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April 2017
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Wenn es um das Arbeiten im Allgemeinen geht, wird das Land der aufgehenden Sonne häufig als Beispiel zitiert. Die Durchschnittsleistung der Japaner am Arbeitsplatz soll die Dynamik und Kraft der Mischung aus Produktivität und Disziplin beweisen. Doch das Blatt hat sich schon lange gewendet.

Das japanische Wirtschaftswunder ebbte nicht nur ab, es scheint auf dem Land so, als hätte es das nie gegeben. Sony hat sich mit seinem Xperia-Handy lächerlich gemacht und auch Fujitsu und Hitachi mussten ihre Abläufe „konsolidieren“, also zurückschrauben.

Tödliche Arbeit in Japan und Europa

Auch auf individueller Ebene bekommt der japanische Arbeitsethos Risse. 1969 wurde der erste Fall von „Karoshi“, also dem plötzlichen und stressbedingten Tod am Arbeitsplatz, bekannt. Das bedeutete natürlich nicht, dass es nicht bereits zuvor solche Fälle gegeben hat. Inzwischen sind es 150 Karoshi-Fälle jährlich – ohne die Sekundär- und Langzeitfolgen von Überarbeitung einzubeziehen. Das erinnert an den Tod eines Bankpraktikanten 2013 in London, der durch die 100-Stunden-Woche an Schlafmangel starb.

Aber der japanische Stress beginnt eigentlich schon in der Schule. Um einen Studienplatz an den „Big Five“, also den Universitäten in Tokio und Kioto zu bekommen, muss eine sehr schwere Eignungsprüfung bestanden werden. Um diese zu bestehen, besuchen viele Schüler und Schülerinnen zusätzlich zum regulären Unterricht private Nachhilfeschulen, sogenannte „Jukus“. Das hohe Ansehen von Bildung im Allgemeinen und von exzellenter Bildung im Spezifischen führt allerdings schon in frühem Alter zu massivem Konkurrenzdruck und Wettbewerb – vielleicht ein Grund, dass die japanische Suizidrate international an 8. Stelle steht.

Ideal und Schattenseiten lebenslanger Arbeit

Das war einmal anders. Die konfuzianisch geprägte Gesellschaft empfand es als hehres Ziel, eine große Harmonie zu schaffen, in der jeder Mensch sein Bestmögliches gibt. Sicher ist das nicht die Wunschvorstellung von Minderheiten, Individualisten oder Skeptikern eines verordneten Konsens. Doch es ist der Traum Vieler in Zeiten von Zeitarbeitsverhältnissen, in denen teilweise die geforderte ‚Flexibilität‘ eher angsteinflößend als freiheitsversprechend wirkt.

Diese Stabilität gebende Gemeinschaft gab es auf jeden Fall. Es galt der Gedanke des ‚Shushin Koyo‘, der lebenslangen Beschäftigung – wobei ‚lebenslang‘ in vielen Fällen einfach mit ’sehr langfristig‘ zu übersetzen ist. Die Entlassung wurde als Vertrauensbruch, ja gar als moralische Verfehlung angesehen. Das führte teilweise sogar dazu, dass Unternehmen, „bei denen es gerade nicht so lief“, äußerst fleißig mit maximaler Produktivität und kompletter Mannschaft in den Ruin wirtschafteten. Eine Spur von dieser Arbeitsweltphilosophie kann sich unsere Hire- & Fire-Arbeitswelt aber sicher abschauen. Heute werden von den Arbeitnehmenden Spitzenleistungen und umfassende Fähigkeiten gefordert, gleichzeitig muss er ersetzbar bleiben.

