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Meine Lieblingsfarbe ist Grau. Hellgrau, Dunkelgrau, Mittelgrau. Mit Grau kann ich alles sagen. Grauer Nebel, graue Haare, graue Wolle in einem selbstgestrickten Pullover. Viele Assoziationen. Wenn ich einmal groß bin, möchte ich Journalistin werden. Außerdem möchte ich die Welt retten (oder wenigstens ein bisschen besser machen) und das ganze bitte in grau. Und da beginnt schon das Dilemma. Weder die Journalismus-Branche noch das Weltretter-Business scheinen besonders viel von Grau zu halten. Lieber sortierten sie alles feinsäuberlich nach Schwarz und Weiß. Die Weltretter sich selbst konsequent auf die weiße Seite und die Journalisten ihre Nachrichten ganz besonders gerne auf die Schwarze. Sie zeigen auf, wo die weißen Engel zur Rettung eilen müssen. Kein Raum für Grau. Kein Raum für mich. Aber ist das eigentlich Realität?

Ich sehe schwarz! 

Oft malt der Journalismus die eigentlich graue Welt schwarz und in dieser schwarzen Welt lässt er uns dann sitzen.

Oft malt der Journalismus die eigentlich graue Welt schwarz und in dieser schwarzen Welt lässt er uns dann sitzen. Einer scheinbaren Objektivität verpflichtet verweigert er sich der Auseinandersetzung mit möglichen Lösungen oder Alternativen. Aber sollten nicht gerade die, die der Objektivität verpflichtet sind, versuchen ein realistisches Abbild der Welt zu zeichnen? Mehr Ausgewogenheit und kein reiner Fokus auf das, was gerade schlecht läuft? Werde ich als Leser nur mit negativen Nachrichten konfrontiert, sitze ich danach an meinem Küchentisch und starre Löcher in meinen Kaffee. Ich fühle mich gelähmt und bin verzweifelt. Werden aber Lösungen diskutiert, regt mich die Lektüre an. Ich lese und verstehe: Es kann etwas getan werden, dafür muss ich nicht mal mit den diskutierten Möglichkeiten übereinstimmen. Der Konstruktive Journalismus kann wie Platon eine Stechmücke sein, die Menschen aus ihren Gedanken-Konstrukten reißen und wieder zum Denken und vor allem zum Mitdenken anregen. Der Konstruktive Journalismus bringt die Bewegung und den Dialog zurück in die Nachrichtenwelt. Er stellt die Frage: Warum sollte ein Problem überhaupt angerissen werden, wenn nicht gleichzeitig der Versuch unternommen werden soll, auch etwas dagegen zu tun?

Graue Wörter und graue Menschen können die Welt verändern. 

Ich glaube an die immense Kraft von Worten. Scheinbar bereits wortverliebt zur Welt gekommen, bin ich zu einem Bücherwurm herangewachsen. Ich verschlinge Geschichte um Geschichte und Gedicht um Gedicht. Schnell merkte ich, wenn mich berührt was ich lese, bleibe ich nicht unverändert zurück. Gelesenes nimmt Einzug in mein Selbst und webt sich in mein Leben. Worte anderer werden ein Teil von mir. Nicht unmittelbar, sondern durchdacht und vermutlich auch verändert, aber ein Teil nichtsdestotrotz. Ich fühle mit und durch die Worte. Sie lassen mich Anteil haben an etwas, an dem ich nicht unmittelbar beteiligt war. Wenn ich selbst Geschichten und Gedichte zu Papier bringe, klingen auch immer die Stimmen derer mit, die mich durch ihre Worte berührt haben.

Das Grau am Ende des Tunnels 

Worte können also Verbindungen bauen. Texte können Raum und Ausgangspunkt für Diskussion, Verhandlung und Veränderung sein. Diese Kraft dürfen wir nicht beschneiden, indem wir Geschichten in enge Korsetts und Formate pressen, bis nur noch nackte Fakten übrigbleibe – ohne Kontext und ohne Gefühl. Geschichten brauchen aber Zusammenhänge, sie müssen anknüpfungsfähig sein. Wir dürfen die 100 Fäden von Verbindungen, die an jeder sogenannten Tatsache hängen, nicht durchschneiden und nur die Sache an sich präsentieren, sondern müssen gerade auf die Zusammenhänge hinweisen und sie weiterspinnen. Magazine wie transform oder Plattformen wie Perspective Daily tun dies. Sie zeigen Hintergründe, Zusammenhänge und Möglichkeiten weiter zu denken. Sie geben dem Leser die Möglichkeit Nuancen zu sehen und teilzuhaben an der Konstruktion der Welt. Sie machen eine aktive Aushandlung, von dem was als Realität verstanden wird möglich. Sie zeigen die Welt in all ihrem grau. Schwarz-weiß verlieren wir die Verbindung zur Welt und vor allem die Verbindung zueinander. Schwarz-weiß erstarrt die Welt und erstarren wir. Schwarz-weiß können wir nichts verändern und nicht miteinander sprechen. Aber die Welt ist grau, wir sind grau. Graue Wörter und graue Menschen können die Welt verändern. Wunderschönes Grau.

 

 

Beitragsbild: CCO, Volkan Olmez (Unsplash)

 

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