitze der DIY-Bewegung oder um die 3. Industrierevolution auf die es nun rechtzeitig zu springen heißt. Aber wo ist sie, die Revolution?

Mit einem Bauplan härtet oder schmelzt die Maschine Harze, Kunststoffe, Keramiken Schicht für Schicht und fertigt so ein Objekt dreidimensional. Es gibt also nur extrem wenige Arbeitsschritte (kein bohren, fräsen, drehen, stanzen) und praktisch keinen Materialverlust. Für viele geht es aber über diese pragmatischen Vorteile hinaus. Sie sehen darin eine Selbstbefähigung der Konsumenten – von uns also. Anstatt, dass wir uns laufend billig produzierten Mist kaufen, welcher um den Globus geschifft wurde, drucken wir diesen einfach selber. Die globale Wertschöpfungskette soll also implodieren, Zwischenhändler wegfallen, die Produkte demnach günstiger werden und da die Transportwege und Überproduktion überflüssig werden, soll das auch sehr umweltfreundlich sein.

Zu schön um wahr zu sein? Blinder Technikoptimismus hat nach „the Internet of things“ ein neues Hobby gefunden? Vielleicht. Auf jeden Fall ist es wie bei fast jeder groß angekündigten Revolution: sie fällt aus, beziehungsweise vollzieht sich nur sehr langsam.

Das bedeutet nicht, dass es die rumdruckenden Kisten von Schuhkartongröße bis Schrankformat nicht schon aus den Laboren heraus geschafft haben. Zahnprothesen, Flugzeugteile und vieles mehr (selbst Kleidung) werden bereits gedruckt. Schön und gut, aber ganz ehrlich: ob das gekaufte Produkte gestanzt und/oder gefräst, gegossen oder halt gedruckt wurde, interessiert die meisten Konsumenten rein gar nicht.

Es ging in den meisten 3D-Drucker-Anpreisungen um die wundersamen 3D-Drucker für den Heimgebrauch. Die kosten inzwischen weniger als 1000 Dollar und werden z.B. von MakerBot und Ultimaker angeboten. Nach dem zweifelhaften Hobby mit erschwinglichen Drohnen andere Parkbesucher zu nerven, kann sich der spleenige Onkel nun also einen 3D-Drucker kaufen.

Warum wir noch nicht alle so ein Ding haben? Nun, die Auflösung der Heim-3D-Drucker ist immer noch eher im Prototypenbereich, Runden bzw. Kurven zu drucken ist nur bis zu einem bestimmten Grad möglich, die Materialauswahl ist begrenzt, das Gedruckte ist kaum belastbar. Der Hauptgrund dürfte aber ein anderer sein. Von ‚Drucker‘ auf ‚3D-Drucker‘ zu schließen ist ein wenig wie von ‚Kirsche‘ auf ‚Tollkirsche‘. Im Gegensatz zu einem normalen Drucker (und selbst der kann schnell Nerven kosten), drückt mal bei einem 3D-Drucker nicht eben auf einen Knopf und zieht eben das gewünscht Produkt aus dem Kasten.

Die Spielereien sind auch 2015 immer noch eher etwas für technikversierte Menschen, die an der Uni oder in kleinen Gruppen und offenen Räumen (FabLabs, CoWorkingSpaces etc.) herumprobieren. Und an dieser Stelle sieht man es: das Potenzial. Schon längst ist es möglich, sich Baupläne herunterzuladen und das gewünschte Objekt in einem dieser FabLabs drucken zu lassen. Und es geht noch weiter: wer irgendwas reproduzieren will, kann das in einen 3D-Scanner stecken und die Form in Daten umwandeln lassen. Reale Science Fiction! Das Urheberrecht hat sich damit aber natürlich noch nicht in Plastikdämpfen aufgelöst.

Dennoch, gerade in Verbindung mit dem 3D-Scannen: die Erwartung, Innovationsschübe durch die Konsumenten selbst auszulösen ist nicht allzu weit hergeholt. Anstelle emsigen werkelns in der Werkstatt oder stricken auf der Couch, wird also eventuell irgendwann fleißig herumgedruckt, eingescannt, verändert und neu gedruckt. Stolz könnten wir neuen Bastler dann Baupläne hochladen und mit anderen Bastlern teilen.

Aber dennoch: die Hoffnungen werden in Reinform nicht erreichbar sein. Egal, wie günstig und hochentwickelt 3D-Drucker und -Scanner je sein werden, vermutlich werden nie alle Konsumenten von ihnen Gebrauch machen können. Weil sie es nicht finanzieren können. Das ist zwar mit den heutigen Produkten aus dem Supermarktregal und Onlineshop auch nicht anders. Jedoch hat des dem Siegeszug der Smartphones auch keinen Abbruch getan, dass sich – eigentlich – nicht jeder Mensch eines leisten kann.

Das die Transportwege komplett wegbrechen erscheint ebenfalls unwahrscheinlich. Auch wenn das Unternehmen Modern Meadow bereits Fleisch drucken kann, möchte ich mal die Familien sehen, die ihren Wocheneinkauf druckt.

Metallstaub lässt sich mit Lasern punktuell schmelzen und formen? Ja, aber das ersetzt noch lange keine Elektronik, schon gar nicht die Mikroelektronik. Die Transportwege sollen wegfallen? Aber die Rohstoffe der Drucker (bisher vor allem hässliche Plastikschnüre) müssen ja irgendwie in das Heim. Die meisten Innovationsschübe führten jedoch langfristig und makroökonomisch gesehen zu einem Mehrkonsum. Wie umweltfreundlich die Geschichte wäre, ist völlig offen und von vielen Faktoren abhängig. Aber dennoch: der 3D-Druck hat eine Menge ökologisches Potenzial, es gibt bereits die ersten Drucker, deren Fäden aus Plastikmüll gewonnen werden.

Klar ist aber auch, dass diese Technologie Ideen hervorbrachte, die aus der Zukunft zu sein scheinen. Auch ist die 3D-Drucker-Szene schwer aktiv, kreativ und sogar amüsant. Auf der re:publica fanden auf dem ‚GIG makerspace‘ neben einem Dildo-Generator viele andere Bastler Platz um ihre Ideen und Herangehensweisen zu präsentieren. Beeindruckend war zum Beispiel auch der aus IT-Schrott gebaute (!) 3D-Drucker von Woelab, aus Lomé in Togo. Dort gehen die aktivistischen Techniker an Schulen um 3D-Design zu unterrichten. Sie erhoffen sich auch eine daraus resultierende Unabhängigkeit vom globalen Norden.

Manche Forscher und Ingenieure können es sich auch vorstellen aus dem Staub auf der Mondoberfläche Behausungen zu drucken. (Aber mit dem Traum einer Mondbesiedelung und dessen Kosten würde man ein ganz neues Fass aufmachen.)

Vermutlich werden sich also 3D-Drucker-Dienstleister etablieren und Bastler und Aktivisten selber Hand anlegen. Währenddessen wird Rechtliches neu verhandelt und definiert (Urheberrecht und Co.). Aber das wird vermutlich eher ein Prozess als eine Revolution sein. Dadurch allein wird weder der Kapitalismus abgeschafft, die Globalisierung verändert noch der Piratenpartei ein zweistelliger Stimmenzuwachs geschenkt. Aber spannend bleibt die Entwicklung der 3D-Drucker. Der Open-Source-Gedanke sprang auf Gegenstände über, und einiges ist in Bewegung geraten.

 

 

Titelfoto: Following the edges of the icosidodecahedron : from the data file to the non-virtual object. The chain is complete.


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