Auch 2014 ist es in Japan „noch“ verpönt, viele Stellen abzubauen (klingt ‚abbauen‘ in diesem Zusammenhang nicht auf deplatzierte Art und Weise konstruktiv?). Sony stieß ihre Laptopsparte ab, schrieb mit dem Vertrieb von Handys und Fernsehern tief-rote Zahlen, entließ aber „nur“ 2000 Menschen. Möglich ist dies durch Zeitarbeit. 40% aller japanischen Beschäftigten sind inzwischen Zeitarbeiter (v. a. junge Menschen und Frauen), die nicht beim Unternehmen direkt angestellt sind. Zwischen ihnen und dem Unternehmen steht ein Broker, der den Beschäftigten Unterkünfte, Transport und wenn nötig ein Visum besorgt. Dafür behält er einen guten Teil des Lohns. Zeitarbeitende bekommen daher etwa ein Drittel weniger Lohn als Festangestellte – für gleiche Arbeit. Aufgrund dieses Zeitarbeitssystems ließ sich der Anstieg der Arbeitslosigkeit relativ gut verschleiern.

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Migration und Integration wagen

Gleichzeitig finden massive, demographische Umwälzungen statt. Die Zahl der Japaner im „werkfähigen“ Alter nimmt jährlich im sechsstelligen Bereich ab. Obwohl sich Angebot und Nachfrage auf dem Arbeitsmarkt damit grundlegend verändern, und die verbleibenden Arbeitnehmenden in einer starken Position sein sollten, kommt es nicht zu Lohnsteigerungen. Der Wettbewerb scheint sich auf das Produktangebot zu beschränken. Das zu ändern wird schwer: Es gibt keine schlagkräftigen Gewerkschaften und ein Großteil des Arbeitsmarktes wird von Brokern kontrolliert.

Das ist fatal. Nach der japanischen Wirtschaftsprofessorin Noriko Hama braucht es genau diese Lohnsteigerungen, um eine wirkungsvolle Umverteilung stattfinden zu lassen. Eine Stärkung des Binnenmarktes und vor allem bessere Integration aller sieht sie als entscheidend an. Stattdessen reagiert die Regierung des Premiers Abe mit halben Wachstumsprogrammen und experimenteller Geldpolitik. (Die japanischen Notenbank druckte in einem Maße Geld, dass sich die Geldmenge in nur zwei Jahren verdoppelte.) Immerhin 16,1% der Japaner leben unterhalb der Armutsgrenze. Vor allem auf dem Land verarmen ganze Landstriche. Zu den demographischen Herausforderungen und fehlenden Teilhabechancen kommt der Unwille vieler Japaner, mehr Migration und Integration zu wagen.

Parallelen und Chancen in Deutschland

Gibt es Parallelen zu Deutschland? Sicherlich ist Japan wirtschaftlich und auch demographisch gesehen ein „Extremfall“. Andererseits war 2012 die Geburtenrate in Deutschland sogar geringer als die in Japan. Auch in Deutschland befinden wir uns in der paradoxen Situation, in der Fachkräftemangel auf eine nicht geringe Anzahl von Arbeitssuchenden stößt. Dazu kommt das, im europäischen Vergleich, geringe Lohnniveau und dessen Auswirkungen auf die Bevölkerung und Nachbarländer.

Auch einem Menschen, der einer angewandten Menschlichkeit nicht viel abgewinnen kann und Migration vor allem volkswirtschaftlich betrachtet, sollte es einleuchten, dass es dringend ist, dem Spruch „Migration als Chance zu sehen“, Taten folgen zu lassen.

Gleichzeitig bestärkt solch ein Blick über den nationalen Tellerrand die Tatsache, dass Gewerkschaften auch im 21. Jahrhundert eine wichtige Rolle spielen und dass der eingeführte Mindestlohn überfällig war. Schließlich konnten die reichsten 10% der deutschen Bevölkerung zwischen 2000 und 2008 ihr Einkommen um 13% steigern, während die Einkommen der unteren 50 % um 5% zurückgingen (und das, obwohl die Arbeitslosenquote im selben Zeitraum um 2% sank).

Nun dürfen wir uns nicht mit einem Mindestlohn voller Ausnahmeregeln abspeisen lassen. Soziale Ungleichheit, Migration und Integration, Bildung und Teilhabe sind zu entscheidend.

 

[Bildrechte: Titelbild, Artikelbild = creative commons]

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